Angehende Geistliche: Gott sei bei uns

Von Fabienne Kinzelmann

Alexander Nachama, 27: "Schon mit 14 durfte ich Gottesdienste leiten"

Alexander Nachama: Schon sein Großvater war Kantor in der Synagoge Zur Großansicht
Tobias Barniske

Alexander Nachama: Schon sein Großvater war Kantor in der Synagoge

"Andere jüdische Gleichaltrige studieren in einem anderen Umfeld als ich, sind kaum von Juden umgeben, gehen auf die normalen Studentenpartys - da ist es nicht verwunderlich, wenn Partnerschaften zwischen Juden und Nicht-Juden entstehen. Aber für mich persönlich könnte ich mir das nur schwer vorstellen, weil ich hauptsächlich mit ebenfalls Gläubigen zusammen studiere und lebe.

Ich bin in den jüdischen Glauben sozusagen hineingeboren. Es war als Jugendlicher auch selbstverständlich für mich, dass ich am Ende der Woche nichts mit Freunden unternehme: Sabbat ist für uns der siebte Wochentag, ein Ruhetag, der vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Einbruch der Dunkelheit am Samstag dauert.

Mit meiner Familie ging ich immer in die Synagoge. In Berlin gibt es circa zehn und mein Opa war nach dem Zweiten Weltkrieg in einer von ihnen Kantor. Auf seinem linken Unterarm war seine Häftlingsnummer tätowiert: 116155. Opa war überzeugt, dass er Auschwitz nur wegen seines Gesangs überlebte.

In Berlin lernte er seine Frau Lilli kennen, sie hatte die NS-Diktatur im Untergrund überlebt und brachte ihn in Kontakt mit der Jüdischen Gemeinde. Wegen seiner tollen Baritonstimme wurde er angestellt.

"Es macht mir Freude, Verantwortung zu übernehmen"

Nach meinem Abitur 2003 bin ich der Familientradition gefolgt und habe wie mein Vater ein Studium als Kantor in den USA absolviert. Das war mein Traum, seit ich denken kann. Parallel studierte ich damals Judaistik an der Freien Universität Berlin. In den vorlesungsfreien Zeiten hatte ich immer Lehrgänge - im Sommer in New York, im Winter in der Nähe von Denvor. Billig war das nicht, aber meinen Eltern war das zum Glück so wichtig wie mir und sie haben die vierjährige Ausbildung zum Kantor bezahlt.

Der Kantor ist im jüdischen Gottesdienst für den Teil des Singens zuständig. Man kann singen, wie es die Noten vorgeben - aber das könnte ja jeder Opernsänger. Wichtig für einen Kantor ist: Wo setze ich meine Schwerpunkte? Was betone ich besonders?

Das Hebraicum habe ich an der Uni gemacht. Das richtige Sprechen habe ich aber erst in einer Sprachschule gelernt: Nach meinem Bachelor an der FU bin ich seit 2008 im Rabbinerprogramm des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam. Zu meiner Ausbildung gehörte ein halbjähriger Aufenthalt in Israel. Dort habe ich neben der Sprachschule an zwei Abenden pro Woche bei Rabbinern gelernt.

Montag bis Mittwoch bin ich für meinen Master in Jüdischen Studien an der Uni Potsdam, Mittwochnachmittag bis Freitagmittag studiere ich am Kolleg Kurse wie "Liturgie" und "Vorbeten". Ein Rabbiner ist für die Struktur eines Gottesdienstes und die Predigt zuständig: Er liest aus der Tora vor und bindet die Gemeinde ein.

Schon mit 14 durfte ich erste Gottesdienste leiten. Ich hatte mir von meinem Großvater abgeguckt, wie man das macht. Jetzt gehören zu meinem Rabbinerstudium auch Praktika in verschiedenen jüdischen Gemeinden, die das Kolleg für mich auswählt.

Ich war zum Beispiel in Mönchengladbach in einer Gemeinde mit vielen russischsprachigen Mitgliedern. Für sie war es wichtig, dass ich einen 'schönen' Gottesdienst abhalte - also beispielsweise besonders schöne Melodien auswähle. Es war schwierig mit der Gemeinde, denn durch die Sprachbarriere gab es kaum persönlichen Kontakt. Das war echt frustrierend! Meine Predigten, die ich auf Deutsch hielt, wurden ins Russische übersetzt.

Es macht mir aber unglaubliche Freude, Verantwortung im Gottesdienst zu übernehmen! Vielleicht bin ich deswegen kaum noch nervös, wenn ich vor eine Gemeinde trete. Trotzdem: Bis heute ist es jedes Mal etwas Besonderes."

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