Studieren in Sibirien: "Minus 25 Grad fühlen sich angenehm warm an"

Einfach weg aus der Zivilisation, so hatte sich Anja Grotheer, 21, das vorgestellt, als sie fürs Studium nach Sibirien zog. Doch in Krasnojarsk fand sie Bäume aus Plastik, deutsche Modeketten und eine Uni voller Flachbildschirme und Whiteboards.

Sibirien: Gefrorene Wimpern und Männer im Eis Fotos
Anja Grotheer

Bevor ich fürs Studium nach Sibirien ging, wusste ich über die Gegend fast nichts. Ich stellte mir vor, Sibirien läge fast am Nordpol, wäre ganzjährig mit Schnee bedeckt und weit weg von jeglicher Zivilisation. Doch das schreckte mich nicht. Ich wollte etwas wagen, bei dem andere mir hinterherrufen: "Du bist ja verrückt!" So kam es auch, als ich meiner Familie und meinem Freund sagte, dass ich mein Studium für zehn Monate an die Sibirische Föderale Universität in Krasnojarsk verlegen würde. Bis dahin hatte ich Rechtswissenschaft in Passau studiert.

An einem Septembermorgen landete ich auf dem Krasnojarsker Flughafen - und der erste Kulturschock folgte prompt. Die Bäume, die die Hauptstraße säumten, waren nicht echt, sondern aus Plastik. Im Dunkeln erstrahlten Zitronenbäume samt Früchten, künstliche Kiefern und undefinierbare, bunte Blumenbäume. Doch sonst sieht die sibirische Metropole gar nicht so anders aus als eine deutsche Großstadt. Die Straßen sind auch hier geteert, es gibt Bürgersteige, Ampeln und alles, was die Zivilisation sonst zu bieten hat. Sogar Modeketten wie New Yorker haben es bis nach Sibirien geschafft.

Auch in den Tante-Emma-Läden ist die Globalisierung angekommen: Im Kühlregal liegen Danone-Joghurts und Hochlandkäse. Die Läden sind selten größer als ein Kiosk. Hinter der Theke stehen eine oder zwei Frauen, denen ich meinen Einkaufszettel diktiere. Die meisten Produkte kommen entweder gleich aus Europa oder werden von einer europäischen, oft deutschen Firma in der Nähe von Moskau produziert. Das hat auch etwas Gutes: So muss ich nicht zehn Monate lang auf deutsche Schokolade und Nutella verzichten.

Wer Einheimisches kaufen will, geht auf den Markt. Die Verkäufer müssen nichts in die Tiefkühltruhe legen, weil ihre Ware bei den Minusgeraden auf den Markttischen gefrieren. Im Angebot sind oft Fische, im ganzen Stück, sowie Fleischbrocken in handelsüblicher Größe von fünf Kilo, darunter ganze Schweineköpfe. Außerdem findet man auch etliche Tierfelle und Handgeschnitztes.

Gefühlte zwei Wochen von der Laubfärbung zum kahlen Baum

Ich war überrascht, dass es hier tatsächlich so etwas wie Jahreszeiten gibt. Im Spätsommer herrschten nachts Minusgerade, tagsüber war es jedoch bis 20 Grad warm. Der Herbst dauerte gefühlte zwei Wochen, von der Laubfärbung bis zum kahlen Baum. Danach wurden aus 10 Grad schnell null Grad und aus null Grad minus 10 Grad und dann minus 20 Grad und so weiter. Ende Oktober kam der erste Schnee, jedoch überraschenderweise nur sehr wenig. Den ganzen Winter über fielen nur etwa zehn Zentimeter Schnee in der Stadt, doch dieser blieb liegen. Im Dezember war er auf den Gehwegen zu einer Eisschicht festgetreten, der zwischen ein und fünf Uhr morgens Eishacker mit Spaten auf die Pelle rückten.

Damit meine Füße nicht einfrieren, trage ich die typischen Filzstiefel, auch Walenki genannt. Ab minus zehn Grad trage ich unter der Jeans eine Strumpfhose, ab minus 30 Grad schon vier plus mehrere Pullover. Trotzdem friere ich bei minus 38 Grad noch. Nicht so der richtige Sibirier. Der geht im Januar im Fluss baden, zum Gedenken an die Taufe Jesu. Andere kaufen sich trotz gefrorener Haare und Wimpern am Kiosk ein Eis auf die Hand, noch nicht einmal die Ohrenklappen ihrer Pelzmützen klappen sie herunter. Doch als das Thermometer im Februar wieder auf minus 25 Grad stieg, fühlte es sich sogar für mich angenehm warm an. Das Atmen tat nicht mehr in der Lunge weh und ich konnte schon fast den Frühling riechen.

Digitale Whiteboards in jedem Raum

Ich wohne auf einer von drei Hauptstraßen zur Untermiete. Der Wohnung merkt man noch den sowjetischen Charme an: Tapeten mit unterschiedlichen Mustern in Grau- und Brauntönen. Das Waschbecken ist aus Eisen und eine Waschmaschine haben wir zwar, doch Bettwäsche wird immer noch in einer kleinen Wanne mit der Hand gewaschen und mit einem Holzstab durchgerührt.

Als ich zum ersten Mal mit dem Bus zur Uni fahren wollte, erlebte ich eine weitere Überraschung: Die Bushaltestelle bestand aus einem kleinen blauen Schild und einigen Buden am Straßenrand. Ein Bushäuschen gibt es hier nirgendwo und auch keinen Busfahrplan. Die Busse kommen, wann sie kommen, und sie fahren dahin, wohin sie schon immer fahren. Wenn man sich nicht auskennt, ist Busfahren ein Abenteuer. Neulich hat mich der Fahrer an der Endhaltestelle neben einem Autofriedhof rausgeschmissen. Da wollte ich aber nicht hin.

Meine Uni ist in einem hochmodernen Gebäude. Die Eingangshalle ist mit glänzenden Fliesen und überdimensionalen Flachbildfernsehern ausgestattet, die den Verhaltenskodex für Studenten anzeigen oder Besucher mit Dokumentationen unterhalten. In allen Räumen hängen digitale Whiteboards und daneben meist noch eine kleine Kreidetafel, die wie ein Überbleibsel aus dem letzten Jahrhundert wirkt. Trotzdem benutzen viele Professoren und Übungsleiter die alte Tafel, weil sie nicht wissen, wie man mit den modernen Geräten umgeht.

Der Unterricht ist sehr verschult und die Prüfungen am Ende des Semesters bestehen aus Fragen, die die Lehrer vorher bekanntgegeben haben. Die Studenten lernen die Antworten auswendig. Das klingt einfach, aber ich tue mich trotzdem schwer - nicht zuletzt weil die Lehrbücher ohne jegliche Absätze und Hervorhebungen 500 Seiten lang im Blockformat über juristische Themengebiete philosophieren.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Bravo, Mädchen!
meergans 19.03.2012
Zitat von sysopAnja Grotheer Einfach weg aus der Zivilisation, so hatte sich Anja Grotheer, 21, das vorgestellt, als sie fürs Studium nach Sibirien zog. Doch in Krasnojarsk fand sie Bäume aus Plastik, deutsche Modeketten und eine Uni voller Flachbildschirme und Whiteboards. Nur die bittere Kälte macht ihr zu schaffen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,821517,00.html
Und grossen Dank für den Bericht. Deine Erfahrungen sind total wertvoll, auch für jene, die nie dort waren und deshalb auf Deine Beobachtungen angewiesen sind. Freundliche Grüsse ! Hundert Jahre sollst Du leben !
2. 1A mit *
dorpf 19.03.2012
Super Bericht für die Sendung mit der Maus
3. Ist einfach so...
anders_denker 19.03.2012
aber über 20 Jahre nach dem Mauerfall soltte man sich nicht wundern das dort auch Danone und Ritter Sport im Regal liegen. Vor 20 Jahren sicher auch - als Import. Heute fast alles aus Produktion im Land. Einfach schon aus Kostengründen. Gewisse Dinge, wie die Buslinien haben aber fast überall bestand. Auch wenn diese Berichte etwas "überzogen" auf diese Kelinigkeiten eingehen - sie haben was Authentisches, das man sonst oft in den Medien vermisst.
4. Schade
blackstar2000 19.03.2012
Zitat von sysopAnja Grotheer Einfach weg aus der Zivilisation, so hatte sich Anja Grotheer, 21, das vorgestellt, als sie fürs Studium nach Sibirien zog. Doch in Krasnojarsk fand sie Bäume aus Plastik, deutsche Modeketten und eine Uni voller Flachbildschirme und Whiteboards. Nur die bittere Kälte macht ihr zu schaffen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,821517,00.html
Schade - schon wieder eine, die ihren Partner wegen eines schönen Urlaubs verlassen hat. Denn haben wird sie ihn danach nicht mehr. Kein Wunder, dass die Gesellschaft egoistischer wird.
5. Schön
ogalex 19.03.2012
Zitat von sysopAnja Grotheer Einfach weg aus der Zivilisation, so hatte sich Anja Grotheer, 21, das vorgestellt, als sie fürs Studium nach Sibirien zog. Doch in Krasnojarsk fand sie Bäume aus Plastik, deutsche Modeketten und eine Uni voller Flachbildschirme und Whiteboards. Nur die bittere Kälte macht ihr zu schaffen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,821517,00.html
Finde ich wirklich schön das sich auch mal Menschen aus unserer Gegend dorthin trauen. Ist aufjedenfall zu Empfehlen so eine Erfahrung. Ich selbst komme aus Sibirien bin dort als kleiner Junge bis zum 9Lebensjahr aufgewachsen und besuche dort noch immer meine Freunde und Verwandten. Ist wirklich schön dort und auch im Sommer wird es dort bis zu 30Grad Warm. Zudem ist die Natur dort sowas von unberührt und es kann leicht passieren das man dort einen Braunbären trifft. Die Menschen dort sind auch ganz anderst als hier man trifft zwar nicht immer jemanden der Freundlich ist aber die meisten interessieren sich sehr darüber wie das Leben doch in Deutschland ist. Ich wurde zb. am Flughafen von dem Zoll gefühlte 30Minuten über unsere Automobile abgefragt obwohl hinter mir noch eine lange Schlage von wartenden Menschen war. Die Menschen hier mögen Russische Stadtsbürger nicht aber die Russen mögen Deutsche sehr und sind sehr froh wenn man sich für ihr Land interessiert.
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