"Ariernachweis"-Anträge: Verbindungsszene stellt sich gegen rechte Burschen

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Den umstrittenen "Ariernachweis" gekippt, die Spaltung des Dachverbands verhindert - die Welt ist wieder in Ordnung für die Deutsche Burschenschaft, das will sie zumindest nach außen hin vermitteln. Doch in der Verbindungsszene gärt es, von Geschlossenheit keine Spur.

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dapd

Burschenschafter: Streit noch nicht ausgestanden

Sie mögen es geordnet, sie pflegen Rituale, sie trinken und marschieren und setzen auf "Ehre, Freiheit, Vaterland". Doch in den vergangenen Wochen ging es drunter und drüber in der Burschenschaftsszene. Der Streit um rassistische Anträge beim Burschentag in Eisenach drohte den Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) zu spalten.

Jetzt zeigt sich: Der Konflikt ist längst nicht ausgestanden. Mitgliedsverbände distanzieren sich so scharf wie selten zuvor. Und auch prominente Burschenschafter aus der Politik gehen auf Abstand.

Da ist etwa Hans-Peter Uhl von der CSU, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, ein strammer Konservativer und überzeugter Burschenschafter. Als Mitglied der schlagenden Verbindung Arminia-Rhenania aus München hält er noch immer Vorträge, "um der Verbindung zurückzugeben, was ich als Student selbst geschätzt habe", wie er sagt. In der rechten Zeitung "Junge Freiheit" wetterte er einmal gegen die "pauschale Stigmatisierung" von Verbindungen. Doch dieses Mal warnt auch Uhl, die umstrittenen Anträge beim Burschentag seien "der Intention nach schädlich und besorgniserregend gewesen". Er fürchtet, der Ruf studentischer Korporationen könne leiden, wenn "sich hin und wieder Rechtsextreme einnisten". Treu bleiben will er seinen Bundesbrüdern aber weiterhin: "Meine Mitgliedschaft steht außer Frage."

Sein Parteifreund, Verkehrsminister Peter Ramsauer, ist ebenfalls Burschenschafter. Auch er hat mit der "Jungen Freiheit" darüber gesprochen, ziemlich ausführlich sogar, allerdings schon vor Jahren. Er schwärmte vom "liberalen Gedankengut", das in seiner Burschenschaft gepflegt worden sei, und von der "wirklichen politischen Offenheit in alle Richtungen". Jetzt jedoch, als Minister, will er zu den Vorgängen beim Burschentag und der Diskussion im Dachverband nichts mehr sagen. Ein Sprecher teilt lediglich mit, dass der Minister nicht mit rechtsradikaler Ideologie in Verbindung gebracht werden wolle.

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Berühmte Burschen: Exklusive Verbindungen
Ein ehemaliger Burschenschafter vom anderen Ende des politischen Spektrums ist Rezzo Schlauch, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag und Ex-Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Zu seiner Studententenzeit war er Mitglied der "Saxo Silesia"; damals ein "liberalen Haufen", wie er sich erinnert. Auch ein Kriegsdienstverweigerer habe dabei sein dürfen - und die Pflichtmensur nicht mitmachen müssen. Als Schlauchs Burschenschaft in den achtziger Jahren wieder der DB beitrat, verabschiedete er sich. Die rassistischen Anträge beim Burschentag vor wenigen Wochen empörten aber auch den Ex-Politiker: "Denen gehört die Bude zugemacht."

Mitgliedsbünde distanzieren sich so klar wie selten zuvor

Der Hintergrund: SPIEGEL ONLINE hatte herausgefunden, dass die Verbindung Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn folgenden Antrag auf dem Burschentag einbringen wollte: Nur Söhne von deutschstämmigen Eltern sollten in Mitgliedsburschenschaften des Dachverbandes aufgenommen werden dürfen. In einem zweiten Antrag forderten die Bonner darum gleich den Ausschluss der Verbindung Hansea Mannheim, weil sie den Studenten Kai Ming Au aufgenommen hatte. Sein vermeintlicher Makel: Er hat chinesische Eltern.

Bei der Deutschen Burschenschaft selbst ist man um Schadensbegrenzung bemüht - und um die Reparatur des angeschlagenen Images. Der Sprecher des Dachverbandes, Stefan Dobner, verbreitet gar: "Der Burschentag war ein großer Erfolg trotz der scharfen Kritik im Vorfeld." Es sei unfair von den Medien gewesen, die rassistischen Dokumente als Meinung des ganzen Verbands darzustellen: "Entscheidend sind Beschlüsse, nicht Anträge." Der heftige interne Streit habe nicht zu der von manchen Medien offenbar ersehnten Spaltung geführt, im Gegenteil: Im Ergebnis habe dieser Burschentag die Deutsche Burschenschaft gestärkt.

Doch diese Meinung dürfte der Mann ziemlich exklusiv haben. Tatsächlich hat sich die DB innerhalb der Studentenverbindungen vollkommen isoliert. Für die bunte und zersplitterte Szene mit ihren insgesamt etwa 150.000 Mitgliedern ist die Solidarität untereinander ein hohes Gut, bei allen Unterschieden im Detail. Öffentliche Kritik war bislang verpönt. Diesmal jedoch reagierten die Korporierten mit beispiellos scharfer und klarer Abgrenzung.

"Keine Rückkehr zur Tagesordnung"

Der Cartellverband (CV) etwa, Vertreter katholischer Bünde und mit etwa 30.000 Mitgliedern der weitaus größte Dachverband, kündigt der DB öffentlich jede Zusammenarbeit auf: "Wer derartige Gedanken auch nur diskutiert, kann für den CV kein Gesprächspartner sein", sagt CV-Vorsitzender Manfred Speck.

Die Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbindungen vertritt die Studenten von Verbänden mit insgesamt 50.000 Mitgliedern und zeigt sich in einer gemeinsamen Erklärung aller Vorsitzenden empört: In der DB sei "eine rote Linie überschritten" worden, "allein das Hervortreten dieses Gedankenguts" beweise "eine neue Qualität" und sei nicht hinnehmbar. "Wir verurteilen dies daher auf das Schärfste."

Noch schärfer geht der Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) mit der DB ins Gericht. Der CDA vertritt rund 40.000 Mitglieder etwa der Turner-, Sänger- und Landsmannschaften und fordert die DB offen zum Rauswurf der Rassisten auf. Es gebe für die CDA "keine Rückkehr zur Tagesordnung", die DB habe nur "aufgrund medialem und interkorporativen Druck" eingelenkt. Man erwarte in den kommenden Wochen "mehr als Lippenbekenntnisse", so CDA-Sprecher Gerhard Serges. "Ohne eindeutige Taten wird eine weitere Kooperation mit der DB nicht umsetzbar sein."

Experten wie Alexandra Kurth von der Universität Gießen sehen in derart kompromissloser Ultimaten "eine neue Qualität". Noch im Juni hatte Kurth im SPIEGEL-ONLINE-Interview weiten Teilen der Verbindungsszene fehlende Distanzierung vom Rassismus vorgehalten: "Wo sind entsprechende Pressemitteilungen? Es gibt sie nicht."

Die Politologin, die seit Mitte der Neunziger zu Studentenverbindungen forscht, ist daher ob der unmissverständlichen Reaktionen regelrecht verblüfft. Bislang hätten sich allein die Corps öffentlich klar abgegrenzt. Kurth hält es für "gut, dass sich große Teile der Korporierten so klar äußern". Jetzt müsse man sehen, welche Taten folgen werden, sowohl im Umgang mit der DB als auch innerhalb der Verbände.

Über die Einsichtsfähigkeit der Rechtsextremen in der DB macht sich die Expertin jedoch keine Illusionen. Es handle sich um politische Überzeugungstäter, wie bei jedem Sektierertum bestärke sie gerade scharfer Gegenwind darin, auf der richtigen Seite zu stehen. "Die Debatte ist mit der Schlappe beim Burschentag sicher nicht zu Ende", konstatiert Kurth. "Die Rechtsextremen sind sehr zäh. Und sie haben sicher nicht das Wohl des Verbandes im Sinn."

Die Deutsche Burschenschaft steht vor einem Scherbenhaufen.

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1. Der Spiegel braucht Reizthemen
Maccharoni 14.07.2011
Meinungsmache für die linke Seele. Schon etwas traurig, dass man so ein Klientel mit Bildern bedient, die so nicht stimmen. Aus der engen Perspektive kann man den Artikel als korrekt bezeichnen, spiegelt aber doch nicht die Wesensart von Burschenschaften wider. Bezeichnend, dass kaum andere, große Zeitungen so über Burschenschaften berichten wollen. Vlt sollte der Spiegel lieber mal zur Tour de France einen weiteren Dopingskandal "aufdecken". Das fand ich damals gut. Oder über Homosexualität im Fussball berichten? Wieviel Lächerlichkeit man in den "schwarzen Kanal" stecken könnte... da sollte man sich als Zeitung genauer überlegen, ob man nicht kontaminiert ist durch eine 68er Ideologie, gepaart mit grünen Weltbildern und Weltverbesserheitstum (das es so gar nicht geben kann). Tatsache ist, dass nahezu alle Burschen sich missverstanden und in ein falsches Licht gerückt fühlen werden. Danke Spiegel! Sachlich nebenbei, finde ich den Spiegel gut, z.B. zum Thema Schuldenkrise einige gute Artikel gelesen. Also, keine Verteufelung, nur ein Rüffel im Umgang mit tieferen Strukturen und Ideen der Burschenschaften, als es hier stereotypisch abgetan wird.
2. Meinungsmache fuer die linke Seele ?
ernesto c 14.07.2011
Wo lieben Sie denn ? Es liegt an den Burschenschaften selbst klare Grenzen einzuziehen, vor allem gegen Rechtsextreme. Ansonsten bestaetigen sich nur die Vorurteile, die beim Wort Burschenschaften assoziiert werden, alte Welten, Werte von vorgestern, ueberlebte Traditionen. Dem Spiegel sei Dank werden ueber solche Vorgaenge berichtet: ueber die Aktivitaeten sogenannter Vertriebenenverbaende, oder die Antraege von Burschenschaften auf Abstammungsnachweise. Nur dadurch bekommt der Leser ein Bild ueber die politische Stimmungslage in Deutschland.
3. Getroffene Hunde bellen...
chk23 14.07.2011
Zitat von MaccharoniMeinungsmache für die linke Seele. Schon etwas traurig, dass man so ein Klientel mit Bildern bedient, die so nicht stimmen. Aus der engen Perspektive kann man den Artikel als korrekt bezeichnen, spiegelt aber doch nicht die Wesensart von Burschenschaften wider. Bezeichnend, dass......
Machen Sie es sich da nicht ein wenig zu einfach? Solange an anderen Kritik geübt wird, ist sie angemessen, wenn sie nun das eigene Lager betrifft ist sie plötzlich unangebracht und parteiisch? Der Artikel ist sehr ausgewogen und beinahe wohlwollend geschrieben, wird sich doch durchaus positiv darüber geäußert, daß eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem DB stattfindet. Von linker Häme oder einseitiger Berichterstattung keine Spur - im Gegenteil...
4. egal ob rechts oder links
marty_gi 14.07.2011
Zitat von Maccharoni... nur ein Rüffel im Umgang mit tieferen Strukturen und Ideen der Burschenschaften, als es hier stereotypisch abgetan wird.
ich wohne zwischen drei Verbindungshaeusern - mir muss keiner (schon allein aus akustischen Gruenden) was ueber die tieferen Strukturen der Burschenschaften und die vermeintlichen "Missverstaendnisse" erzaehlen... und die schon in diesen Stadien etablierte Guenstlingswirtschaft hat auch nichts mit freier Marktwirtschaft und Leistung zu tun (ich moechte im Detail ehrlich gesagt gar nicht wisssen, wie die Stellenbesetzung aufgrund von Burschenschaftszugehoerigkeiten noch heute in einigen Branchen laeuft...da brauch' man mir auch nichts von "Missverstaendnissen" erzaehlen...) Nee, nee, Gekluengel bleibt Gekluengel, egal ob rechts oder links!
5. Titel!
joey55 14.07.2011
Wieso berichtet der Spiegel nicht mal über die Gewalttaten, die gegen Verbindungsstudenten wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer STudentenverbindung verübt werden? Wieso berichtet der Spiegel nicht über Brandanschläge, schwere und gefährliche Körperverletzungen, Sachbeschädigungen etc.? Kein Interesse oder wirklich einseitige Stimmungsmache?
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Langhans trifft auf Burschenschaft: "Mir kommen die schräg vor"

Begriffe
Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.
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Damenverbindungen: "Haben wir dich zur Spießerin erzogen?"

Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft
Wie Rechtsextreme das Ruder übernahmen
Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.