Gutachten der Uni Köln: Anatomie des Leichenskandals

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Leichen wurden ungekühlt gelagert, falsch geführt, vergessen: Das anatomische Institut der Uni Köln ging skandalös schlampig mit Körperspenden um - nun liegt ein Gutachten zu den Vorfällen vor. Einzelne Räume versanken demnach schon seit mindestens 20 Jahren im Chaos. Niemand schlug Alarm.

Anatomie-Skandal in Köln: Wartezimmer Leichensaal Fotos
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32 Särge mit auspräparierten Leichen in Raum 037, 36 weitere Särge mit Leichen auf dem Institutsflur vor dem Raum, drei Särge mit eigentlich schon bestatteten Leichen in Raum 038, zehn Särge mit unidentifizierbaren Teilen "von jeweils mindestens zwei Personen", 61 weitere Leichen in nicht funktionierenden Kühltanks, Leichenteile in Plastikfolie in Raum 109 - was nach Horrorkabinett klingt, beschreibt den Zustand, in dem sich über Jahre hinweg das anatomische Institut der Universität Köln befand.

Ende 2011 war die Uni-Leitung erstmals über die Situation informiert worden, kurz danach wurden das Chaos im Leichenkeller auch öffentlich bekannt. Das Entsetzen war groß - und wurde noch größer, als sich im Februar ein früherer Direktor des anatomischen Instituts das Leben nahm. Der Professor, der bei Studenten und Mitarbeitern ausgesprochen beliebt war, habe den öffentlichen Druck nicht mehr ertragen, hieß es.

Rektor entschuldigt sich

Direkt nach Bekanntwerden des Skandals hatte der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth eine lückenlose Aufklärung versprochen. Unter Leitung von Reinhard Putz, dem früheren Direktor der Anatomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, machten sich externe Experten an die Aufarbeitung - und konstatieren in ihrem am Donnerstag vorgestellten Bericht chaotische Zustände. Freimuth entschuldigt sich im Vorwort ausdrücklich bei Körperspendern und Angehörigen für den Umgang mit den Leichen.

"Im Zentrum Anatomie lagen nicht hinnehmbare Missstände im Umgang mit den Körperspenden vor", heißt es in dem zehnseitigen Bericht. Körperspenden seien zu lange und unsachgemäß gelagert und eine "große Anzahl" Särge nicht bestattet worden.

Die Untersuchung der Vorfälle habe in einem sehr schwierigen Umfeld stattgefunden, schreiben die Gutachter. "Die große Beliebtheit des verstorbenen Professor K. und seine in keiner Weise in Frage stehenden Verdienste um die Ausbildung zahlreicher Medizinstudierender haben viele Mitglieder und Angehörige der Universität in großer Trauer und Betroffenheit zurückgelassen." Mitarbeiter der Hochschule hätten deshalb nur zögerlich auf die Fragen der Ermittler geantwortet.

Unklare Verantwortlichkeiten

Weil die Vorgänge sich über Jahre erstreckten und mehrere Personen für die Leichen zuständig waren, "können Fehler nicht mehr eindeutig zugeordnet werden". Strafrechtlich relevante Vorwürfe gebe es zwar nicht, moralisches Fehlverhalten jedoch sei "allen Beteiligten vorzuwerfen". Die Gesamtverantwortung für das Chaos in Anatomie und Sektionssaal liege beim verstorbenen ehemaligen Leiter, "auch wenn Professor K. nicht persönlich für die einzelnen, oben beschriebenen Zustände verantwortlich zu machen ist".

Auch die Universität sei ihrer Pflicht "nicht ordnungsgemäß nachgekommen, einen hochsensiblen Bereich wie das Zentrum Anatomie in angemessener Weise in Qualitätssicherungsprozesse einzubinden".

Auffällig an dem Bericht ist die Feststellung, dass einzelne Räume der Anatomie offenbar schon seit 1992 und länger im Chaos versanken - und die defekte Kühlung oder fehlende Klimaanlagen trotzdem nicht der Uni-Leitung gemeldet wurden. Schriftliche Hinweise auf Probleme mit der Leichenaufbewahrung gebe es jedenfalls weder in den Akten der Fakultät noch bei der Universitätsspitze oder in der Verwaltung des Klinikums. Es spreche viel dafür, dass die meisten Mitarbeiter des Instituts Bescheid wussten - "es aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen niemals zu einer Beseitigung selbst unbrauchbar gewordener Präparate gekommen ist".

Leichensaal als Warteraum

Selbst Studenten bekamen mit, dass es drunter und drüber ging. So wurde etwa im Sommersemester 2011 im Hörsaal des Instituts eine Histologie-Klausur geschrieben. Weil zwei Semester gleichzeitig antreten mussten, der Platz aber nicht ausreichte, musste eine Gruppe für eine Stunde im Präparationssaal warten - zwischen Eimern, in denen Gehirne schwammen, und umgeben "von unerträglichem Gestank", wie ein Student berichtet: "Das sind nicht gerade die angenehmsten Voraussetzungen vor einer Klausur."

Mittlerweile, betont Uni-Rektor Axel Freimuth, sei das Durcheinander aber beseitigt: Die Bestattung von Leichen und Leichenteilen sei abgeschlossen, die Lagerräume seien in einen ordentlichen Zustand gebracht und die Technik entsprechend saniert worden. Als Nächstes werde das System zur Identifizierung der Leichen grundlegend reorganisiert und regelmäßig überprüft. Außerdem sollen kontinuierliche Kontrollen und Begehungen das Vertrauen in die Arbeit des anatomischen Instituts wiederherstellen.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Alle bekommen die vollen Beamtenbezüge
iffel1 06.12.2012
und keiner ist verantwortlich. Da muss man eben mal die Zuständigkeiten von unten nach oben aufknüppern und dann gelangt man an den, der die Verantwortung entwederdelegiert hat (an wen ?) oder das nicht getan hat, dann ist er verantwortlich. Und dann stellt sich die Frage, welche disziplinarischen Maßnahmen folgen müssen. Und dann muss sich auch gefragt werden, welcher politsche Staatsdiener ein entsprechend bezahltes Amt hat und die Zuständigkeit auf oberster Ebene trägt und nicht gemacht hat, um das aufzuarbeiten. Aber im Öffentlichen Dienst geht ja die Hälfte der Arbeitszeit drauf, zu vertuschen und/oder Schuld anderen in die Schuhe zu schieben - da kann man immer mit rechnen, das noch weitere Leichen irgendwo in öffentlichen Kellern liegen !
2. Ich will meinen Opa wiederhaben!
lizard_of_oz 06.12.2012
Zitat von sysopLeichen wurden ungekühlt gelagert, falsch geführt, vergessen: Das anatomische Institut der Uni Köln ging skandalös schlampig mit Körperspenden um - nun liegt ein Gutachten zu den Vorfällen vor. Einzelne Räume versanken demnach schon seit mindestens 20 Jahren im Chaos. Niemand schlug Alarm. Anatomie-Skandal um Leichen in Köln: Uni stellt Bericht vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/anatomie-skandal-um-leichen-in-koeln-uni-stellt-bericht-vor-a-871283.html)
Ein Leben lang für dieses Land erst gekämpft und jahrelang in russischer Gefangenschaft gelebt und dann in Deutschland bis zur Rente gearbeitet. Zum Dank dafür dass er seinen Körper der Wissenschaft gespendet hat, wird dieser weitaus schlechter behandelt wie ein toter Wellensittich. Hoffentlich liegt Opa nicht in einer dieser Ramschkisten.
3.
Hafenschiff 06.12.2012
Zitat von iffel1Alles Beamte und keiner ist verantwortlich. Da muss man eben mal die Zuständigkeiten von unten nach oben aufknüppern und dann gelangt man an den, der die Verantwortung entwederdelegiert hat (an wen ?) oder das nicht getan hat, dann ist er verantwortlich. Und dann stellt sich die Frage, welche disziplinarischen Maßnahmen folgen müssen. Und dann muss sich auch gefragt werden, welcher politsche Staatsdiener ein entsprechend bezahltes Amt hat und die Zuständigkeit auf oberster Ebene trägt und nicht gemacht hat, um das aufzuarbeiten. Aber im Öffentlichen Dienst geht ja die Hälfte der Arbeitszeit drauf, zu vertuschen und/oder Schuld anderen in die Schuhe zu schieben - da kann man immer mit rechnen, das noch weitere Leichen irgendwo in öffentlichen Kellern liegen !
Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist, aber in Lehre und Forschung an Universitäten gibt es bis auf die paar Professoren an jedem Institut keine Beamten. Im Gegenteil: Die Regel für wissenschaftliche Angestellte an Universitäten ist eigentlich eher, dass die alle nur 1-, 2- oder 3-Jahresverträge haben. Das ist meistens ein reges Kommen und Gehen. Kein Wunder, dass sich dann da bei solchen Zuständen keiner für irgendwas verantwortlich fühlt. Und wenn der Chef dann nix unternimmt, schleift sich das dann halt alles so ein. Das ist aber in jeder Firma auch so. Die Zustände dort scheinen ja schon seit 20 Jahren so zu sein. Wenn da dann alle 3 Jahre die neuen Doktoranden kommen, um die Säle und Labore betreuen sollen und alle älteren Doktoranden bzw. Mitarbeiter sagen "Ach, das haben wir immer schon so gemacht. Da brauchen wir nix ändern.", dann ändert sich auch nix. Die Neuen passen sich halt den alten, schon immer da gewesenen Zuständen an, um erst mal nicht mit den neuen Kollegen anzuecken. Normalerweise hätte aber der Chef da mal richtig durchgreifen und dafür sorgen müssen, dass da wieder Ordnung in den Laden kommt. Der ist jetzt nu aber tot, so dass man ihn auch nicht mehr verantwortlich machen kann.
4.
Hafenschiff 06.12.2012
Zitat von iffel1Alles Beamte und keiner ist verantwortlich. Da muss man eben mal die Zuständigkeiten von unten nach oben aufknüppern und dann gelangt man an den, der die Verantwortung entwederdelegiert hat (an wen ?) oder das nicht getan hat, dann ist er verantwortlich. Und dann stellt sich die Frage, welche disziplinarischen Maßnahmen folgen müssen. Und dann muss sich auch gefragt werden, welcher politsche Staatsdiener ein entsprechend bezahltes Amt hat und die Zuständigkeit auf oberster Ebene trägt und nicht gemacht hat, um das aufzuarbeiten. Aber im Öffentlichen Dienst geht ja die Hälfte der Arbeitszeit drauf, zu vertuschen und/oder Schuld anderen in die Schuhe zu schieben - da kann man immer mit rechnen, das noch weitere Leichen irgendwo in öffentlichen Kellern liegen !
Ich weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist, aber in Lehre und Forschung an Universitäten gibt es bis auf die paar Professoren an jedem Institut keine Beamten. Im Gegenteil: Die Regel für wissenschaftliche Angestellte an Universitäten ist eigentlich eher, dass die alle nur 1-, 2- oder 3-Jahresverträge haben. Das ist meistens ein reges Kommen und Gehen. Kein Wunder, dass sich dann da bei solchen Zuständen keiner für irgendwas verantwortlich fühlt. Und wenn der Chef dann nix unternimmt, schleift sich das dann halt alles so ein. Das ist aber in jeder Firma auch so. Die Zustände dort scheinen ja schon seit 20 Jahren so zu sein. Wenn da dann alle 3 Jahre die neuen Doktoranden kommen, um die Säle und Labore betreuen sollen und alle älteren Doktoranden bzw. Mitarbeiter sagen "Ach, das haben wir immer schon so gemacht. Da brauchen wir nix ändern.", dann ändert sich auch nix. Die Neuen passen sich halt den alten, schon immer da gewesenen Zuständen an, um erst mal nicht mit den neuen Kollegen anzuecken. Normalerweise hätte aber der Chef da mal richtig durchgreifen und dafür sorgen müssen, dass da wieder Ordnung in den Laden kommt. Der ist jetzt nu aber tot, so dass man ihn auch nicht mehr verantwortlich machen kann.
5. Und da wundert sich noch einer......
ctwalt 06.12.2012
warum Menschen Ihre Körper, bzw. Organe weder spenden, noch der Forschung zur Verfügung stellen wollen? Fehlt der Universität Personal, oder Kompetenz um die Fachbereiche adäquat zu führen?
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