Angemalte Uni-Mensa: Wo Studenten mit bunten Riesen speisen

Von Stephan Thomas

Die Studenten in Bonn sind unzufrieden mit dem grauen Betonklotz an der Autobahn, der ihre Mensa ist. Doch seit Semesterstart tummeln sich bunte Figuren an den Wänden. Der Zweckbau sollte schöner werden und den Auftrag bekam kein Profi-Maler - sondern der Kunststudent Tsan Yu Hsieh.

Studentenjob Malerei: Bunte Riesen für die Popp-Mensa Fotos
Yao Yao

Während die Studenten ihre Tabletts auf das Förderband stellen, steigt Tsan Yu Hsieh, 24, auf seine Leiter und streicht eine weitere Rolle Farbe an die Wand. Ein paar Neugierige bleiben stehen. Sie schauen Yu dabei zu, wie er einen grünen, springenden Jungen an die Wand malt.

Das von den Bonner Studenten "Popp-Mensa" genannte Gebäude gehört dem Studentenwerk. Trotzdem ist Yu kein Sprayer oder illegaler Street-Art-Künstler. Im Juli hat der Student der Malerei den Auftrag bekommen, die Mensa in Bonn-Poppelsdorf mit Wandbildern zu verzieren. Neben dem rechteckigen Beton-Gebäude wachsen Rhabarber und Kartoffeln auf den Flächen des landwirtschaftlichen Uni-Instituts, daneben rauscht der Verkehr auf der Autobahn 565 vorbei.

Maler-Student Yu stammt aus Taiwan und lebt seit vier Jahren in Bonn. Die ersten Entwürfe entstanden an seinem Computer. Und nachdem Alexander Bojanowsky, Leiter des Studentenwerks, die Pläne begutachtet und abgesegnet hatte, fing Yu im August an zu malen.

Den Studenten gefallen die Bilder, eine neue Mensa wäre ihnen lieber

Gleich zu Anfang, im Speisesaal, gab es Probleme. Zunächst grundierte er die Wände mit Weiß, doch das klappte nicht richtig: "An manchen Stellen ist die Farbe so alt, dass sie die neue Farbe einfach aufsaugt", erklärt Yu.

Viele Wände mussten so ihre ursprüngliche Farbe, ein sattes Gelb, behalten. Mit Klebeband formte Yu die Umrisse von überlebensgroßen Figuren an den Wänden. Im letzten Schritt malte er die Figuren bunt aus und fügte Feinheiten wie Hände, Haarsträhnen oder Brillen hinzu.

Für einige Bilder haben dem jungen Künstler die Mensa-Mitarbeiter Modell gestanden. Er zeigt auf die Silhouette eines großen Mannes im Eingangsbereich. Er trägt eine Basecap und eine Brille weit vorne auf der Nase. "Das ist einer der Köche ", sagt Yu.

Den meisten Studenten gefallen Yus Bilder zwar, allerdings würden viele lieber die alte Mensa renoviert, als nur oberflächlich verbessert sehen. Studentin Sonia, die regelmäßig in der Popp-Mensa isst, sagt: "Das Geld hätte besser angelegt werden können, zum Beispiel in neue Stühle." Auch das Urteil von Geografie-Masterstudent Thorsten fällt kritisch aus: "Die Malereien machen zwar die Mensa schöner. Aber das war auch nicht schwer, denn es ist ansonsten kein besonders einladender Ort."

Die Mensa, Baujahr 1969, könnte eine Renovierung gut gebrauchen. Dafür fehle allerdings momentan das Geld, sagt Mirjam von der Mark, die Sprecherin des Bonner Studentenwerks. "Die Mensa mit Malereien zu verschönern ist für uns ein Kompromiss zwischen Renovierung und dem Status quo", sagt sie. In drei bis fünf Jahren, so von der Mark, würden weite Teile der Uni ohnehin nach Poppelsdorf verlagert. Sie versichert: "Dann wird auch eine neue Mensa gebaut."

Alexander Bojanowsky, Leiter des Studentenwerkes, hatte über die Zeitung von Tsan Yu Hsieh erfahren, die über eine Auszeichnung für den jungen Taiwanesen berichtet hatte: ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für seine hervorragende künstlerischen Leistungen. Bojanowsky kontaktierte die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, an der Yu studiert. Und dort vermittelte Ulrika Eller-Rüter, Professorin der Malerei, den Leiter des Studentenwerks direkt an Yu weiter, der seit gut zwei Jahren an der Alanus-Hochschule Malerei studiert.

Malstopp bis zum Frühjahr - dann ist die Außenseite dran

Seit Studienbeginn hat er schon mehrere Wandbilder angefertigt, die Neugestaltung der Mensa ist allerdings sein bisher aufwändigster Auftrag. Tag für Tag stand er dafür in der Mensa und malte unter der Woche zehn Stunden und auch ein paar Stunden am Wochenende. Das Studentenwerk bezahlt ihn mit einer Pauschale, er bekommt 1.700 Euro für den kreativen Innenanstrich der Mensa. Während Yu malt, läuft eine kleine Videokamera mit, denn wenn er fertig ist, will er seinen Studienkollegen die monatelange Arbeit im Zeitraffer vorführen.

Yu lacht, dann seufzt er: "Darauf freue ich mich schon." Zum Semesterstart ist Yu nun mit dem Innenbereich fertig. Danach muss die Arbeit an der Mensa bis ins Frühjahr ruhen. "Wenn es draußen kalt ist, haftet die Farbe nicht gut. Außerdem friere ich mir die Finger ab", sagt Yu.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum Yu mit dem Anmalen der Außenwände noch warten muss. Die Stadt Bonn hat seine Entwürfe noch nicht genehmigt. Neben der Mensa verläuft nämlich die Autobahn A 565 und die Autofahrer könnten im Vorbeifahren von den Malereien abgelenkt werden.

Ein Neubau für die von Yu aufgehübschte Popp-Mensa ist geplant. Betriebsleiter Axel Masemann zeigt auf die Felder neben der Mensa und sagt: "In zwei bis drei Jahren wird dort eine neue Mensa stehen, mit Außengastronomie." Der frisch bemalten Popp-Mensa könnte in vier oder fünf Jahren dann der Abriss drohen - bis dahin aber kann man Yus Werk noch bestaunen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Popp-Mensa
avollmer 22.10.2010
Wer poppt denn in der Mensa? Oder ist die Malerei poppuläre Kultur?
2. Popp
Ergotamin 23.10.2010
Zitat von avollmerWer poppt denn in der Mensa? Oder ist die Malerei poppuläre Kultur?
Das Wort "Popp" stammt vom Bonner Stadtteil Poppelsdorf. Dort liegt die Mensa und Popp-Mensa ist somit die Abkürzung von Poppelsdorfer Mensa.
3. Mensa Poppelsdorf
waelder 25.10.2010
Zu den Zeiten, als ich mich fünfmal die Woche in der Popp-Mensa aufhielt (1975-1981), hieß es: "der Student geht solange zur Mensa, bis er bricht". Bunte Figuren helfen da wenig, solange sich sonst nichts ändert.
4. Mensa Bonn
Julsoe 25.10.2010
ich finde es gut, dass man einen Studenten und nicht einen etwablierten Künstler engagiert hat. Somit kann der junge mann schonmal eine größere Auftragsarbeit vorweisen. Ist doch schön für ihn. Ansonsten muss ich sagen, dass die Mensa der Uni Bonn (ich war eigentlich immer in der Hauptmensa, aber die Poppmensa hat ja denselben Speiseplan) sich sehr verbessert hat. Das Essen fand ich zu meiner Studienzeit (2001-2006) nur selten grausam und eigentlich recht abwechslungsreich.
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