Erasmus in der Arktis: "Wer friert, ist dumm oder faul"

Es gibt kaum einen eisigeren Studienort: Jürgen Leonbacher, 25, verbringt sein Erasmus-Semester in der Arktis. Hier lebt, arbeitet und feiert er mit einem Professor, 14 Kommilitonen und mit Elchen im Vorgarten. Das Motto: Wir lernen, wenn es dunkel ist - also nie.

Studieren in der Arktis: Unter Elchen Fotos
Peter Kneen

Wenn ich sage, dass ich in Schweden studiere, denken viele an helle Sommernächte, an Erasmus-Partys und Elche im Vorgarten. Ich lebe momentan allerdings in Nordschweden. In Abisko genaugenommen, 195 Kilometer nördlich des Polarkreises, 85 Einwohner. Der Schnee schmilzt selten vor Mitte Mai und das Nachtleben beschränkt sich auf eine einzige Bar, die tagsüber ein Heimwerkerladen und Restaurant ist.

Ich studiere Geoökologie und bin hier deswegen genau richtig. Abisko ist bekannt für seinen Nationalpark mit einer einzigartigen Landschaft: runde, von Gletschern geformte Berge, niedrige Vegetation und Permafrost, also ganzjährig gefrorener Boden. Außerdem gibt es hier einen riesigen See, etwa 60 Kilometer lang und 15 Kilometer breit, der die Hälfte des Jahres so stark gefroren ist, dass man mit dem Auto problemlos darauf fahren kann. Es fühlt sich an, als lebten wir im hochalpinen Gelände, dabei liegt Abisko nur rund 300 Meter über dem Meer.

Inzwischen bin ich schon ein halbes Jahr in Schweden. Angekommen bin ich im Januar, zum Frühlingssemester, so heißt hier das Sommersemester. Damals lagen die Temperaturen wochenlang bei bis zu Minus 30 Grad, richtig hell wurde es nur für ein paar Stunden. Meine Daunenjacke wurde mein bester Freund, lange Unterhosen und dicke Stiefel gute Bekannte.

Zwei Studenten teilen sich ein Fünf-Quadratmeter-Zimmer

Die ersten Wochen verbrachte ich an der Universität Umeå, mit der meine Heimatuni in Bayreuth ein Partnerschaftsabkommen hat. Für deutsche Verhältnisse ist Umeå mit 110.000 Einwohnern eher eine kleine Stadt, für Nordschweden ist es eine Metropole. Die Studenten prägen das Stadtleben, die Club- und Bardichte ist hoch, außerdem gibt es ein riesiges Sportzentrum und viele Langlaufloipen.

Im April wurde es in Umeå langsam Frühling und für mich hieß es: "Lass uns dem Winter hinterherfahren!" Mein nächster Kurs "Arctic Geoecology" fand nicht mehr in der Stadt, sondern in der Arktis statt. 2100 Kilometer nördlich von Bayreuth. Eine Bekannte mit samischen Wurzeln gab mir eine alte Weisheit mit auf den Weg: "Wer friert, ist entweder dumm oder faul." Denn im Gegensatz zur Hitze ist Kälte eigentlich relativ einfach zu handhaben: Zieh entweder eine Schicht mehr an oder bewege dich.

Arctic Geoecology wird an einer Polarforschungsstation unterrichtet, der Abisko Scientific Research Station. Die Polarforschungsstation ist Studienort und Zuhause in einem. Hier lebe ich mit einem Professor, ein paar Doktoranden und 14 Erasmus-Studenten unter anderem aus Spanien, Frankreich, Polen, Holland, Belgien und Großbritannien. Wir studieren, arbeiten, lernen, essen, schlafen und machen Sport gemeinsam. Jeweils zwei Personen leben in einem etwa fünf Quadratmeter großen Zimmer, es ist nur Platz für zwei Betten und zwei Schränke. Ein eigenes Bad haben wir nicht, wir teilen uns zwei Nasszellen. Manchmal fliegt ein Experte ein, um eine Vorlesung zu halten oder wir treffen uns zu einer Videokonferenz.

Anfangs war mir die Situation ein bisschen unheimlich: Mit fremden Leuten zwei Monate auf engstem Raum leben? Zumindest bis jetzt ist der Lagerkoller ausgeblieben.

"Wir lernen, wenn es dunkel ist"

Mein Stundenplan ist zwar voll mit Vorlesungen, Seminaren, Feld -und Laborarbeiten, doch trotzdem bleibt noch Zeit zum Langlaufen auf dem zugefrorenen See, Eisfischen, Schneeschuhwandern, Ski fahren oder Snowboarden. Und für meinen Lieblingssport Bouldern haben ich etwa 30 Kilometer östlich von Abisko das Felsenmeer entdeckt. Ein sehr netter Professor lieh uns außerdem Schneeschuhe und GPS-Geräte von der Station - das erleichterte die Fortbewegung in dem ausgedehnten Gebiet enorm, in dem manchmal der Schnee bis zur Hüfte reicht. Auch wenn er unseren Plan, im nordschwedischen Winter zu Klettern, ziemlich irre fand.

Mittlerweile ist Anfang Juni, meine Zeit geht zu Ende. Ein typisch, schwedisches Erasmussemester habe ich sicher nicht erlebt - es fehlten die ausschweifenden Erasmus-Partys und laue schwedische Sommernächte voller Mücken. Dafür habe ich hier tatsächlich schon Elche im Vorgarten gesehen. Denn wenn sie hungrig sind und woanders nichts zu fressen finden, kommen sie ganz nah an die Station.

Auch der Schnee schmilzt allmählich und die Sonne geht nicht mehr unter. Deswegen hat sich auch ein Running Gag in der Gruppe etabliert: "Ich spül ab, wenn die Sonne untergeht." Oder: "Wir lernen, wenn es dunkel ist." Das Leben hier oben in der Kälte gefällt mir sehr - auch wenn mir ein bezahlbares fränkisches Bier oder eine ordentliche Bratwurst hin und wieder fehlen.

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1. Nicht Arktis, sondern Subarktis
mischu123 18.06.2012
Das nordschwedische Abisko liegt nicht in der Arktis, sondern ist den subarktischen Regionen zuzuordnen: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Arctic.svg&filetimestamp=20090809182959 Die arktische Region beginnt erst nördlich des Nordkaps mit dem südlichen Polarmeer. Ich selbst habe mich vor einigen Jahren in der "Abisko Scientific Research Station" aufgehalten. Wie eigene geoökologische Untersuchungen damals bestätigt haben, findet man in der Umgebung von Abisko keinen durchgehenden Permafrost, wodurch - neben dem typisch subarktischen Klima - die Zuordnung zu den subarktischen Regionen gerechtfertigt ist.
2. eine noch kleinere Kleinstadt
Emil Peisker 18.06.2012
Zitat von mischu123Das nordschwedische Abisko liegt nicht in der Arktis, sondern ist den subarktischen Regionen zuzuordnen: Datei:Arctic.svg (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Arctic.svg&filetimestamp=20090809182959) Die arktische Region beginnt erst nördlich des Nordkaps mit dem südlichen Polarmeer. Ich selbst habe mich vor einigen Jahren in der "Abisko Scientific Research Station" aufgehalten. Wie eigene geoökologische Untersuchungen damals bestätigt haben, findet man in der Umgebung von Abisko keinen durchgehenden Permafrost, wodurch - neben dem typisch subarktischen Klima - die Zuordnung zu den subarktischen Regionen gerechtfertigt ist.
Der/Die Autor/in hält die Stadt Umea für eine relativ kleine Stadt, bezieht sich auf Bayreuth. Einw. Umea = 110.000 Einw. Bayreuth = 73.000 Dann ist also Bayreuth eine noch kleinere Kleinstadt.:-)) Der Beitrag ist mindestens steigerungsfähig.
3. Ergänzung zur Abgrenzung Arktis - Subarktis
mischu123 18.06.2012
Das Polar- oder arktische Klima ist gekennzeichnet durch lange, sehr kalte Polarwinter, in denen die Sonne tage- und wochenlang nicht über den Horizont steigt und der Boden tiefgründig gefroren ist (Permafrostboden); und durch nebelreiche, kühle Polarsommer, in denen die Sonne zwar über den Horizont steigt, aber ihre Strahlen nur in einem flachen Einfallswinkel die Erdoberfläche erreichen, so dass der Boden nur oberflächlich auftaut. Entsprechend ist die Vegetationsperiode sehr kurz und das Land auch dort, wo es nicht dauerhaft vom Eis bedeckt ist, sehr kahl. Das Gebiet der Arktis wird sowohl geographisch als auch klimatisch eingegrenzt. Geographisch werden oft alle Gebiete nördlich des Polarkreises der Arktis zugeordnet. Geografisch betrachtet, sind die Polargebiete Kugelkalotten mit einem Radius von 23,4° oder rund 2600 km um die Pole. In Hinsicht auf Klima und Vegetation liegen sie hauptsächlich polseits der natürlichen Baumgrenze. Die alte Definition, wonach alles zur Arktis zählt, was nördlich des Polarkreises liegt, wird den klimatischen Bedingungen entlang dieses Kreises keinesfalls gerecht, da die Meeresströme in den Gebieten des Nordpolarmeeres einen deutlichen Einfluss auf das Klima haben. Klimatisch gilt das Gebiet als arktisch, dessen mittlere Temperatur im wärmsten Monat (Juli auf der Nordhalbkugel) 10 °C nicht übersteigt. Das Gebiet um Abisko (nördlich des Polarkreises) ist ozeanisch geprägt und vom Golfstrom beeinflußt. Da in Abisko die mittlere Temperatur im Juli 12,1 Grad erreicht, gehört es zwar nach geographischer, nicht aber nach klimatischer Definition zur Arktis. Quelle: http://www.uni-graz.at/~grubem/schweden/_2_Klima.pdf
4.
luchi02 23.11.2013
In dem Artikel wird nirgendwo behauptet, dass Abisko in der Arktis liegt. Bevor man sich daran macht, einen Artikel zu kritisieren, sollte man sich den vorher lieber genau durchgelesen haben. Es handelt sich um einen Erasmus-Bericht, interessant und sehr unterhaltsam geschrieben. Hier wird ja kein wissenschaftlicher Anspruch erhoben.
5.
luchi02 23.11.2013
@ Emil Peisker: Nicht der Autor hält die Stadt Umeå für eine Kleinstadt- er stellt lediglich fest, dass diese "für deutsche Verhältnisse" eher zu den kleineren Städten zählen würden. Ist ein großer Unterschied.
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  • Peter Kneen
    Jürgen Leonbacher, 25, studiert Geoökologie in Bayreuth, im Januar ging er mit Erasmus nach Schweden. Wenn er nicht im Labor steht und Proben untersucht, klettert er gern oder fährt Snowboard.
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