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Prekäre Arbeitsbedingungen: Wanka will Ausbeutung von Wissenschaftlern stoppen

Der Bund will gegen die miserablen Arbeitsbedingungen von jungen Forschern vorgehen. Daueraufgaben sollen nicht mehr über Zeitverträge geregelt werden. Die Finanzierung wird allerdings weiter von den Ländern abhängen.

Hamburg - Sie hangeln sich von einem Projekt zum nächsten oder planen ihre Doktorarbeit alle paar Monate neu: 90 Prozent des Wissenschaftlernachwuchses arbeitet unter prekären Bedingungen. Wer für ein Jahr Sicherheit hat, muss sich schon glücklich schätzen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will dies ändern. Die Möglichkeit, Forschern befristete Verträge zu geben, werde "teilweise ausgenutzt", sagte Wanka in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Sie wolle durch eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes gegen die miserablen Arbeitsbedingungen vorgehen.

Bei Doktorarbeiten solle sich die Vertragsdauer daran orientieren, wie viel Zeit für eine Promotion nötig sei. "Das wird selten unter drei Jahren gehen", sagte die Ministerin. Hochschulmitarbeiter sollten mehr Planungssicherheit haben, Daueraufgaben dürften nicht über Zeitverträge erledigt werden.

Die Bildungsgewerkschaft GEW hatte in der vergangenen Woche Alarm geschlagen. Der Großteil der 160.000 Nachwuchswissenschaftler muss sich mit Zeitverträgen begnügen, mehr als die Hälfte davon mit einer Laufzeit von unter einem Jahr. Zeitverträge reihten sich oft aneinander, sie erwiesen sich oft erst spät als Sackgasse, bemängelt auch der Wissenschaftsrat. Auch ein guter Teil der 30.000 Mitarbeiter an Forschungseinrichtungen außerhalb der Hochschulen arbeitet befristet.

"Mein Etat steigt um 25 Prozent. Wir werden Möglichkeiten haben und können langfristig denken", kündigte Ministerin Wanka an. "Der Anteil der unbefristeten Stellen muss wachsen."

Allerdings lehnt es Wanka ab, Hochschulen in Finanznot direkt zu helfen und verweist auf die Verantwortung der Länder für die Hochschulen. Durch die Aufhebung des Kooperationsgesetzes hätte der Bund zwar die Möglichkeit, einzelne Hochschulen langfristig zu unterstützen. Durch die jüngste Bafög-Reform hätten die Länder aber nun selbst neuen finanziellen Spielraum von insgesamt 1,17 Milliarden Euro pro Jahr, denn die Bundesregierung übernimmt seit diesem Jahr den bisherigen Länderanteil von 25 Prozent des Bafög. "Die Länder hätten durch die Bafög-Entlastung die Möglichkeit, mehr als 10.000 neue Stellen zu schaffen", so Wanka.

cpa

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1. ...
Newspeak 19.01.2015
Die Möglichkeit, Forschern befristete Verträge zu geben, werde "teilweise ausgenutzt" Nein, nicht teilweise (das klingt wie zufällig, "aus Versehen"), sondern ganz bewusst, systematisch und auf größtmöglicher Skala, von allen Beteiligten. Nebenbei...mancher Nachwuchswissenschaftler wäre schon um eine befristete Stelle froh und lebt von "Deutschlandstipendien" (Arbeitslosengeld/Hartz IV). Auch das wird von Vorgesetzten "teilweise" ganz bewusst in Kauf genommen, genauso wie Halbe (oder Drittel/Viertel) Stellen. Doktorarbeit ist schließlich Privatvergnügen. Und beinahe jede Nachfrage nach einem Postdoc wird damit beschieden, daß man sofort anfangen könne, mitzuarbeiten, wenn man sein eigenes Geld mitbringt. Ich wäre dafür, daß man diese Regelung auf alle Angestelltenverhältnisse ausdehnt. Deutschland ist in dieser Hinsicht noch viel zu sozial.
2. 12-Jahres-Regel abschaffen
Vater Gans 19.01.2015
Geändert werden muss vor allem die 12-Jahres-Regelung, die es verbietet, dass wissenschaftliche Mitarbeiter mehr als 12 Jahre in Fristverträgen arbeiten. Die Regel war zwar gut gemeint und sollte dazu führen, dass die Unis unbefristet anstellen, führt aber zu einem faktischen Berufsverbot für wiss. Mitarbeiter an deutschen Universitäten. Da die Leute nach 12 Jahren Zeitverträgen oft Anfang vierzig sind und bisher nur an der Uni gearbeitet haben, kommen sie auf dem Arbeitsmarkt nirgends mehr unter. Das ist die häßliche Seite der "Bildungsrepublik" Deutschland.
3. Nicht nur das
bosom 19.01.2015
auch TAs(Technische Assistenz) das Rückrad eines jeden Labores werden nur noch befristet angestellt. Die Finanzaufseher der Hochschulen reiben sich schon vorfreudig die Hände in Aussicht auf die anstehende Rentenwelle der unbefristeten Angestellten. Dann kann man endlich 40 Jahre Berufserfahrung gegen Menschen mit Zukunftsangst und Planungsunsicherheit eintauschen. Ist billiger und man wird sie auch schneller los. Nur die Forschung und Ausbildung wird dauerhaft leiden. Aber Hey, die Zahlen sind endlich schwarz.
4. Spreu von Weizen, Leidenschaft von Normalität
sapere+aude 19.01.2015
Das jetzige PostDoc-System ist mit Sicherheit nicht nett. Es hat allerdings den massiven Vorteil, dass es stark und sinnvoll filtert, wer Professor wird. Es werden nämlich die Leute, die sehr viel können, wahnsinnig viel arbeiten, auf ihr Fach fokussiert sind, international flexibel sind, und die so leidenschaftlich sind, dass sie gar nicht anders können, als dran zu bleiben. Das hat auch viel gutes, es begründet nämlich unter anderem den wirtschaftlichen Erfolg von Deutschland. sapere+aude
5. Schön,...
vish 19.01.2015
... dass Frau Wanka sich über die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlern Sorgen macht. Ich hoffe, Sie verbessert sie. Wenn sie damit fertig ist, kann sie sich ja dann um die prekären Arbeitsbedingungen von Millionen Niedriglöhnern, Zeitarbeitern, 1-Euro-Jobbern, Putzfrauen, Pflegekräften, Friseuren usw. kümmern. Die haben übrigens im Gegensatz zu den o.g. Wissenschaftlern nämlich nicht nur eine prekäre Arbeitssituation sondern auch keine Perspektive, diese Situation durch beruflichen Aufstieg zu verbessern. Aber das wird wohl nicht passieren, falsche Wähler-Zielgruppe.
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