Wlada in New York: Lasst mich rein, ich hab bezahlt!

New York ist die beste Stadt der Welt. Es sei denn, man zieht hin: Kurz vor dem Abflug würde Wlada Kolosowa, 25, ihr Auslandsstudium am liebsten absagen. Zu groß ist die Furcht vor dem Neustart - und zu stressig der Kampf ums Visum. Doch dann schlägt Abenteuerlust das Magengrummeln.

Wlada studiert in den USA: New York, hier bin ich Fotos
Linus Böhm

Jeder wäre gern in New York, war schon mal in New York, hat da mal gelebt oder wird es noch machen. Im Konjunktiv, in der Zukunft oder in der Vergangenheit ist New York super. Aber frag mal einen Einheimischen: Im Präsens stinkt die Stadt, ist zu teuer und hat den Hipness-Zenit überschritten, weil die unterernährten Nachwuchskünstler nach Berlin abgehauen sind.

Es gibt ja viele Orte, in denen es sich viel angenehmer jung und hungrig sein lässt. Trotzdem: Allein wenn man "New York" hört, übertönt das Herzklopfen das Magengrummeln.

Jede Woche ziehen Tausende Glückssucher nach New York, um die Welt von da aus zu erobern. Oder zumindest sich zu beweisen, dass die eigenen vier Wände ruhig sechs Quadratmeter groß sein können - solange die New Yorker Skyline nicht als Poster daran hängt, sondern durchs Fenster zu sehen ist. Bald werde auch ich mein Glück versuchen.

Immer einsam, nie allein?

Die New York University hat mich in das Masterprogramm "Kreatives Schreiben" aufgenommen. Im Konjunktiv war New York schon immer aufregend, also scharrte ich Stipendien zusammen, verstaute 25 Jahre Leben in zwei Koffern, buchte Flüge, verabschiedete Freunde. Die Berliner Wohnung ist leer geräumt, das Visum sollte in drei Tagen im Briefkasten sein. Ich übe schon seit Monaten, wie man so richtig einheimisch-kauend "Noo Yawk City" sagt. Aber jetzt, da die Zukunft immer mehr zum Präsens wird, macht sich die bittersüße Mischung aus Angst und Vorfreude breit.

Allein in der großen Stadt. Ungefähr acht Millionen Menschen werden zeitgleich dort sein, plus eine Portion der etwa 50 Millionen Touristen, die jährlich New York besuchen. Privatsphäre wird fortan heißen, dass niemand auf meinen Füßen steht. Beim U-Bahnfahren, beim Joggen, im Park, im Supermarkt - immer werde ich von Menschenmassen umringt sein, stets einsam. Neurotisch, überarbeitet, chronisch unverstanden - wie es sich für einen New Yorker gehört.

Schon bald werde ich meine Augen so weit rollen, dass ich mein eigenes Gehirn sehen kann, sobald jemand wagt, vom "Big Apple" zu sprechen. Ich werde allen in den Ohren liegen mit Geschichten darüber, wie ich mich von billigem Erdnussbuttertoast ernähre und wie viele Konzerte ich in den letzten 48 Stunden gesehen habe. Und außerdem jedem ungefragt erzählen, wie kräftezehrend die Stadt ist und wie sehr es sich dennoch lohnt, hier zu sein. Wie eine überstolze Mutter, die glaubt, dass die Welt sich für ihr Neugeborenes genauso interessiert wie sie. Bis dann auch zu Hause niemand mehr mit mir spricht.

Gestrandet im Nirgendwo

Kennt noch jemand die Geister, an die man sich wendet, um am Tag der Schulklausur krank zu werden? Und die einen dann für drei Wochen mit einer ekelhaften Bronchitis ans Bett fesseln? Also, die haben mein Gejammer gehört: Einen Tag vor dem Abflug ist mein Visum immer noch nicht da. Dafür eine E-Mail vom Konsulat: Lieber Bewerber, damit wir ihr Visum ausstellen können, müssen sie Ihre Sevis-Gebühr bezahlen.

Sevis ist eine Datenbank, bei der sich ausländischen Studenten in den USA registrieren müssen. Und ich habe nicht nur bezahlt, sondern auch schon ausführlich geseufzt, als ich das abgebuchte Geld auf meinem Kontoauszug gesehen habe. Es bleibt nichts anderes, als Flüge umzubuchen und Quittungen und Kontoauszüge an das Konsulat zu mailen. Anrufen geht nicht - die Visa-Abteilung ist besser von lästigen Anrufern abgeschirmt als Brad Bitt.

Eigentlich ist es genau so, wie ich wollte: Ich bleibe in Berlin, wenn auch nur zur Hälfte. Mit dem Körper bin ich in Deutschland, mit dem Kopf in den USA. Ich habe keine Wohnung, keine deutsche Krankenversicherung und auch keinen Pass, weil der bei der Visa-Stelle ist. Das Telefon wird in zwei Tagen abgestellt. Es ruft eh niemand eine Weggezogene an. Ich fühle mich, als wäre ich außerhalb von Raum und Zeit. Und das Konsulat schreibt: Lieber Bewerber, damit wir ihr Visum ausstellen können, müssen sie ihre Sevis-Gebühr bezahlen.

Ich logge mich auf der offiziellen Seite ein. Dort steht: Status - bezahlt. Ich schicke den Screenshot an das Konsulat, buche erneut Flüge um und warte. Der Unterricht an der Uni hat längst angefangen. Ich bin zum ersten Mal in Berlin, ohne etwas zu tun zu haben. Man könnte zusammen mit den unterernährten Künstlern Kaffee trinken, bis es Zeit für Bier ist. Man könnte der Giraffe im Tierpark auf Wiedersehen sagen, Pilze und Zecken im Grunewald sammeln und die letzten Herbstsommersprossen an der Modersonbrücke. Man kann aber auch den ganzen Tag wie ein Specht auf die F5-Taste hämmern, um seine Mails zu checken. Und das Konsulat schreibt: Lieber Bewerber, damit wir ihr Visum ausstellen können, müssen sie ihre Sevis-Gebühr bezahlen.

Ich rufe die Sevis-Hotline an und die Uni; ich versuche es bei der Homeland Security, beim deutschen Konsulat, beim russischen Konsulat, bei allen, die mir einfallen. Ich will nach New York! Alles, was ich will, ist New York! Am nächsten Morgen, ein Wunder: "Lieber Bewerber, die Zahlung wurde im System verzeichnet. Ihr Visum wird heute oder morgen gedruckt."

Drei Tage später sitze ich im Flugzeug. Die Wolkenkratzer von Manhattan sehen aus wie Säbelzähne. Als das Flugzeug landet, hänge ich immer noch in der Luft, in 10.000 Metern Höhe. Ganz sicher stimmt etwas nicht mit den Papieren! Die Passkontrollminuten sind die längsten meines Lebens. Nach einer Ewigkeit drückt der Beamte einen Stempel aufs Blatt. Dann landet endlich auch mein Herz.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. ...
neuroheaven 18.10.2012
warum wird die dame so vom spiegel protegiert???
2. Wlada in Rußland, Wlada in New York...
Pfaelzer_Mäedel 18.10.2012
Zitat von neuroheavenwarum wird die dame so vom spiegel protegiert???
Vielleicht - weil sie mit "Wlada in Rußland" bewiesen hat, daß sie einfach - einfühlsame und lebendige, **vor allem _mit Selbstironie_** (heute eine lobenswerte Seltenheit in der "hastewasaufdiebrusttrommel-gesellschaft") "gewürzte" Lebenserfahrungsberichte schreiben kann? Wlada in Russland: "Wer stirbt hier gerade?" - SPIEGEL ONLINE: Der Schaffner hämmert an die Tür meines Zugabteils. Er fragt, wer hier gerade sterbe - es höre sich so furchteinflößend an. "Nur ich", winsele ich und übergebe mich zum 16. Mal. Ich fahre von Sotschi nach Odessa in der Ukraine - eine Fahrt, die 44 Stunden dauert. Drei davon habe ich bereits mit dem Kopf in einer Plastiktüte verbracht. Ich habe eine Lebensmittelvergiftung. Oder eine Magendarmgrippe. Vielleicht auch Ehec. Oder alles zusammen. (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/wlada-in-russland-wer-stirbt-hier-gerade-a-778538.html) Und - weil sie Journalistin werden will? Hoffentlich nicht politische Journalistin.... .
3. danke
jetlag chinaski 18.10.2012
"Nach einer Ewigkeit drückt der Beamte einen Stempel aufs Blatt. Dann landet endlich auch mein Herz." kreatives schreiben ne 1 mit sternchen. ganz toll gemacht. mannomann bei dem text wird mir ganz schwummrig vor augen, eine lawine von gefühlen explodiert vor meinen augen und findet sich als digital beseelte buchstabensuppe vor meinem schluckautomaten, der eigentlich noch gar nicht aufnehmen kann weil der kaffeeautomat noch am zoll steht.... danke für diesen liebevollen text, jetzt schau ich erstmal ne runde landarzt, dann unser charly
4. optional
EvenD 18.10.2012
Weil sie jung, gutaussehend und hip ist, etwas, das der Spiegel auch gerne wäre ;)
5. warum nicht
wunderbär 18.10.2012
was heißt "vom Spiegel protegiert"? Lebensfreudige Persönlichkeit, die uns eine interessante und farbige Geschichte erzählen will.
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Wlada in Amerika
  • Moritz Vennemann
    Wlada Kolosowa, 26, hat in Berlin studiert und ihr Heimatland Russland erkundet. Jetzt ist sie nach New York gezogen, um einen Master in "Kreativem Schreiben" zu machen. Für den UniSPIEGEL berichtet sie von ihrem Neustart in Amerika.

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