Studium in Brasilien: Samba, Sonne, Schlagstockeinsatz

Studieren in Brasilien: Wie im Film Fotos
Denis Augusto

Sie muss in Brasilien Überfälle fürchten, doch Filmstudentin Rena Föhr bleibt gelassen: Sie plant Videodrehs, genießt ein WG-Leben ohne Zimmertür und protestierte mit den Cariocas gegen teure Bustickets. Ihr Fazit: Brasilianischer Optimismus ist ansteckend.

Zur Begrüßung gab's Samba. Livemusik, Hitze, Partystimmung - mein erster Tag auf dem Campus bestätigte meine Klischeevorstellungen von Brasilien. Während in Deutschland Einführungsveranstaltungen besucht werden, wird in Brasilien der Uni-Eintritt der Erstsemester erst einmal kräftig gefeiert. Uni-Neulinge müssen sich von älteren Semestern bemalen lassen und auf der Straße Geld für weitere Partys sammeln. Uni-Veranstaltungen fallen flach, für Erstis sowieso - und für die anderen eigentlich auch.

Als die Veranstaltungen schließlich begannen, erstaunte mich das hohe Niveau. In Deutschland studiere ich Medienwissenschaft, im Ausland wollte ich meine Kenntnisse ausbauen. In Niterói (13 Kilometer von Rio de Janeiro entfernt) wird der Studiengang "Film und audiovisuelle Medien" angeboten. Neben Theorie und Analyse kann ich mich hier auch an konkreten Projekten ausprobieren. In einer Veranstaltung erarbeite ich ein Konzept für einen Dokumentarfilm über HIV-Positive. Weniger ernst sind die Themen im Kurs "Animation". Hier habe ich in Gruppenarbeit bereits ein einminütiges "Werk" produziert, in dem eine Biene mit einem Fels kollidiert.

Tätowierte Dozenten im Schneidersitz

Nicht nur auf den Grünflächen des Campus, auch im Seminarraum herrscht entspannte Atmosphäre. Bis heute habe ich keine Ahnung, welcher meiner Dozenten welchen akademischen Grad hat, da man sich hier nur beim Vornamen nennt. Unterrichtet wird gern mal im Schneidersitz auf dem Pult, die legere Sommerkleidung legt Tätowierungen frei. Kleidungsstil und Umgangsweise hängen natürlich, wie in Deutschland, auch ein bisschen von der Fachrichtung ab. Daniel aus Köln hat in der Wirtschaftsfakultät noch keine tätowierten Dozenten im Schneidersitz gesehen. Lockerer als in Deutschland geht es aber auch dort zu: "Im Anzug kommt hier keiner", stellt er fest.

In den Seminarräumen meiner Fakultät, in denen es oft so fröhlich zugeht wie daheim in der UB-Cafeteria, hängt stets der gleiche Hinweis. Fett und groß steht auf einem schlichten Papier: "Aus Sicherheitsgründen wird darauf hingewiesen, dass der Unterricht pünktlich um 22 Uhr enden muss. Ausnahmslos".

"Überfallen worden? Bisher nur vier Mal"

Das ist die andere Seite Brasiliens: Gewalt, oder zumindest die Angst davor, gehört zum Alltag. Überfälle? Die Brasilianer, denen das noch nicht passiert ist, kann ich an einer Hand abzählen. Eine gewöhnliche Antwort auf meine Frage "Wurdest du schon mal überfallen?" lautet in etwa: "Ach, nur vier Mal, und davon auch nur zweimal mit Pistole". Eine deutsche Kommilitonin zog um, weil nahe ihrer ersten Unterkunft ein Streit zwischen rivalisierenden Drogengangs entbrannt war und auch tagsüber Schüsse zu hören waren.

Ich kenne allerdings niemanden, der durch Überfälle oder Schießereien körperlich zu Schaden kam. Normalerweise bleibt es beim Schrecken oder beim Verlust von Wertsachen. Ich persönlich blieb bisher völlig verschont und fühle mich insgesamt sicher. Zudem wohne ich in einem Viertel, das als eines der ruhigeren gilt.

Dort teile ich mir eine Wohnung mit Natacha, Camilla, Leonardo und dem hyperaktiven Kater Bubú. Essen, Kleidung und Beziehungstipps - in unserer brasilianisch-deutschen WG wird so ziemlich alles geteilt.

Apropos teilen: Für Studierende ist es hier völlig normal, mit einer bis drei weiteren Personen in einem Raum zu wohnen. Mit einem Einzelzimmer habe ich für hiesige Verhältnisse viel Privatsphäre, obwohl ich keine Zimmertür habe. Daran habe ich mich schnell gewöhnt, denn wenn ich eine hätte, würde wohl sowieso keiner anklopfen. Für den letzten Monat werde ich aber direkt nach Rio ziehen. Weniger mangels der Tür, sondern mangels Kultur und Nachtleben, was in Niterói trotz der vielen Studenten dürftig ist.

In Rio gibt es davon natürlich mehr als genug. Doch aktuell bewegen die Stadt andere Dinge. Seit Mitte Juni haben Unruhen Brasilien ergriffen, in Rio gingen 300.000 Menschen gegen hohe Kosten im Nahverkehr, die Fußball-WM und für ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem auf die Straße. Plötzlich gab es in der Uni nur noch ein Thema. Die Stimmung wandelte sich täglich, von Enthusiasmus bis hin zur Besorgnis, ob die Protestbewegung von Rechtsextremen übernommen würde. Geeint waren alle in der Wut über die Militärpolizei, die nach den Demonstrationen nicht nur auf Randalierer, sondern auch auf die friedliche Mehrheit mit Gummigeschossen und Tränengas losging.

Dennoch ist die Protestbewegung und das, was sie mit sich bringt, für mich und meine Mitstudenten ein sehr positives Erlebnis. Brasiliens Jugend galt als unpolitisch. Jetzt werden Versammlungen organisiert, Links zu Blogs, Reportagen, Fotos, Videos und Erfahrungsberichten ausgetauscht. Jeder Tag bietet Anlass zu neuen Diskussionen. Und selbst wenn hier Chaos herrscht, geht eines nie völlig unter: Optimismus.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. juhu
diamant755 02.07.2013
ein schöner Seifenblasenreport. Für nen Jahr Austausch ganz nett, Brasilianer die ernsthaft studieren verlassen das Land aus den genannten Gründen die Schneidersitzstudenten bleiben und haben wenig Chancen. Wenn alles den Bach runter geht soll man dann pessimistisch sein ? Nein dann hilft nur Optimismus, verstehen Sie jetzt warum in Deutschland vieles pessimistisch gesehen wird? Weil es Luxus ist pessimistisch denken zu dürfen.
2. In Niteroi
unmoeglich 02.07.2013
tatsächlich mehrmals überfallen? Erscheint mir eher ungewöhnlich. Ich kenne Niteroi als eher friedliche Kleinstadt mit schmucken Häusern an einem schönen ruhigen Strand - nicht die häßlichen Klötze von Copacabana und Ipanema. Gut in Niteroi wird es auch gefährliche Gegenden geben - aber gegen Rio..... Übrigens Niteroi ist mit der Fähre von Botafoga aus leicht erreichbar - keine 13 Kilometer Fahrt.
3.
guandu 02.07.2013
Zitat von unmoeglichtatsächlich mehrmals überfallen? Erscheint mir eher ungewöhnlich. Ich kenne Niteroi als eher friedliche Kleinstadt mit schmucken Häusern an einem schönen ruhigen Strand - nicht die häßlichen Klötze von Copacabana und Ipanema. Gut in Niteroi wird es auch gefährliche Gegenden geben - aber gegen Rio..... Übrigens Niteroi ist mit der Fähre von Botafoga aus leicht erreichbar - keine 13 Kilometer Fahrt.
1.hat es nie eine Fähre von Botafogo nach Niteroi gegeben -sondern vom Praca 15 2.hat die Stadt immerhin 500.00 Einwohner und genauso" häßliche Klötze" wie in Copacabana 3.die Kriminalität ist in Niteroi in den letzten Jahren geradezu explodiert und der von Rio gleichzusetzen
4.
renafoehr 02.07.2013
@diamant755 Das sehe ich anders. An einigen Universitäten ist das Niveau durchaus hoch, auch nach deutschen Maßstäben. Ein Freund von mir hat an der Uni Sao Paulo für ein Semester Physik studiert und fand es sehr anspruchsvoll. Im Schneidersitz zu lehren hat schließlich keinen Einfluss auf den vermittelten Inhalt, sondern höchstens auf die Atmosphäre - und wenn die nicht so steif ist, kann das beim Lernen durchaus förderlich sein.
5. P.s.
renafoehr 02.07.2013
@diamant755 Ich bestreite natürlich nicht, dass es in Brasilien sehr viel im Bildungsberich zu verbessern gilt, aber m.E. liegt das Problem eher darin, dass die staatlichen Schulen schlechter sind als die privaten, es bei den Universitäten dann umgekehrt ist und somit Ärmere, die sich keine Privatschule leisten konnten, wenige Chancen haben, die Aufnahmeprüfung an den staatlichen zu schaffen. Die können es sich dann allerdings auch nicht leisten, ins Ausland zu gehen, um dort "ernsthaft zu studieren"...
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