Attacke in Cambridge: Deutscher Schuhwerfer freigesprochen

Der deutsche Doktorand, der wegen eines Schuhwurfs auf Chinas Regierungschef Wen Jiabao vor Gericht stand, muss nicht in Haft und auch keine Geldstrafe zahlen. Über den Protest in Cambridge urteilte der Richter mild und ließ Martin J. mit einer Ermahnung davonkommen.

Der deutsche Schuhwerfer von Cambridge bleibt straffrei. Nach zweitägiger Verhandlung sah das Gericht keine ausreichenden Beweise für den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, dass Martin J. mit seinem Schuhwurf dem chinesischen Regierungschef Wen Jiabao habe Schaden zufügen wollen.

Die Anklage hatte ihm Störung der öffentlichen Ordnung, Beleidigung und Aufruf zur Gewalt vorgeworfen. Bei der Verhandlung erklärte der 27-jährige Doktorand mit ruhiger Stimme: "Ich wollte symbolisch gegen die Anwesenheit des chinesischen Ministerpräsidenten protestieren. Und ich wollte Solidarität mit den Menschen in China zeigen, die in der Rede nicht vorkamen."

Der junge Mann musste sich dafür verantworten, dass er am 2. Februar während einer Rede von Chinas Regierungschef Wen Jiabao in der englischen Universitätsstadt einen Schuh in Richtung von Wen geworfen hatte. Die Attacke sei ein Akt des Widerstands gegen die chinesische Regierung gewesen, sagte Martin J. Der Schuh hatte den Ministerpräsidenten verfehlt.

Verwarnung durch den Richter

Zum Prozessauftakt am Pfingstmontag hatte die Staatsanwaltschaft bekräftigt, J. habe mit seinem Schuhwurf die Grenze des erlaubten Protestes überschritten. Rufe und Pfiffe des Doktoranden beim Besuch Wens an der Uni Cambridge könnten als "rechtmäßiger Protest" gewertet werden, der Schuhwurf sei jedoch ein aggressiver Akt gewesen, argumentierte die Staatsanwaltschaft.

Kritiker warfen der Staatsanwaltschaft vor, sie habe sich mit ihrer scharfen Anklage China gegenüber devot verhalten, um außenpolitische Wogen zu glätten. Wen indes hatte wenige Tage nach der Tat um Gnade für den Deutschen gebeten. "Ausbildung ist die beste Hilfe für einen jungen Studenten", ließ der Ministerpräsident über den chinesischen Botschafter in London übermitteln. "Es ist zu hoffen, dass die Universität dem Studenten die Gelegenheit gibt, seine Studien fortzusetzen."

Zur Urteilsverkündung sagte Richter Ken Sheraton an den deutschen Doktoranden gewandt: "Sie verlassen das Gericht mit einem Freispruch, aber mit einer Verwarnung für Ihr künftiges Verhalten." Bei einer Verurteilung im Sinne der Anklage hätten Martin J. sechs Monate Haft und eine Geldstrafe von umgerechnet 5780 Euro gedroht.

Der Doktorand hatte sich bereits bei einer Voranhörung im Februar als "nicht schuldig"bezeichnet. "Ich habe mich dabei offensichtlich von dem irakischen Schuhwerfer inspirieren lassen", erklärte er die aggressive Protestaktion. Ein irakischer Fernsehreporter hatte Mitte Dezember 2008 seine Schuhe bei einer ähnlichen Attacke auf den früheren US-Präsidenten George W. Bush in Bagdad geworfen. Der Journalist Muntasar al-Saidi wurde dafür zunächst zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, inzwischen wurde die Strafe auf ein Jahr reduziert.

"Ich wollte keinen Idioten aus mir machen"

Der Deutsche hatte bei seinem Protest auf Englisch gerufen: "Wie kann sich die Universität für diesen Diktator prostituieren? Wie könnt Ihr den Lügen zuhören, die er erzählt? Steht auf und protestiert!" Zu seinen Gefühlen während seiner lauten Zwischenrufe während der Rede Wens sagt Martin J.: "Ich hatte gehofft, ganze Sätze herauszubringen und keinen Idioten aus mir zu machen. Und ich war besorgt, dass ich von den anderen niedergebrüllt werden könnte." Nach dem Schuhwurf wurde er von Ordnern abgeführt.

Wie der Angeklagte aussagte, hatte er schon vor seinem lautstarken Protest die Schuhe ausgezogen. Als er dachte, die Rede des Regierungschefs sei zu Ende, habe er Krach geschlagen. Als niemand in den Protest einstimmte und er sah, dass er abgeführt werden sollte, habe er den Schuh geworfen. Nach eigener Darstellung hatte er trotz kalten Winterwetters extra nur seine leichten Turnschuhe angezogen. Außerdem habe er sich weit nach hinten in den Zuhörerraum gesetzt, um besser gehört werden zu können.

Im Polizeiprotokoll, das kurz nach der Tat aufgenommen worden war, hatte sich der Deutsche verwundert gezeigt, dass sich niemand im Saal seinem Protest angeschlossen hatte. Außerdem hatte er der Polizei gesagt, er habe den Schuh nur auf die Bühne und nicht auf Wen selbst werfen wollen.

J. forscht an der Traditionsuniversität von Cambridge und arbeitet an einem biomedizinischen Immunologie-Projekt. Nach Ende des Prozesses verlas seine Anwältin eine Erklärung von Martin J. "Ich hoffe, die Aufmerksamkeit geht jetzt von mir wieder zur wahren Problematik der Menschenrechte in China über", heißt es darin.

cht/jol; dpa/AFP

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