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Anrüchige Doktorarbeiten: Sorry, war nur ein Versehen

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Handwerkliche Fehler, keine Absicht, nicht so schlimm - die Entschuldigungen und Ausreden überführter und mutmaßlicher Plagiatoren in der Politik ähneln sich. Die aktuellen Fälle Althusmann und Pröfrock werfen erneut die Frage auf: Wo verläuft die Grenze zwischen Schlampigkeit und Wissenschaftsbetrug?

Kultusminister Althusmann: "Mögliche handwerkliche Fehler" Zur Großansicht
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Kultusminister Althusmann: "Mögliche handwerkliche Fehler"

Zwei Meldungen vom selben Tag: Einer der wichtigsten Bildungspolitiker des Landes gerät unter Druck, weil er in seiner Doktorarbeit mindestens unsauber zitiert haben soll. Und ein eher unbekannter Landtagsabgeordneter aus Baden-Württemberg verliert seinen Doktorgrad, weil er "in nicht unerheblichem Maße" fremde Texte wörtlich übernommen habe, ohne dass dies kenntlich gemacht wurde, wie seine Uni mitteilt.

Da ist zum einen Bernd Althusmann (CDU), Bildungsminister in Niedersachsen und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK) - ein Gremium, das zu seinen Aufgaben zählt, die Qualitätsstandards an Schulen und Hochschulen zu sichern. Die Universität Potsdam geht nun dem Vorwurf nach, Althusmann habe in seiner Doktorarbeit "Prozessorganisation und Prozesskooperation in der öffentlichen Verwaltung - Folgen für die Personalentwicklung" gegen wissenschaftliche Standards verstoßen; er habe sich "großzügig aus fremdem geistigen Eigentum bedient, ohne dies in der notwendigen Weise deutlich zu machen", berichtet die "Zeit".

Da ist zum anderen der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock (auch CDU). Die anonymen Plagiatsjäger von VroniPlag hatten seine Arbeit ins Visier genommen - und wurden schnell fündig. Dann überprüfte eine Kommission der Universität Tübingen seine Arbeit "Energieversorgungssicherheit im Recht der Europäischen Union / Europäischen Gemeinschaften". Sie und schließlich auch der Promotionsausschuss unter Leitung der Fakultätsdekanin Barbara Remmert kamen zu dem Schluss: Der Doktorand habe "in jedem Fall grob fahrlässig" gehandelt. "Deshalb haben wir entschieden, den Doktortitel abzuerkennen", so Remmert. "Dass Textpassagen in großer Zahl kopiert wurden, ohne dies anzugeben, ist Fakt."

Es sind die jüngsten Fälle, in denen Politiker ins Visier von Plagiatsjägern geraten sind. Beide Fälle unterscheiden sich allerdings in einigen Punkten:

  • Während auf Althusmanns Arbeit Journalisten von der "Zeit" aufmerksam machten, untersuchten Pröfrocks Arbeit wieder die anonymen Aktivisten auf der Plattform VroniPlag, die auch schon die Doktorarbeit der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis durchforstet hatten.
  • Während Althusmann bislang nur im Verdacht steht, unsauber gearbeitet zu haben, ist Pröfrock in den Augen seiner Universität überführt und verliert seinen Doktortitel.
  • Während bei Althusmann das Ausmaß der unsauberen Zitate und Textübernahmen noch unklar ist, auch weil noch nicht die ganze Arbeit überprüft wurde, sind bei Pröfrock laut VroniPlag auf gut der Hälfte der Seiten Plagiate dokumentiert, zum Teil wurden ganze Textblöcke ohne Quellenangabe abgeschrieben, selbst aus Wikipedia kopierte Passagen finden sich demnach in dem Text.

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Doch was beide Fälle gemein haben: An vielen Stellen wird nicht deutlich, was in welchem Umfang woher stammt. Darum aber geht es; es ist das zentrale Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens.

Zuletzt hatte das der Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer auf den Punkt gebracht. Dem SPIEGEL sagte er: "Wenn ich als Leser nicht weiß, wer mit mir redet, der Autor der Dissertation oder ein anderer, werden Grundregeln verletzt." Anführungszeichen und Fußnoten nicht zu setzen, ist in der Wissenschaft eben keine Kleinigkeit, korrektes Zitieren ist von elementarer Bedeutung.

Wo beginnt wissenschaftliches Fehlverhalten?

Bernd Althusmann räumt jetzt "mögliche handwerkliche Fehler" ein. Er versucht, die Unterschiede zu anderen Plagiatoren in der Politik herauszustellen, wenn er sagt: "Es handelt sich in erster Linie um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über die korrekte Zitierweise in wissenschaftlichen Arbeiten und nicht um Textübernahmen ohne Quellenangabe."

Und natürlich ist es etwas anderes, einfach ohne Quellenangabe abzuschreiben, wie es Pröfrock nachweislich tat, als das Wort "vergleiche" in einer Fußnote falsch zu verwenden wie in den untersuchten Kapiteln bei Althusmann.

Aber beides ist ein Verstoß gegen wissenschaftliche Standards. Denn durch das Wort "vergleiche" kann eine Kopie einfach verschleiert werden: Ein ganz leicht umformulierter Textteil wird übernommen und per Vergleich auf die Originalquelle verwiesen. Gedankliche Eigenleistung wird suggeriert, ist aber nicht vorhanden. Es gibt verschiedene solcher Methoden, in der von der "Zeit" veröffentlichten Analyse sind sie ausführlich nachzulesen.

Wenn derartige Verstöße gehäuft auftreten, dann ist es schwer, an ein Versehen zu glauben. Die Universität Potsdam prüft - zunächst wird der Dekan der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät, Klaus Goetz, die Arbeit begutachten. Er hat Althusmann bereits zu einer Stellungnahme aufgefordert. Dann, in etwa 14 Tagen, werde entschieden, ob die universitätseigene Kommission zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens die Arbeit analysieren muss.

Pröfrock will retten, was zu retten ist

Eindeutiger ist die Lage im Fall Pröfrock. Der Landtagsabgeordnete versucht nun zu retten, was zu retten ist: seine politische Karriere. Er nennt die Aberkennung seines Doktortitels einen harten Schlag. Er gibt zu, "nicht alle fremden Textstellen" in seiner Dissertation korrekt gekennzeichnet zu haben. Dass er bewusst getäuscht habe, streitet er jedoch ab. Ihm seien schwere wissenschaftliche Fehler unterlaufen, über die er sich sehr ärgere und für die er sich entschuldige. "Es war fahrlässig, dumm - aber keine Absicht", so der Jurist Pröfrock.

Er habe bei der Recherche Textpassagen in seine Arbeit kopiert - das ist nicht unüblich beim wissenschaftlichen Arbeiten. Er sei dann allerdings unter Zeitdruck geraten und habe am Ende die kopierten Passagen nicht mehr alle identifizieren können. Es ist eine Begründung, die sich anhört wie von Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg kopiert.

Allerdings macht die Arbeit Pröfrocks, anders als die von Guttenberg, schon formal keinen guten Eindruck: Ihr fehlt die Ordnung, Kapitel und deren Unterpunkte sind schwer bis gar nicht voneinander zu unterscheiden. Stichproben zeigen, dass Pröfrock sich aus viel online verfügbarer sogenannter grauer Literatur bedient hat, ohne sie als Quelle zu benennen - aus Papieren des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages ebenso wie von Web-Seiten der EU, des Jülicher Kernforschungszentrums und weiteren bei ihm ungenannten Quellen.

Es drängt sich auch die Frage auf, wie eine solche Arbeit den Begutachtungsprozess unbehelligt durchlaufen konnte - immerhin haben zwei Prüfer die Arbeit gelesen und bewertet. Pröfrocks Doktorvater, der Juraprofessor Wolfgang Graf Vitzthum, ist sich keiner Mitschuld bewusst. Zwar habe der Doktorand inhaltlich die gesteckten Ziele nicht erfüllt, was zu einer Benotung "im unteren Bereich" geführt habe, kopierte Passagen und formale Fehler habe er jedoch nicht bemerkt, sagte Graf Vitzthum bereits im Mai der "Stuttgarter Zeitung", als die Untersuchung noch lief.

McAllister hält zu seinem Kultusminister

Dass bei der Begutachtung etwas schief gelaufen sein könnte, verneint auch die Dekanin der Universität. Dem Doktorvater könne man nichts vorwerfen. "Kopierte Textpassagen müssen nicht unbedingt auffallen", so Remmert.

Nachdem das Ergebnis der internen Uni-Prüfung zu Pröfrocks Dissertation jetzt vorliegt, prüft nun auch die Staatsanwaltschaft Tübingen, ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat vorliegt. Sei dies der Fall, müsse die Immunität des Abgeordneten aufgehoben werden, sagte ein Sprecher. Bereits Anfang Juni wurde eine Strafanzeige wegen Betrugs gegen Pröfrock gestellt. Man prüfe auch, ob eine Urheberrechtsverletzung vorliege, so der Sprecher.

Wenn es zu Ermittlungen kommt, muss sich der frischgebackene Landtagsabgeordnete wohl Sorgen um sein Mandat machen. Erst nach den Landtagswahlen Ende März zog Pröfrock als zweitjüngster CDU-Abgeordneter in den Landtag ein. Er selbst denkt nicht daran, sein Mandat abzugeben. Die Bürger hätten ihm erst vor einigen Wochen das Vertrauen ausgesprochen. "Sie haben mich sicher nicht wegen meines Doktortitels gewählt", sagte er.

Auch Kultusminister Althusmann will im Amt bleiben, auch wenn es bereits Rücktrittsforderungen gibt: Sollte sich herausstellen, dass er tatsächlich gegen wissenschaftliche Grundsätze verstoßen habe, sei er als Minister nicht zu halten, sagte der Grünen-Fraktionschef im niedersächsischen Landtag, Stefan Wenzel. Die SPD-Landtagsabgeordnete Frauke Heiligenstadt forderte Althusmann auf, den KMK-Vorsitz vorerst ruhen zu lassen.

Doch Ministerpräsident David McAllister (CDU) sagte: "Er ist Minister und er bleibt Minister." Er fügte aber auch hinzu, die Prüfung durch die Universität müsse abgewartet werden. "So viel Zeit müssen wir uns nehmen."

mit Material von dpa

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1. Warum...
hinderschannes 07.07.2011
immer die Betrüger in den Reihen von CDU/FDP? Gibt es dort besonders viel charakterliche Defizite und warum wählen die dann noch so viele?
2. Rücktritt
Solid 07.07.2011
Alles andere als ein Rücktritt wäre ein Skandal.
3. Schlampige Doktorarbeit?
fxe1200 07.07.2011
"Wo verläuft die Grenze zwischen Schlampigkeit und Wissenschaftsbetrug? " Was für eine Frage!! Normalerweise nimmt man sich ausreichend Zeit für eine Doktorarbeit. Und wer an seine Dissertationsschrift schlampig herangeht, sollte erst gar keine schreiben. Wozu also die Abgrenzung? Wie soll denn jemand promovieren, der schon in seiner Doktorarbeit schlampt? Fehler (Grammatik, Orthografie) in sehr geringem Maße mögen verzeihlich sein, aber eine Promotion aufgrund einer schlampigen Arbeit und zwangsläufigerweidse einer schlampig arbeitenden Prüfungskommission, ist ein Schlag ins Gesicht derer, die diese Mühen der Dissertationsschrift auf sich genommen und die Ehrung der Verleihung des Doktorgrades rechtmäßig verdient haben.
4. Diese Betrugsfälle...
sappelkopp 07.07.2011
...wundern mich nicht. Ist doch auch ein Abitur von 1960 qualitativ überhaupt nicht mit einem Abitur von 1985 oder gar 1995 vergleichbar. Warum soll es bei Doktorarbeiten anders sein. Mich überrascht auch nicht, dass solche Betrüger dann auch im Amt bleiben, denn es gibt Kreise, da gilt so etwas als Kavaliersdelikt. Auch die Uneinsichtigkeit überrascht nicht, so ein junger Abgeordneter, der für sonst nichts taugt im Leben, der hängt an seinem Mandat, menschlich. Erschreckend finde ich jedoch, dass die Justiz solange überlegt etwas zu tun. Da vergeht genug Zeit und sang- und klanglos werden solche Verfahren - sofern sie denn eröffnet werden - wieder eingestellt. Noch erschreckender ist jedoch, dass im Wissenschaftsbetrieb nicht endlich mal einer auf den Tisch haut. Wie wird da gearbeitet? Es ist zu vermuten, dass diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind, bin gespannt, wer noch stolpert, über seine eigene Unfähigkeit und Faulheit. Ich habe jedenfalls vor jedem Handwerksmeister mehr Achtung vor seiner Leistung, als vor den albernen Doktoren.
5. Weißmacherei
mattheo1707 07.07.2011
Im Artikel heißt es an einer Stelle: "Und natürlich ist es etwas anderes, einfach ohne Quellenangabe abzuschreiben, wie es Pröfrock nachweißlich tat, als das Wort "vergleiche" in einer Fußnote falsch zu verwenden wie in den untersuchten Kapiteln bei Althusmann." Dem Duden zufolge wird "nachweißlich" korrekterweise doch mit "s" geschrieben, also "nachweislich". Man bezieht sich ja auf einen "Nachweis" und will nicht etwas "nachweißen" oder gar den Leuten etwas "weiß" machen. Oder doch? Klingt vielleicht pingelig, aber schließlich geht es in dem Beitrag ja um pingelige Genauigkeit – und da sollte der Verfasser dem Plagiator mit leuchtendem Beispiel voran gehen... :-)
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