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Auslandsstudium: Das Bush-Land wird geschnitten

Amerika muss um die Gunst angehender Akademiker bangen. Die Zahl der ausländischen Gaststudenten in den USA ist so deutlich zurückgegangen wie seit 30 Jahren nicht mehr. Besonders skeptisch gegenüber einem Sprung über den Teich zeigen sich junge Deutsche. Hauptgrund: politisches Unwohlsein.

US-Studenten (in Miami): Unis nicht mehr so attraktiv
AP

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Die Nachfrage nach einem Studienaufenthalt in den USA hat in Deutschland in den vergangenen Monaten stark nachgelassen. Zu diesem Ergebnis kommt das Wissensportal Gallileus in einer aktuellen Umfrage, die in Zusammenarbeit mit dem Amerikazentrum Hamburg, den amerikanischen Generalkonsulaten in Hamburg und Leipzig und dem studeo-Verlag in Berlin initiiert wurde.

Auch eine andere, länderübergreifende Erhebung der Austauschorganisation "Institute of International Education" (IIE) bestätigt die Tendenz. Dem "Open Doors"-Report zufolge ist die Zahl deutscher Studenten in den Vereinigten Staaten im vergangenen Studienjahr 2003/2004 um sechs Prozent gesunken, stärker als für die meisten Entsende-Ländern.

Insgesamt waren knapp 573.000 internationale Studenten an US-Hochschulen eingeschrieben. Sie bringen nicht nur ihr Talent mit, sondern auch viel Geld. Die Höhe ihrer jährlichen Ausgaben wird auf etwa 13 Milliarden Dollar geschätzt - ausländische Studenten sind also auch ein Wirtschaftsfaktor.

US-Regierung löst Unmut aus

Hauptgründe für die wachsende Skepsis gegenüber dem Land der unbegrenzten Bildungsmöglichkeiten sind offenbar die amerikanische Außenpolitik und die restriktiven Visa-Bestimmungen. So müssen Visumsbewerber inzwischen ein Interview in Berlin oder Frankfurt absolvieren und die Fingerabdrücke abnehmen lassen.

Uni Princeton: Edles Ambiente, weiterhin begehrt
AP

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In freien Textkommentaren, die in der Gallileus-Umfrage möglich waren, äußerten 64 Prozent der Befragten die Vermutung, die Bush-Regierung schrecke ausländische Interessenten ab. 37 Prozent glauben, die Einreiseformalitäten seien verantwortlich für das sinkende Interesse der Deutschen. Zwei Drittel sagen, dass eine Ablösung der Bush-Regierung den Trend umkehren könne.

Damit sind junge Deutsche offenbar amerikakritischer als ihre Kommilitonen aus anderen Ländern: Zwar ging laut der IIE-Zahlen die Gesamtzahl der ausländischen Studenten in den USA insgesamt zurück, um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist der stärkste Einschnitt seit über 30 Jahren. Doch die Deutschen schnitten die Vereinigten Staaten mit sechs Prozent Rückgang noch stärker.

"Gäste sehr willkommen"

"Viele haben den Eindruck, dass ausländische Studierende in den USA weniger willkommen sind", bestätigt Austausch-Expertin Martina Schulze vom Amerikazentrum in Hamburg, "es fällt mir schwer nachzuvollziehen, dass so viele Studierende sich bei der Entscheidung für oder gegen ein Auslandsstudium in den USA von der Politik - und zwar hauptsächlich der Außenpolitik - der US-Regierung leiten lassen". Der Eindruck täusche aber: Amerikanische Hochschulen täten alles, um Gaststudenten einen ergiebigen und angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Und auch bei amerikanischen Mitstudenten und in Gastfamilien seien die akademischen Gäste sehr willkommen.

Schrecken Akademiker ab: Visa-Querelen in den USA
Silvia Kling

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Nach wie vor eine große Anziehungskraft üben aber offenbar amerikanische Elitehochschulen wie Yale, Harvard, Princeton oder Stanford aus. 47 Prozent der Teilnehmer der Gallileus-Umfrage möchten auf jeden Fall an einer solchen Hochschule studieren und setzen dies noch über den konkreten Standort und die tatsächlichen Studieninhalte.

Trotz ihrer starken Hochschul-Marken stehen die Vereinigten Staaten schon lange nicht mehr konkurrenzlos da. Andere englischsprachige Länder wie Kanada, Australien oder Neuseeland werben verstärkt um zahlungswillige Bildungs-Touristen, hat Austausch-Expertin Schulze beobachtet. So gab über die Hälfte der Befragten an, sie könnten sich alternativ auch ein Studium in einem anderen englischsprachigen Land vorstellen, etwa in Kanada oder Großbritannien.

Wer sich von der grassierenden Amerika-Skepsis nicht anstecken lässt, dem rät Schulze, frühzeitig mit der Planung des Auslandsaufenthaltes zu beginnen. "Eineinhalb Jahre früher ist ein gutes Richtwert." Außerdem böten nicht nur die privaten Renommierhochschulen ein gutes Programm, sondern auch staatliche Universitäten - und das für deutlich weniger Geld. "Bei der Wahl der Wunsch-Uni und des Bundesstaates sollte man flexibel sein."

Von Jan Friedmann

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