Schavans Plagiatsaffäre: Eine Frage der Ehre

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Bildungsministerin Schavan: Operation Titelverteidigung

Eine Ministerin kämpft um ihren Titel, ihre Ehre - und wohl auch um ihr Amt: Die Uni Düsseldorf entscheidet, ob sie ein Verfahren gegen Annette Schavan einleitet. Wird die Christdemokratin schon am Dienstag ihren Doktorgrad verlieren? Oder entscheidet das Gremium anders? Drei Szenarien.

Sprechen soll sie über das "Ideal Bildung" und über die "Internationalisierung unseres Bildungs- und Wissenschaftssystems", und zwar an der Hochschule für Philosophie in München, die von den Jesuiten betrieben wird. Normalerweise ein Heimspiel für Annette Schavan (CDU), gläubige Katholikin und Bundesministerin für Forschung und Bildung. Sie ist als Stargast zum Ende einer Vorlesungsreihe angekündigt.

Doch vor dem Wohlfühltermin am Donnerstag steht eine andere Entscheidung an, die Schavan nur noch abwarten und nicht mehr beeinflussen kann: Die Universität Düsseldorf - genauer: der Rat der Philosophischen Fakultät - entscheidet am Dienstag darüber, ob ein Verfahren eingeleitet wird, an dessen Ende die Ministerin ihren Doktortitel verlieren könnte.

Der Dienstag ist somit ein Schicksalstag für Schavans Karriere. Denn das Uni-Gremium ist vollkommen frei in seiner Entscheidung: 15 Mitglieder befinden darüber, ob Schavans Doktorarbeit aus dem Jahr 1980 ("Person und Gewissen") als Plagiat anzusehen ist, nicht mehr und nicht weniger. Aber indirekt bestimmen sie damit auch über den akademischen Ruf und wohl auch die politische Zukunft der Ministerin. Es sind acht Professoren, zwei wissenschaftliche und zwei nichtwissenschaftliche Mitarbeiter sowie drei Studenten. Wie wird es ausgehen? Folgende Szenarien sind denkbar:

  • Der schnelle Schuldspruch: Der Fakultätsrat stimmt nicht nur dafür, ein Verfahren einzuleiten, sondern auch für den sofortigen Titelentzug. Er würde sich damit dem Votum des Promotionsausschusses anschließen, der Schavans Arbeit eingehend geprüft hatte. Für diese Variante spricht: Die Meinung des Uni-Gutachters war eindeutig, das Votum gegen Schavan im Ausschuss einstimmig, auch wenn womöglich nur noch von bedingtem Vorsatz die Rede sein könnte. Doch selbst dann könnten die Prüfer der Meinung sein, die Mängel der Arbeit seien so groß, dass die Ministerin ihren Titel verlieren müsse. Selten hat in ähnlichen Verfahren die Fakultät anders entschieden als der Promotionsausschuss. Es wäre ein harter Schlag für Schavan, schon die Vorwürfe haben sie "im Kern" getroffen, wie sie selbst einmal sagte. Anderseits könnte sie gegen die Entscheidung juristisch vorgehen. Ein Rückzug kommt für sie nicht in Frage, zumal sie Rückendeckung aus dem Kanzleramt bekommt, wie der SPIEGEL berichtet, und aus ihrem Wahlkreis (Ulm/Alb-Donau), wo man sie am Freitag erneut zur Kandidatin für die nächste Bundestagswahl küren will - egal, wie die Uni entscheidet.
  • Die Hängepartie: Der Fakultätsrat leitet ein Verfahren gegen Schavan ein, entscheidet aber noch nicht über den Titelentzug. Das Gremium könnte weitere Gutachter beauftragen, die Debatte könnte sich in die Länge ziehen. Schon jetzt gehört die Auseinandersetzung um Schavans Doktorarbeit zu den am längsten andauernden Plagiatsverfahren seit Guttenberg. Das Problem für Schavan: Solange über einen Titelentzug nicht entschieden ist, kann sie nicht juristisch dagegen vorgehen. Sie könnte kaum kämpfen, wie sie es vorhat, sondern wäre zum Abwarten verdammt. Sie muss ein Interesse daran haben, dass die Auseinandersetzung möglichst früh vor der Bundestagswahl im Herbst endet. Andererseits könnten weitere Gutachten sie entlasten.
  • Der Freispruch: Das Gremium könnte die Vorwürfe fallen lassen und kein Verfahren einleiten. Es ist die unwahrscheinlichste aller Varianten - es wäre aber die für Schavan günstigste. Die Ministerin könnte ihren Titel behalten, relativ unbelastet in den Wahlkampf gehen und stets darauf verweisen, dass sie mehr oder minder freigesprochen wurde. Die Affäre wäre weitestgehend ausgestanden.

Plagiatsverfahren der Universität Düsseldorf: Der Fakultätsrat entscheidet Zur Großansicht
Universität Düsseldorf

Plagiatsverfahren der Universität Düsseldorf: Der Fakultätsrat entscheidet

Für Schavan ist es längst mehr als der Kampf um ihr Amt. Denn ein großer Teil ihres Selbstbilds speist sich daraus, dass sie sich als gewissenhafte Akademikerin sieht und als Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft, so nahm sie vor einigen Jahren auch eine Honorarprofessur in Berlin an.

Wie die Front in der Wissenschaft verläuft

Doch in ebendieser Gemeinschaft ist der Streit um die Ministerin schon vor der Entscheidung eskaliert. Bei anderen Plagiatsaffären - etwa bei Guttenberg - war sich die Wissenschaft schnell weitestgehend einig: Der Titel muss weg. Bei Schavan jedoch verbeißen sich einflussreiche Forscher und Funktionäre. Für oder gegen Schavan, diese Front zieht sich durch die Hochschul- und Institutslandschaft.

So sprangen die wichtigsten Wissenschaftsorganisationen und die Hochschulrektorenkonferenz der Ministerin im Titelkampf bei: Nur wenige Tage vor der Entscheidung in Düsseldorf veröffentlichten sie eine Erklärung, in der sie das Verfahren an der Uni Düsseldorf verklausuliert, aber scharf kritisieren. Dagegen hat sich die Uni jetzt gewehrt: "Das von der Philosophischen Fakultät zu führende Verfahren wird ausschließlich auf Grundlage der entsprechenden rechtlichen Regelungen durchgeführt", heißt es auf der Website.

Die Hochschule bekam zudem Unterstützung vom Philosophischen Fakultätentag, der Standesvertretung der geisteswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland. Der Vorsitzende Tassilo Schmitt, Geschichtsprofessor aus Bremen, nannte das Verfahren "rechtlich korrekt", es genüge "allen in der Wissenschaft üblichen Standards". Schon zuvor hatte die Uni Düsseldorf ein Rechtsgutachten veröffentlicht, das ihr bescheinigt, verfahrenstechnisch alles richtig gemacht zu haben. Denn die Hochschule steht mittlerweile fast ebenso unter Druck wie die Ministerin.

Jetzt hat auch der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, die Uni in Schutz genommen - und die Angriffe der Forschungsfunktionäre verurteilt: "Hochrangige Vertreter der Wissenschaft erweisen der Wissenschaft einen Bärendienst, wenn sie den fatalen Eindruck entstehen lassen, politisch wünschenswerte Ergebnisse könnten öffentlich herbeigeredet werden."

Chronologie der Plagiatsaffäre um Annette Schavan

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Der erste Vorwurf

2. Mai 2012: Ein anonymes Mitglied des VroniPlag-Netzwerks veröffentlicht eigenmächtig einen Plagiatsvorwurf gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Der Anonymus nennt sich "Robert Schmidt". Schavan erklärt, ihre 30 Jahre alte Doktorarbeit "Person und Gewissen" "nach bestem und Gewissen" angefertigt zu haben. Auf Bitten Schavans beginnt der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät ein Prüfverfahren.

"Spaß an der Detektivarbeit"

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5. Mai 2012: In einem schriftlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE gibt Schmidt zu Protokoll, er suche "aus Spaß an der Detektivarbeit" nach Plagiaten in Doktorarbeiten. Es sei aber auch darum gegangen, den bei VroniPlag-Recherchen entstandenen Anfangsverdacht "nicht unter den Tisch fallen zu lassen".

Befund des Anonymus

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9. Oktober 2012: "Robert Schmidt" gibt bekannt, er habe die Suche nach Fehlern in Schavans Arbeit abgeschlossen. Insgesamt kritisiert er nun 92 Stellen in der mehr als 350 Seiten umfassenden Doktorarbeit.

Gutachter: "Leitende Täuschungsabsicht"

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15. Oktober 2012: DER SPIEGEL zitiert aus einem vertraulichen Gutachten des Vorsitzenden des Promotionsausschusses der Uni Düsseldorf. Der wirft Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Schavan weist eine Täuschungsabsicht "entschieden zurück". Sie räumt ein, sie habe "hier und da noch sorgfältiger formulieren können".

Promotionskommission empfiehlt Verfahren

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21. Dezember 2012: Erneut berichtet DER SPIEGEL, diesmal, dass die Promotionskommission geschlossen hinter einem Aberkennungsverfahren steht.

Gutachter verteidigt das Vorgehen der Uni

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16. Januar 2013: Ein externer Gutachter stärkt der Uni den Rücken. Der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Gärditz bescheinigt der Universität Düsseldorf, sie habe keine "rechtlich relevanten Verfahrensfehler" gemacht.

Breitseite gegen die Universität

18. Januar 2013: Fünf Tage bevor die Universität über eine Titelaberkennung oder den Beginn eines Verfahrens entscheiden will, veröffentlicht die Allianz der Wissenschaftsorganisationen eine Erklärung, die Schavan den Rücken stärken soll. In der Erklärung werfen führende Wissenschaftsorganisationen und die Hochschulrektorenkonferenz der Hochschule Verfahrensfehler vor.

Hilfe von Merkel und Zank in der Wissenschaft

20. Januar 2013: Die Bundeskanzlerin stehe fest zu ihrer engen Vertrauten, heißt es aus dem Kanzleramt, ein Rücktritt komme nicht in Frage. Der DHV als Standesvertretung der Hochschulprofessoren und der Philosophische Fakultätentag, Dachverband der universitären Geistes- und Sozialwissenschaftler, kritisieren die Allianz der Wissenschaftsorganisationen und sprechen sich wiederum für die Uni Düsseldorf aus. DHV-Chef Kempen sagt, allein die Uni Düsseldorf sei "Herrin des Verfahrens". Durch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen solle "ein politisch gewünschtes Ergebnis herbeigeredet" werden.

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insgesamt 108 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ehre?
graphicdog 21.01.2013
Zitat von sysopdapdEine Ministerin kämpft um ihren Titel, ihre Ehre - und wohl auch um ihr Amt: Die Uni Düsseldorf entscheidet, ob sie ein Verfahren gegen Annette Schavan einleitet. Wird die Christdemokratin schon am Dienstag ihren Doktorgrad verlieren? Oder entscheidet das Gremium anders? Drei Szenarien. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/annette-schavan-uni-duesseldorf-entscheidet-ueber-titelentzug-a-878729.html
Ehre und Politik...wann hat das das letzte Mal zusammengepasst? Ich bin 44 Jahre alt, und kann mich an keinen Politiker erinnern, der Ehre gezeigt hätte. graphicdog
2. optional
gbk666 21.01.2013
Ich befürchte sie wird freigesprochen von dem Verdacht. Warum? Weil Deutschland mehr und mehr zu einer Bananenrepublik geworden ist in der Vetternwirtschaft großgeschrieben wird. Gerechtigkeit ist derzeit kaum zu erwarten.
3. Angriff ist die beste Verteidigung
ulrich.baum0410 21.01.2013
Frau Schavan scheint nach der Devise zu handeln das Angriff die beste Verteidigung ist. Etwas mehr Demut und Selbstkritik wäre angebracht. Aber ihre Doppelmoral ist so evident wie die Doppelmoral ihrer katholischen Kirche
4. Die Plagiatsanteile der Arbeit sind Aufgrund solcher unqualifizierten Kommentare
friedi234 21.01.2013
Zitat von gbk666Ich befürchte sie wird freigesprochen von dem Verdacht. Warum? Weil Deutschland mehr und mehr zu einer Bananenrepublik geworden ist in der Vetternwirtschaft großgeschrieben wird. Gerechtigkeit ist derzeit kaum zu erwarten.
sind doch erhebliche Zweifel an der Technik Volksabstimmung angebracht.
5. Die Plagiatsanteile der Arbeit sind
friedi234 21.01.2013
Zitat von gbk666Ich befürchte sie wird freigesprochen von dem Verdacht. Warum? Weil Deutschland mehr und mehr zu einer Bananenrepublik geworden ist in der Vetternwirtschaft großgeschrieben wird. Gerechtigkeit ist derzeit kaum zu erwarten.
m.W. noch nicht bekannt bzw. bewertet. Zudem muss eine 30 Jahre alte Arbeit in den damals gültigen Kontext gesetzt werden. Bin kein politischer Freund von Frau AS, aber aufgrund solcher unqualifizierten Aussagen sind doch erhebliche Zweifel an der Technik Volksabstimmung angebracht.
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