Anonyme Plagiatsjäger: Stellt Euch nicht!

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Feige Denunzianten, linke Wirrköpfe und Nerds mit zu viel Zeit: Dieses Bild zeichnen abschreibende Politiker von Plagiatsjägern im Netz, weil diese ihre Identität nicht preisgeben wollen. Ein verzweifelter Versuch, vom eigenen Betrug abzulenken. Die Aktivisten sollten weiter im Verborgenen bleiben.

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Corbis

Jagd im Dunkeln: Die Macher von "VroniPlag" wollen anonym bleiben

Es geht den Politikern mit unsauberen Doktorarbeiten natürlich auf die Nerven, dass sie nicht wissen, wer sie da in diesem Internet ins Visier genommen hat. Verständlich.

Aber den Plagiatsjägern ihre Anonymität vorzuwerfen, um damit von der eigenen Fehlleistung abzulenken, ist ein durchsichtiges und billiges Manöver. Der EU-Abgeordnete Jorgo Chatzimarkakis, der an diesem Mittwoch seinen Doktorgrad verloren hat, tut so, als müsse er sich gegen anonyme Lästereien wehren, wie sie auf der Schüler-Pöbelplattform iShareGossip zu finden sind. Dabei hat die Lästerseite mit der Plagiatsjäger-Plattform Vroniplag nur zweierlei gemein: Beide stehen im Internet, und die meisten Nutzer bleiben anonym.

Aber die abschreibenden Politiker fühlen sich vorverurteilt und von Petzen an den Pranger gestellt. Womöglich aus politischen Motiven, schließlich trifft es ja meistens Politiker von Union und FDP. Die Politik-Doktoren und ihre Verbündeten stellen - mindestens implizit - die Frage: Wer würde sonst nächtelang Texte scannen und miteinander vergleichen, wenn nicht linke Wirrköpfe und Nerds, die zu viel Zeit haben?

So warf Chatzimarkakis den Plagiatsjägern fehlende Transparenz vor, zuletzt bei "Anne Will", wo er auch erzählte, seine Zitierweise in Oxford gelernt zu haben. Sein EU-Parlamentskollege Alexander Alvaro hatte schon zuvor gewettert: "Mit VroniPlag ist das Denunziantentum aus dem Schutze der Anonymität des Internets heraus anscheinend zum gesellschaftlich akzeptierten Sport geworden." Der Politikberater, Publizist und Blogger Michael Spreng forderte: "Die Jäger müssen sich stellen."

Sie liegen falsch, VroniPlag ist nicht iShareGossip. Es sind Ablenkungsgefechte mit Scheinargumenten. Denn...

  • ...es kommt - zumindest in der Wissenschaft - nicht darauf an, wer etwas sagt, sondern was derjenige sagt. Oder besser: Es sollte so sein. Das bessere Argument schlägt das gute, egal von wem es kommt. Natürlich ist es in der Wissenschaft üblich, zu seinen Erkenntnissen und seinen Ansichten mit dem eigenen Namen zu stehen - und dem Professor wird eher geglaubt als dem Studenten. Aber das ist nur eine gefühlte Glaubwürdigkeit. Und schließlich: Eine Doktorarbeit soll die Wissenschaft voranbringen, auch deshalb ist sie öffentlich. Es ist vollkommen egal, wer sich mit ihr beschäftigt.
  • ...VroniPlag arbeitet transparent. Verdächtige Textstellen werden diskutiert und ausführlich dokumentiert. Jeder kann mit den Plagiatsjägern chatten, Fragen stellen, sich beteiligen. Die Aktivisten verstehen sich selbst nicht als Jäger, sondern als "kollaborative Dokumentaristen". Sie fordern auch keine Aberkennung von Titeln, sie informieren aber die Universitäten, die dann offiziell prüfen.
  • ...es ist vollkommen egal, welche Motive die Vroniplag-Leute vorantreiben. Selbst wenn sich dort ein digitaler Kampfverband der Linkspartei durch langatmige Dissertation quälen würde - ein Plagiat bleibt ein Plagiat. Es hindert niemand die Junge Union daran, eine AG "Plagiatsentdeckung bei den Linken" zu gründen. Natürlich wäre es spannend, auch journalistisch, zu wissen: Wer steckt hinter VroniPlag? Gelangweilte Rentner, linksalternative Studenten, erboste Doktoranden? Es ist auch nachvollziehbar, dass Chatzimarkakis wissen will, mit wem er es zu tun hat. Aber es ändert nichts an der Zitierschludrigkeit, die dort aufgedeckt wird. Und ein bisschen was ist ja bekannt über die Aktivisten. Wer mehr wissen will: Auf Mails und im Chat antworten die Macher ziemlich schnell und verlässlich. Mit zahlreichen Journalisten haben sie sich bereits getroffen.
  • ...Anonymität muss nichts Schlechtes sein. Das wissen Politiker - und auch Journalisten, die davon profitieren - in der Regel ziemlich genau. Kaum jemand nutzt die anonyme Informationsweitergabe zum eigenen Vorteil so virtuos wie Politiker - von banal bis brisant: Da wird in Hintergrundgesprächen über Parteifreunde gelästert, da werden Absprachen über Waffendeals durchgestochen. Es wirkt schon putzig, wenn ausgerechnet liberale Politiker fordern, die Anonymität im Internet müsse aufgehoben werden.
  • ...die VroniPlag-Leute stehen zum großen Teil mit etwas anderem ein als mit ihrem bürgerlichen Namen: mit ihrem Pseudonym. Das pflegen sie und dessen Reputation schützen sie. Debora Weber-Wulff, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, ist bislang die Einzige, von der Name und Pseudonym öffentlich bekannt sind. Für Politiker wie Chatzimarkakis würde es keinen Unterschied machen, ob Weber-Wulff unsaubere Zitate aufdeckt oder WiseWoman, wie sie online heißt.

Der Vorläufer von VroniPlag hieß nach dem Ex-Verteidigungsminister GuttenPlag. Die Plattform wurde gerade mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Die Plagiatsjäger schickten einen Vertreter, um ihre Anonymität zu wahren. Man kann ihnen nur raten: Bleibt dabei, auch wenn wir euch gerne kennenlernen würden!

Nicht, weil ihr sonst unzählige Hassmails bekommt und als "Verlierer des Tages" auf Seite Eins der "Bild" erscheint wie Weber-Wulff. Sondern weil es ablenken würde von dem, worum es geht: Welche Doktorarbeit ist sauber und welche eben nicht?

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insgesamt 217 Beiträge
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1. Das fette Leben ist vorbei ...
Politikum 13.07.2011
Tjaja, das fette Leben ist wohl vorbei. Nichts mehr mit Doktorarbeit zusammenklatschen und damit durchkommen. Was genau hat die Politik eigentlich erwartet? Per Datenspeicherung den Bürger zum gläsernen Objekt machen, aber selber empört reagieren, wenn das Plagiat enttarnt wird? Jedem das gleiche Recht. Der Bürger muss machtlos mit ansehen, wie der Staat mit zweifelhaften Methoden das Telefon oder das Bankkonto des Bürger überwacht. Und der Politiker muss halt damit rechnen, dass er selber seine Betrügereien um die Ohren gehauen bekommt. Ganz einfach.
2. Völlig richtig!
Europa! 13.07.2011
Die Promotionsbetrüger versuchen doch bloß, ihr eigenes Fehlverhalten zu relativieren durch persönliche Angriffe auf diejenigen, die es aufgedeckt haben. Ein Plagiat ist und bleibt ein Plagiat, ganz egal, wer darauf hinweist. Wissenschaft muss sauber bleiben.
3. Warum gibt es eigentlich geheime Wahlen?
wilko0070 13.07.2011
Was würde geschehen, wenn die Politiker fordern würden, dass sich jeder Wähler für seine Stimmabgabe bekennen und rechtfertigen müsste?
4. Nach § 3a BDSG ...
vmontantus 13.07.2011
... ist Datenvermeidung und Datensparsamkeit ein gesetzliches Gebot. http://bundesrecht.juris.de/bdsg_1990/__3a.html Personenbezogene Daten dürfen nur erhoben werden, wenn es für legale Zwecke notwendig ist. Insofern müssen sich diejenigen, die an der Aufdeckung der Plagiate mitarbeiten weder rechtfertigen noch schlecht fühlen. Sie verhalten sich einzig gesetzeskonform. Ich teile die Ansicht, dass es verzweifelte und dümmliche Ablenkungsmanöver der Plagiatoren sind. Die Arbeit sollte endlich von den Universitäten, denen hier die Arbeit abgenommen wird, anerkannt und entlohnt werden, beispielsweise durch Spenden für die notwendige IT-Infrastruktur. Und wo bleiben die Parteien als Förderer? WARUM regt sich insoweit niemand? Angst? Dann wohl zu Recht.
5. ....
KarlKäfer 13.07.2011
Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass die Plagiatsaufdecker anonym bleiben möchten. Wenn ich bspw. daran denke, wie leicht man während der Ausübung seines Berufes als Steuerfahnder zum psychisch Kranken gemacht werden kann, dann würde wohl die Abkehr aus der Anonymität das Aus für die Aufdeckung bedeuten. Trau, schau, wem !
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