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Ansturm der Senioren: Die Silberlinge von der ersten Bank

Von Anke Beimdiek

Die Zahl der Senioren, die es an die Uni drängt, wächst Jahr für Jahr. Dabei sind schräge Vögel und Wichtigtuer, die zum Monologisieren neigen und mit Anekdoten komplette Vorlesungen blockieren. Einigen Hochschulen reicht es: Sie errichten Zugangsschranken gegen die bildungshungrigen Alten.

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dapd

Vorlesung an der TU Dresden: Spezialwissen einiger Gasthörer als "großer Störfaktor"

Donnerstagmittag, kurz nach zwölf, im Hörsaal J12 der Philosophischen Fakultät der Uni Münster läuft gerade eine Vorlesung zum Thema "Das gute Leben". Es geht um die Frage, was unbedingt dazu gehöre. Was sagen Denker wie Aristoteles und Kant? Geht es in erster Linie um Liebe? Um Wohlstand? Freiheit? Wie bleibt man auch im Alter glücklich? Dozent Walter Mesch könnte einfach seine Hörer befragen. In den Stuhlreihen vor ihm sitzen genügend betagte Herren und Damen, die Antworten liefern könnten.

Es sind an diesem Mittag etwa 30 Seniorenstudenten gekommen, die meisten so um die 65, mit viel Zeit und einem starken Drang in die vorderen Reihen. Der Grauhaar-Pulk, aus dem ständig die Finger emporschnellen, ist ein gewohnter Anblick in der Universitäts- und Beamtenstadt Münster geworden: 2300 Seniorenstudenten bilden an der Hochschule das, was die jungen Kommilitonen gern mal als "Rentnerblock" oder "weiße Wand" bezeichnen.

Auch Köln, Heidelberg und andere deutsche Universitätsstandorte vermelden einen wachsenden Andrang der wissbegierigen Alten. So ist die Zahl der Gasthörer im vergangenen Jahr bundesweit wieder einmal gestiegen, 2009 um 13,6 Prozent auf heute fast 42.000. Dass sich der Trend in den nächsten Jahren umkehrt, ist unwahrscheinlich: Die Gesellschaft altert, die Idee vom lebenslangen Lernen inspiriert die Senioren, die Zahl kinderloser Akademiker, die auch spät noch dazulernen wollen, steigt stetig.

"Vorfahrt für Regelstudenten"

Kann das auf Dauer gutgehen? Können es die Jungen vertragen, wenn die Alten zunehmend in die Hochschulen drängen statt sich mit Volkshochschulkursen zu begnügen? Profitiert das universitäre Leben von den älteren Semestern? Oder kommen sich Jung und Alt in die Quere? Es sind Fragen, die die deutschen Hochschulen mehr denn je beschäftigen - auch deswegen, weil sich durch die doppelten Abiturjahrgänge derzeit so viele Regelstudenten an den Universitäten drängeln. So haben etliche Universitäten jetzt die Maxime "Vorfahrt für die Regelstudenten" ausgegeben und versuchen, den Andrang der Senioren zu bremsen.

"Mehr Gasthörer dürfen es nicht werden", sagt Philosophiestudent Michael Dunker, 26, aus Münster. Die Seniorenstudenten haben sich bevorzugt den Geisteswissenschaften verschrieben, so auch der Philosophie, daher erlebt Dunker sie beinahe täglich auch in seinen Vorlesungen. Er hält den Rentnerblock zwar für ein "bereicherndes Element" in den Hörsälen. Aber die Generationen stellen unterschiedliche Ansprüche an die Vorlesungen. Wenn die Ruheständler zum Beispiel getreu dem etwas verstaubten Motto "Der frühe Vogel fängt den Wurm" eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn die besten Plätze besetzen und für jüngere Studenten nur Treppenstufen oder Fensterbänke bleiben. Besonders problematisch findet Duncker es aber, dass einige der ergrauten Kommilitonen in den Vorlesungen lang und breit über eigene Erfahrungen schwadronieren - und damit die Pläne der Professoren durcheinanderbringen.

Zuweilen halten sie minutenlange Vorträge über den Hungerwinter 1946/47 oder das wilde Hippie-Dasein Ende der sechziger Jahre. "Es sind schon schräge Vögel und Wichtigtuer darunter", sagt Dunker. "Die stellen noch mehr nervige Fragen als die jüngeren Studenten."

An anderen Universitäten gefährdet der Habitus der älteren Semester gar den Vorlesungsfrieden: Die Hochschule Köln stellt in einem Dossier zum Thema Seniorenstudenten fest, dass sie im Gespräch manchmal so dominant auftreten, dass jüngere Studenten "entmutigt" werden. An der Uni Bonn gibt es immer wieder Beschwerden von Seiten der Regelstudenten über die vielen Redebeiträge der Senioren. Josha Nitzsche vom Asta in Bonn sieht die Dozenten deshalb in der Pflicht, die Seniorenstudenten "notfalls auch mal zu bremsen".

Die große Verbrüderung der Generationen findet nicht statt

Der Münsteraner Geschichtsprofessor Paul Leidinger ist einer von denen, die das tun. Er hat in seiner langen Karriere viele Erfahrungen mit den älteren Hochschülern gesammelt - und nicht immer waren sie positiv. Gerade hat er eine Vorlesung für ältere Gasthörer zu den Grundzügen der Westfälischen Geschichte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert gehalten. "Das Spezialwissen einiger Gasthörer kann ein großer Störfaktor sein", sagt Leidinger. "Wenn man darauf eingeht, besteht die Gefahr, dass man den Regelstudenten nicht mehr gerecht wird." Da gelte es dann, konsequent zu sein - etwa wie einer seiner Kollegen, der die Fragewut eines Gasthörers einmal mit der Androhung des Vorlesungsabbruchs im Zaum hielt.

Leidinger und die anderen Dozenten sehen es so: Bildung ist auch im Alter wichtig. Aber die Jüngeren sollten immer im Mittelpunkt stehen; schließlich gehe es da noch um ein ganzes Berufsleben.

Wolfgang Bücker hat Verständnis für manche Vorbehalte. Der 61-jährige ehemalige Betriebswirt sitzt hinten im Hörsaal S1 der Uni Münster und macht sich eifrig Notizen. Das Leben Konstantins des Großen und die Geschichte der Kirche gehören in diesem Semester zu seinem akademischen Berieselungsprogramm. Zu Hause, sagt Bücker, würde es ihm "wohl oft langweilig", außerdem freue sich seine Frau, wenn er etwas Sinnvolles mit seiner Zeit anfange. Von der Dozierwut einiger seiner Altersgenossen ist Bücker mitunter "peinlich berührt". Wenn man es aber so halte wie er und sich anpasse, sei das Verhältnis zu den Regelstudenten "völlig stressfrei".

Allerdings: Die große Verbrüderung der Generationen findet nicht statt. "Bei den Senioren gibt es die gleiche Grüppchenbildung wie bei uns", hat Michael Dunker festgestellt. Jeder mache sein eigenes Ding.

Unis in Bayern und NRW dämmen den Zustrom der Grauen ein

Um Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen, haben einige Hochschulen nun auf den Andrang der Älteren reagiert. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sind Seminare und Übungen für Senioren mittlerweile geschlossen - angesichts der steigenden Studierendenzahlen, dem doppelten Abiturjahrgang 2011 und der Einführung der Bachelor-Studiengänge ging es gar nicht anders.

An der Uni Bonn dürfen die Spätlerner Kurse mit begrenzter Teilnehmerzahl nur noch in Absprache mit den Dozenten besuchen. Überhaupt haben es Senioren in Nordrhein-Westfalen, die einen regulären Studiengang aufnehmen wollen, nun deutlich schwerer: Eine neu in Kraft getretene Vergabeverordnung regelt, dass über 55-Jährige nur noch zum Zuge kommen dürfen, wenn nach Abschluss des allgemeinen Bewerbungsverfahrens noch Studienplätze frei sind. Über deren Vergabe entscheidet dann ein Online-Losverfahren. Auch die Studiengebühren schrecken ab - inzwischen ist die Zahl der ordentlich eingeschriebenen Seniorenstudenten rückläufig.

Um der Sehnsucht der Senioren nach akademischer Bildung dennoch gerecht zu werden, gibt es an vielen Universitäten mittlerweile spezielle Angebote. Sie werden auch eifrig genutzt, beispielsweise das "Studium im Alter" an der Universität Münster oder das Zentrum "Seniorenstudium" an der LMU. Derweil plant die Uni Bonn eine "Bürgeruniversität". Es wolle ja niemand die Senioren vom Campus vertreiben, sagt eine Mitarbeiterin der Hochschule Köln. Nur nerven sollen sie nicht.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Melkt die Alten!
favela lynch 14.03.2011
Je näher der Tod rückt, desto wichtiger wird doch das Résumé. Und da ist festzustellen: Meine Güte, wenn schon der Körper nicht mehr will, vielleicht dann noch der Geist. Da hab ich mich doch ein Leben lang nicht drum kümmern können. Das wird jetzt nachgeholt. Nur ist eine Uni nicht dazu da, Reha für den Geist von Senioren anzubieten, sondern den Geist der Jungen maximal zu fordern. Überall wo Senioren mitreden wollen, sinkt aber das theoretische Niveau in Windeseile - wenn es überhaupt erst etabliert werden kann. Eine Universität, die Senioren beherbergen will, sollte sie wenigstens ordentlich melken. Idealerweise in einem streng separierten Bereich. Betreut von emeriti.
2. ...
!!!Fovea!!! 14.03.2011
Zitat von sysopDie Zahl der Senioren, die es an die Uni drängt, wächst Jahr für Jahr.*Dabei*sind*schräge Vögel und Wichtigtuer, die zum Monologisieren neigen und mit Anekdoten komplette Vorlesungen blockieren. Einigen Hochschulen reicht es: Sie errichten Zugangsschranken gegen die bildungshungrigen Alten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,743977,00.html
Die Uni können sich doch sanieren in dem sie deftige Gebühren erheben, dann würden die Studenten endlich Sitzplätze bekommen und ihre Ohren würden nicht ständig mit "Geschichten aus der Gruft" zuzementiert werden! Oder im Studienfach Ägyptologie, (ich erlebte das) als eine weißhaarige Gaststudentin im pharaonischen Alter den Dozenten ständig nervte, um ihm mitzuteilen, dass sie innerhalb einer Pauschalreise mal in Kairo und Luxor war.... Ein Prof. began in sein Vorlesungssemester erstmal, in dem er die ergrauten Gaststudenten damit konfrontierte, dass sie den jungen die Plätze wegnehmen und meist nur störend wirken (in Form von indifferenzierten Wortmeldungen). Die Folge war, die meisten "grauen Panther" fanden das anmaßend und kamen nicht mehr! Gut wars! Dieser Prof. handelte vorbildhaft!
3. Wie Blei und wie beim Kaffeekränzchen
Ylex 14.03.2011
Klasse - Oberstudienrat Müller-Braunschweig avanciert im 86. Lebensjahr zum Diplom-Soziologen, die Schnabeltasse in Reichweite, Gattin Elvira, 81, kauft gerade Spezial-Spaten ein, die sie nach dem gerade absolvierten Archäologie-Studium nach Syrien mitnehmen will, wo sie eine Grube ausheben will, selbstverständlich nicht für sich, sondern im Dienste der Wissenschaft, die immer noch mehr Scherben braucht. Da sitzen sie also in den Hörsälen wie Blei und wie beim Kaffeekränzchen, die Methusalem-Bildungsbürger, um sich des biologischen bedingten Geistesschwundes per Weiterbildung auf höchstem Niveau zu erwehren - sie nerven die Dozenten und Studenten mit ihren faseligen Lebensweisheiten, mit ihrem Jugendwahn, mit der Sinnlosigkeit ihres lebensabendlichen Aktivismus. Einfach rausschmeißen sollte man sie, das Studium generale des Rentnerdaseins wird hiermit ab sofort gestrichen - oder zur Kasse bitten: Wer drei Mal im Jahr mit dem Handstock am Strand von Fuerteventura entlangtapern kann, der soll seine blödsinnige Studiererei gefälligst selbst bezahlen.
4. Erbärmlich
avollmer 14.03.2011
Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, sollte man in der Lage sein sich Wissen eigenständig zu erarbeiten, anzulesen oder anspruchsvollere Vermittlungstechniken zu nutzen als die Seminare und Vorlesungen für Studenten. Als nächstes bieten dann Kindergärten Kurse zum Basteln für Oma und Opa an? Sinnvoller wäre es, wenn die Universitäten generell Seminare für Ehemalige und Menschen mit Berufserfahrung anbieten, nach dem Prinzip des Wissensupdates. Veranstaltungen, die in didaktisch aufbereiteter Form von der Front der Forschung berichten und die Möglichkeit bieten sein Wissen aufzufrischen. Ach, das gibt es ja schon. Nur ohne Ansturm eben.
5. Bildungsdemenz?
Sanchos Panzer 14.03.2011
Zitat von sysopDie Zahl der Senioren, die es an die Uni drängt, wächst Jahr für Jahr.*Dabei*sind*schräge Vögel und Wichtigtuer, die zum Monologisieren neigen und mit Anekdoten komplette Vorlesungen blockieren. Einigen Hochschulen reicht es: Sie errichten Zugangsschranken gegen die bildungshungrigen Alten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,743977,00.html
Ja, was ist denn da schon wieder los? Dürfen wir Alten jetzt auf Volkshochschulniveau verblöden und dahindämmern? Wir alle haben ein Recht auf Bildung und Weiterbildung, vor allem auch dann, wenn es die Rente erst ab 80 geben wird.Der Arbeitsmarkt braucht uns, um endlich alle Leerstellen zu besetzen.Ich selbst habe mit 90 Jahren noch einen Studiennabschluss an der Uni Bayreuth geschafft, und den Doktortitel gabs noch fast gratis dazu. Jeder braucht seine zweite Chance. Oder was soll z.B. dann aus von und zu Guttenberg werden ? Oder kann man auch auf der Volkshochschule promovieren? http://freakileaks.jimdo.com/guttis-world/
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