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Aufschieberitis: Runter von der langen Bank

Die Prüfungen rücken näher, von der Examensarbeit ist noch keine Seite geschrieben. Doch viele Studenten beschäftigen sich erst einmal mit Putzen, Telefonieren, Internetsurfen und Fernsehen. Ein spezielles Training hilft Dauer-Zauderern.

Psychologen der Universität Münster haben in einer Studie festgestellt, dass fast jeder Fünfte von diesem Phänomen des Aufschiebens betroffen ist, und bieten ein spezielles Lerntraining an. "Das habe ich schon immer gemerkt, dass es halt Kommilitonen gab, die deutlich früher angefangen haben, Lerngruppen gebildet haben - und ich selber hab' noch ganz andere Dinge gemacht", erzählt Stefan, ein betroffener Student. "Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ja Stefan, du musst endlich was machen, das kann nicht so weiter gehen."

Angst vor dem Examen: Durch Aufschieben wird sie noch schlimmer
DPA

Angst vor dem Examen: Durch Aufschieben wird sie noch schlimmer

So landete Stefan gerade noch rechtzeitig, um sein Examen nicht zu gefährden, in der Psychotherapie-Ambulanz der Universität Münster. Die Grenzen zwischen natürlichem und krankhaftem Aufschieben sind fließend, so die Leiterin der Ambulanz, Diplom-Psychologin Margerita Engberding. Unangenehme, lästige Dinge, das ist klar, die macht keiner gern und schiebt sie erst einmal auf die lange Bank.

Wirklich behandlungsbedürftig erscheint Aufschiebeverhalten dann, wenn es im Rahmen einer psychischen Störung auftaucht. Das heißt, man kommt insgesamt mit den Anforderungen im Alltag und den Studienanforderungen nicht mehr zurecht.

Vom Stress in die Depression

Selbstvorwürfe und Versagensangst können die Folgen sein, schlimmstenfalls droht eine Depression. Die Experten haben den klassischen Aufschieber charakterisiert: "Der Typ Aufschieber hat das Problem, dass er die Arbeiten, die zu einer bestimmten Zeit fällig wären, zu spät anfängt. Er kommt dann entweder in die sehr stresshafte Situation, dass er in kürzester Zeit sehr viel erledigen muss. Oder aber, dass er Dinge, die er angefangen hat, wieder aufgibt und von Neuem anfängt - also ein Seminar nicht nur einmal beginnt sondern zweimal."

Oder auch dreimal. Deshalb finde man unter den höheren Semestern und auch bei den Studienabbrechern verstärkt Aufschieber, sagt Margarita Engberding. In strukturierten, verschulten Fächern wie Medizin seien sie seltener zu finden. Bei Geisteswissenschaftlern und auch bei den Psychologiestudenten verleite die freie Zeiteinteilung zum Aufschieben.

Stefan, 29 Jahre alt, kennt das Problem. Er studiert im siebten Semester Psychologie: "Ich habe dann wirklich Leute angerufen, mit denen ich lange nichts zu tun hatte. Ich habe wirklich angefangen, die Wohnung zu putzen, und dann kommen noch die 'Simpsons' im Fernsehen - also viele Dinge, die wichtiger waren. Und dann habe ich mir immer gesagt: Das wird schon, das wird schon."

Alleine wäre das wahrscheinlich auch auf den letzten Drücker nichts geworden. In der Psychotherapie-Ambulanz hat Stefan unter anderem gelernt, zu planen und Struktur in sein Leben zu bringen. "Pünktlich anfangen im Unterschied zu Aufschieben, das ist so ein Punkt, den wir trainieren", betont Margarita Engberding. "Und sich ganz realistische Ziele setzen, und gucken, ob ich die tatsächlich in diesem Zeitrahmen einhalten kann. Weil Aufschieber sich da oft maßlos überschätzen, was sie in kurzer Zeit doch irgendwie hinkriegen könnten."

Der Druck wird immer größer

Aufschieber meinen, sie müssten eigentlich ununterbrochen ganz viel lernen, um den Stoff zu bewältigen. Und weil der Berg und die Hürden immer größer werden, fangen sie gar nicht erst an. Deshalb wird, so paradox es klingen mag, im sechswöchigen Lerntraining das Arbeiten außerhalb von bestimmten Zeitfenstern verboten. Restriktion ist angesagt, sagt eine der Lerntrainerinnen: "Dass wirklich die Zeit begrenzt ist, und die Studenten auch eine andere Perspektive aufs Lernen bekommen, zum Beispiel auch unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit."

Die Zeitfenster werden dann ständig erweitert. Wichtig ist auch das Online-Tagebuch, in dem die Studenten jeden Lerntag genau protokollieren müssen. Das wird überprüft, und so lernen sie den Tag zu strukturieren und verbessern ihre Selbststeuerung. Das verhelfe zu unverhofften, simplen Aha-Erlebnissen, sagt die Trainerin: "Ja, hätte ich das schon für mich vorher entdeckt, dass ich einfach nur in die Bibliothek gehen muss, wären diese Probleme vielleicht gar nicht so aufgetreten."

Das Ziel des Lerntrainings sei nicht Dauerlernen, sondern eine hohe Lerneffizienz, betont Margerita Engberding:

"Es geht ja darum, anzufangen und eine Weile durchzuhalten. Es ist eben nicht eine kurzfristige Hilfe für das Examen, sondern wir gehen an das grundsätzliche Verhalten, nämlich dass die Leute lernen zu beobachten: 'Was mache ich, wenn ich mir vorgenommen habe, ich will um fünf Uhr anfangen?'"

Von Claudia Ullrich-Schiwon, Campus & Karriere, Deutschlandfunk

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Forum - Morgen, Morgen…Verschieben Sie auch so gern?
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1.
A.M.HB, 13.04.2006
Laut Sprichwort soll es ja ein Zeichen von Faulheit sein, alles auf morgen zu verschieben. Ich gehöre leider auch zu denen, die am besten unter Termindruck arbeiten können. Tipps, wie ich das ändern könnte, hab ich nur theoretische: Das Unangenehmste sofort erledigen, dann geht der Rest - angeblich - leicht von der Hand. Bin mal gespannt, ob ich hier verwertbare Tipps und Tricks nachlesen kann.
2.
nonopin, 13.04.2006
Ich bin definitiv auch jemand, der Druck braucht... Ein bisschen verbessern konnte ich das. Wenn unangenehmes ansteht, sag ich mir: "das sind jetzt xy Minuten deines Lebens, die bringst du hinter dich und dafür wirst du xy Stunden sehr zufrieden sein mit dir!" Hilft ganz gut (je nach Tagesform und Wetter...). Oder aber ich erinnere mich an Unangenehmes, das zurückzuführen war darauf, dass ich Dinge zu lange habe liegen lassen... Hilft auch ganz gut:))
3.
sojiti, 13.04.2006
ich halte es mit scarlett o'hara: morgen auf tara will ich über das nachdenken. dann werde ich es ertragen. morgen wird es mir schon einfallen. schließlich, MORGEN ist auch ein tag.
4.
dericon, 13.04.2006
Hängt vielleicht damit zusammen, daß die Dinge, die ich (wir?) verschiebe, für mich nicht wichtig sind. Die für MICH wichtigen Dinge erledige ich sofort. Alles andere sind Forderungen anderer, für die ich teilweise nicht mal Verständnis habe. Warum auch? Ich fühle mich einfach nur belästigt ...
5.
Rainer Helmbrecht 13.04.2006
Ja, ich gehöre auch zu den Menschen, die (fast) alles auf Morgen verschieben. Diese Macke habe ich schon seit Jahrzehnten. Von den vielen Problemen, die ich verschiebe, gehört auch mein Wahlverhalten. Alle vier Jahre nehme ich mir vor mich zu informieren und nur noch eine Partei zu wählen, die meinem Willen entspricht. Jedesmal denke ich, na ja, so kurz nach der Wahl musst du alles erstmal zur Ruhe kommen lassen. Nichts über das Knie brechen, diesmal mit Augenmaß. Dann vergehen so ein-zwei Jahre und man versucht die Bestätigung für die alte Wahl zu finden. Dann bemerkt man.... Menschenskind, jetzt hast du wieder die gleichen Schaumschläger gewählt..... aber zum letzten Mal. Nun fange ich an die Parteien "wissenschaftlich" zu untersuchen. Ich wäge ab, suche alle Fallen, weiss immer noch nicht, ob Moral oder Cleverness der Politiker das rechte Kriterium ist. Inzwischen nähert sich der neue Termin. Ich werde hippelich, berate mich mit Freunden, Nachbarn, Parteigängern, frage alte Leute, junge Leute. Rede mir den Kopf heiss, fange an meine Freunde zu belehren, meine Feinde zu beleidigen und dann ist Wahltag! Jetzt mache ich den üblichen Fehler..... ich gehe erst wal wählen...... und nehme mir vor: Das nächst Mal werde ich mich informieren und nur noch die Partei wählen, hinter der ich zu 100 Prozent stehe;o).
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