Als Mann an Frauenuni in Südkorea: Allein unter Studentinnen

Von Malte E. Kollenberg

Ein Traum für jeden Studenten: An der Sookmyung University in Seoul lernen 15.000 Frauen - und nur zehn Männer. BWLer Christian Baudisch aus Bamberg ist für zwei Semester dabei. Manchmal bestaunen Gruppen von Studentinnen ihn wie eine Attraktion im Zoo.

Mit schnellen Schritten eilt Christian Baudisch über den Campus der Sookmyung Women's University. Er ist spät dran, reißt die Tür zum Hörsaal auf und hat Glück: Es wird gemurmelt und getuschelt, der Professor ist noch nicht da. Trotzdem wird es augenblicklich still, alle Augen richten sich auf ihn, denn der BWL-Student ist der einzige männliche Student im Kurs.

Wie immer.

BWL-Student Baudisch: Immer auf das Image achten
Malte E. Kollenberg

BWL-Student Baudisch: Immer auf das Image achten

Seit zwei Semestern studiert der 25-Jährige an der Sookmyung, im Juli wird er nach Deutschland zurückkehren. 15.000 Frauen sind hier eingeschrieben - und zehn Gaststudenten. An einer Uni nur mit Frauen, das konnte sich Baudisch vor dem Abflug nach Korea nicht vorstellen. In Deutschland gibt es keine einzige Frauenuniversität, in Seoul allein fünf.

Seit über 100 Jahren schreiben sich Koreanerinnen an der Hochschule ein. Sie wurde damals gegründet, um Frauen eine Chance in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu geben. Heute gilt sie als Eliteschmiede der Frauen von Südkorea.

Der Professor rät: "Keep your image clean"

Doch wer als Mann an den Himmel auf Erden denkt, täuscht sich gewaltig. "Hier wohnen ganz viele Studentinnen mit 23 oder 24 Jahren noch bei den Eltern. Spätestens um Mitternacht müssen sie wieder zu Hause sein", erzählt Baudisch. WG-Partys und ein Studentenleben wie in Münster, Berlin oder Bamberg? Fehlanzeige.

Die eigene Wohnung ist für den Partner tabu. Oft werden nicht mal langjährige Freunde mit nach Hause genommen. Zweisamkeit findet nur in sogenannten Love Motels statt: Ein Zimmer kostet rund 10 Euro pro Stunde, 25 bis 40 Euro legen die Studenten für die ganze Nacht hin.

Auch an der Uni geben sich die Koreanerinnen sehr zurückhaltend, trotz atemberaubend kurzer Röcke, Hotpants und hoher Absätze. Auf den Gängen und in der Mensa wird gekichert, geguckt und getuschelt. Und manchmal kommt es vor, dass vor der Tür schon eine Gruppe Studentinnen auf Baudisch wartet - wie auf eine Attraktion im Zoo.

"Alles, was die Austauschstudenten angeht, macht ganz schnell die Runde", berichtet er. Anonymität existiert nicht. Auch die Dozenten haben ein Auge auf die Studenten. "Ein Professor hat uns zu Anfang gewarnt: Keep your image clean!" Für Baudisch ist klar: "Wir Männer sind hier ganz schnell unten durch, wenn wir zu oft die Partnerin wechseln."

Reputation zählt sehr viel in Korea, vor allem für Studenten an einer Frauenuniversität. Der Campus ist weitläufig und fast parkähnlich angelegt. Zwischen den Grünflächen ragen neunstöckige Gebäude hervor, überall prangt der Name der Universität, in Stein gemeißelt oder auf einem der zahlreichen Flachbildschirme.

"Die haben kein natürliches Verhältnis zu Männern"

Dass überhaupt Studenten an der Sookmyung University zugelassen werden, ist auf eine Verwechselung zurückzuführen. So will es zumindest eine Legende unter den Austauschstudenten: Vor Jahren soll sich hier ein Finne beworben haben. Da die Verwaltung seinen Vornamen für weiblich hielt, ging das Auslandsamt von einer Studentin aus und ließ den Finnen zu.

Die Uni indes bestreitet die Version: Man habe einfach erkannt, wie wichtig auch der Austausch mit dem anderen Geschlecht sei, erklärt Soo Young Song, Koordinatorin im Auslandsamt der Sookmyung.

VWL-Studentin Grit Haedicke wundert die Verpflichtung der ausländischen Studenten kaum. Nach zwei Semestern an der Sookmyung zeigt sich die 22-Jährige schockiert von der Verklemmtheit ihrer Kommilitoninnen: "Die haben kein natürliches Verhältnis zu Männern. Wenn man sich im Leben immer nur gegen Frauen durchsetzen musste, beschränkt das einfach den Erfahrungswert." Hier breche schon Torschlusspanik aus, wenn die Studentinnen mit der Uni fast fertig seien und noch immer keinen Freund hätten.

Im Idealfall komme eine Koreanerin mit 27 Jahren unter die Haube. Um nachzuhelfen, würden schon mal die Eltern Treffen mit dem anderen Geschlecht arrangieren. Oder die Mädchen ließen sich auf Blind Dates ein, erklärt Haedicke. Die Studentinnen gehen dann in Nachtclubs, sogenannte Booking-Clubs. Für Frauen ist der Eintritt frei, Männer können Tische buchen. Die Kellner bringen die Frauen eigenständig oder auf Anforderung von der Tanzfläche zu den Jungs an den Tisch.

Das Schöne sei, dass Koreanerinnen kaum auf Abenteuer aus seien - "es glauben immer noch alle an die wahre Liebe".

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