Hilfe beim Auslandsstudium: Lasst mich raus aus der Erasmus-Blase!

Beim Feiern, Flirten und Studieren bleiben viele Erasmus-Studenten oft unter sich - bloß kein Kontakt zu Einheimischen! Das ist zwar bequem, aber auch langweilig und wenig ergiebig. Uni-Berater verraten, wie sich die gröbsten Fehler während der Monate im Ausland vermeiden lassen.

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Junge Leute im Park: Im Ausland sollte man sich auch mit Einheimischen anfreunden

Über 30.000 deutsche Studenten absolvierten im vergangenen Jahr ein Erasmus-Semester im europäischen Ausland. Doch häufig haben Hochschüler in der Ferne dabei mehr Kontakt zu anderen Austauschstudenten als zu einheimischen Kommilitonen. Man feiert viel zusammen, spricht Englisch statt der Landessprache. "Man bleibt in einer Blase", sagt Jule Türke vom International Office der Universität Frankfurt am Main.

Das lässt sich jedoch leicht vermeiden. Erasmus-Experten verschiedener deutscher Unis wissen Rat:

Schon vor der Abreise sollte man sich darüber informieren, welche Projekte es an der Wunsch-Universität gibt, um Erasmus-Studenten die Integration zu erleichtern. "Viele Unis bieten zum Beispiel ein Buddy-Programm an", sagt Verena Wagner von der Erasmus-Beratung der Universität Konstanz. Dabei hilft ein einheimischer "Kumpel" einem oder mehreren Auslandsstudenten, sich an der Uni oder im Alltag zurechtzufinden. "Über den Buddy lassen sich dann auch gut andere Einheimische kennenlernen." Häufig schlügen Universitäten von sich aus eine Teilnahme am Buddy-Programm vor, ansonsten lohne es sich, nachzufragen.

Dazu sollte man sich informieren, wie viele Kurse des gewünschten Studienfaches auch für Austauschstudenten geöffnet sind. "Wenn Erasmus-Studenten nur an speziellen Seminaren teilnehmen können, bleiben sie zwangsläufig unter sich", sagt Wagner, die selbst in Stockholm ein Auslandssemester absolvierte. Daher sollte man sich für eine Uni entscheiden, bei der Erasmus-Studenten reguläre Kurse mit Einheimischen besuchen können.

WG-Zimmer bei Einheimischen statt Wohnheim mit Ausländern

Die meisten Universitäten bieten Erasmus-Studenten einen Wohnheimplatz an. "Häufig werden Austauschstudenten aber zusammengelegt", sagt Inga Rosemann von der Universität Münster. In der polnischen Wohnheimkneipe kann man dann Partykultur mit Engländern oder Franzosen erleben - aber wenig Landeskultur. Rosemann empfiehlt daher, vor Beginn des Auslandssemesters über das Internet ein WG-Zimmer bei Einheimischen zu suchen. "Man kann auch zwei Wochen vor Semesterbeginn schon anreisen, im Hostel übernachten und vor Ort suchen." Rosemann selbst hat ihr Auslandssemester im englischen Stoke-on-Trent in einer einheimischen WG verbracht. "Man kriegt einfach mehr vom Alltag mit, es ist authentischer."

Ist man an der Uni angekommen, steht meist eine Orientierungswoche speziell für Erasmus-Studenten an. "Dabei lernt man die anderen Ausländer kennen", sagt Türke. Alle sind neu, suchen Kontakt, man hat die gleichen Probleme - es ist bequem, in dieser Gruppe zu bleiben. "Da muss man früh entgegensteuern", rät Türke. "Also nicht immer nur mit anderen Erasmus-Studenten in die Mensa gehen, sondern auch mal Einheimische fragen." In der Theatergruppe, dem Uni-Chor oder Sportkursen lernt man schnell Einheimische kennen - für diese Angebote sollte man sich aber bereits in der ersten Woche anmelden, bevor sie überfüllt sind.

Unerlässlich seien beim Kontakt mit einheimischen Studenten zumindest Grundkenntnisse der Landessprache, sagt Wagner. Daher sollte man schon im Semester vor Erasmus-Beginn einen entsprechenden Sprachkurs belegen. Am Ziel angekommen, kann man sich dann einen einheimischen Tandem-Partner suchen, der Deutsch oder Englisch üben möchte. "Häufig vermittelt die Hochschule einen Partner, oder man findet sich über Aushänge am schwarzen Brett", sagt Rosemann. Der gegenseitige Einzelunterricht sei oft intensiver als die Sprachkurse für internationale Studenten. "Und man kann das Sprachelernen mit Ausflügen oder einem Kochabend verbinden."

Jan-Ole Niermann hat in seinem Auslandssemester in St. Petersburg eine Tandem-Partnerin über das Internet gefunden. "Die meisten meiner russischen Kommilitonen waren sehr jung, weshalb ich es schwierig fand, Kontakte zu knüpfen", erzählt er. Der Journalistikstudent aus Dortmund hat die meisten seiner russischen Freunde daher über das Online-Portal Couchsurfing kennengelernt. In lokalen Gruppen, zum Beispiel "St. Petersburg", organisieren Einheimische, ausländische Reisende und Austauschstudenten gemeinsame Stammtische, Kinobesuche oder Stadtführungen. Man lernt schnell neue Leute kennen, meistens wird hierbei allerdings Englisch gesprochen. Niermann hat sich daher nach ein paar ersten Couchsurfing-Treffen privat mit den russischen Freunden getroffen, die er so kennengelernt hat.

Das Internetportal Couchsurfing sei eine gute Gelegenheit, noch mehr von dem Erasmus-Land zu sehen, empfiehlt Inga Rosemann. "Generell sollte man im Auslandssemester so viel reisen wie möglich und nicht nur zwischen Uni und Wohnung pendeln." Für größere Trips biete es sich an, einen Monat länger im Ausland zu verweilen. "Für solche Reisen ist eine Erasmus-Gruppe aber wiederum sehr nett." Insgesamt sei es wichtig, eine Balance zwischen dem Kontakt mit anderen Austauschlern und Einheimischen zu schaffen. "Man sollte das Semester nicht in der Blase verbringen, aber man muss sich deswegen auch nicht komplett von den anderen Austauschstudenten abschotten."

Von Samuel Acker, dpa/lgr

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Societies!
Fruusch 16.04.2012
Ich habe noch eine kleine Ergänzung für Studenten, die in Großbritannien ein oder mehrere Semester verbringen wollen: An allen Universitäten dort gibt es eine Unzahl von Societies (nicht zu verwechseln mit den Fraternities), in etwa vergleichbar mit kleineren oder größeren Studentenvereinen, die alle irgendein Thema haben, z.B. "Book Club", "Mountaineering Club" oder "Gamers". Hier kann man zu seinen eigenen Hobbies gleichgesinnte Einheimische finden - Kontakt ist da garantiert! Außerdem würde ich raten, nicht nur an den Einführungsveranstaltungen für Erasmus-Studenten teilzunehmen, sondern auch an den Veranstaltungen für Erstsemestler ("Fresher's Week"). Auch da lernt man jede Menge über Land und Leute.
2. Die Tipps
Gaiwa 17.04.2012
Zimmer: Wg Zimmer bei "Einheimischen" ist meist eine ganz schlechte Idee. Es ist ja nicht so als würde man im Internet ein Zimmer aussuchen und das "automatisch bekommen". Wenn man nur für 1-2 Semester bleibt glaub ich kaum, dass man das Risiko eingehen möchte über 5-6x in die jeweilige Stadt zum Besichtigen zu fliegen in der Hoffnung nun ein Zimmer zu bekommen - und die Chancen stehen als Erasmus-Student dafür extrem schlecht: Welche WG möchte jemanden suchen, der vermutlich nicht lang bleibt um dann erneut auf die Suche gehen zu müssen? Dazu kommt, dass man gerade als Student aus dem Ausland häufig Risiken eingeht: Man zahlt einen wesentlich höheren Anteil als die anderen (wenn man aus dem "reichen Deutschland" kommt, muss man sich über sowas nicht wundern), oder die Kaution ist plötzlich weg. Dasselbe passiert auch umgekehrt im deutschsprachigen Raum sehr oft Leuten aus anderen Ländern - weil man eben von den Preisen in den jeweiligen Städten oft kaum Ahnung hat, und einem am Ende als Auslandsstudent nur die teuren Alternativen bleiben. Und weil man rechtlich nicht genau weiß was man tun kann und tun will: Bei Freunden erlebt - kurz vor der Abreise hieß es dann, Kaution gibts nicht zurück oder nur teilweise. Welche Möglichkeiten hat man dann? Dort bleiben und anzeigen und abwarten? Meist hat man weder Zeit noch Geld dafür. Sprache: Die einheimische Sprache lernen ist natürlich immer sinnvoll, aber man sollte bitte nicht davon ausgehen sie auch einmal privat zu verwenden. In der Regel hat heute jeder weitaus bessere Englisch-Kenntnisse als Deutschkenntnise (oder andere Landessprachen) in 3-4 Jahren erlernt werden können. "Abschottung": Es gibt eigentlich in jeder größeren Stadt Erasmus-Parties und andere Events mit mindestens genauso vielen Einheimischen. Wenn man bisschen offen ist lernt man doch recht schnell Leute kennen. --- Hab etliche Jahre im In- und vor allem Ausland mit Erasmus-Studenten zusammen gewohnt und hab viele Freunde gewonnen. Und gerade das privat Wohnung/WG suchen ist schon ein großes Risiko wenn man nicht genaus weiß was man tut und sich nicht viel Stress machen und Geld ausgeben will: mal eben über 5x in eine Stadt fliegen und vll 1000€ Kaution zahlen ist nicht jedermanns Sache. Hab Leute getroffen die dann dort ankamen und plötzlich war das Zimmer doch schon mit wem anderen belegt, oder der alte "Zahl Kaution dann bekommst Du den Schlüssel"-Trick im Internet, bei dem sowohl Infos als auch Fotos als auch das ganze Angebot Fake waren (sucht mal, davon gibts dutzende auch in jeder deutschen Stadt... ein "Student" der vereist ist, angeblich länger weg bleibt und daher keine Besichtigung machen kann, aber das einem den Schlüssel fix schickt, wenn man Kaution zahlt - und es gibt genau die darauf herein fallen.) Andereseits hab ich aber in all den Jahren auch nie was von der hier besprochenen "Blase" mitbekommen oder Leute erlebt die extra ins Ausland gehen um dann "daheim auf dem Zimmer sitzen zu bleiben".
3. Hauptsache, gut Arschgepudert...
JocMet67 17.04.2012
Zitat von sysopBeim Feiern, Flirten und Studieren bleiben viele Erasmus-Studenten oft unter sich - bloß kein Kontakt zu Einheimischen! Das ist zwar bequem, aber auch langweilig und wenig ergiebig. Uni-Berater verraten, wie sich die gröbsten Fehler während der Monate im Ausland vermeiden lassen. Hilfe beim Auslandsstudium: Lasst mich raus aus der Erasmus-Blase! - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,827861,00.html)
Ich muss jetzt hier echt mal was loswerden, weil ich die Kluengelei und Erasmus-Studenten hier in Frankreich auch gerade mitkriege: "Liebe Studenten aus dem Ausland und egal wo ihr seid: Muss man euch eigentlich alles VORKAUEN und euch an jeder Ecke AN DIE HAND NEHMEN?" Ich war vor einiger Zeit in Schottland und jetzt bin ich in Frankreich. Und das ERSTE, was ich gemacht habe, war, den Kontakt zu eigenen Landsleuten zu meiden, wie die Pest. Brauche ich hierfuer einen "Buddy-Day"? Oder eine "Orientierungswoche"? Das ist laecherlich! Ist es so schwer, von alleine drauf zu kommen, sich eine Einheimischen-WG zu suchen? Liebe Erasmus-Bezieher: Das sind Steuergelder, die Ihr hier verballert, wenn ihr im Ausland genau das gleiche macht, wie zu Hause. Wenn ihr das bisschen Selbstaendigkeit nicht auf die Reihe kriegt, bleibt einfach ZUHAUSE! Es gibt andere, die die Subvention sicher besser nutzen und die sich wirklich fuer andere Kulturen und Sprachen interessieren. Und wenn die nicht aufzutreiben sind, dann wird das Geld einfach gespart...
4. ...
herrdaemlich 17.04.2012
Zitat von GaiwaZimmer: Wg Zimmer bei "Einheimischen" ist meist eine ganz schlechte Idee. Es ist ja nicht so als würde man im Internet ein Zimmer aussuchen und das "automatisch bekommen".
Das kommt ganz einfach auf das Land drauf an. Ich war in Spanien in mehreren Städten (Granada, Valencia, Sevilla) und kann sowohl aus eigener als auch aus der Erfahrung anderer sagen, dass es durchaus möglich ist innerhalb von 14 Tagen ein (spanisches) WG Zimmer aufzutreiben. Hier in Deutschland hab ich spanische Studenten getroffen, die sich vorgestellt haben, dass es hier ähnlich funktionieren würden... Auch deine anderen Erfahrungen mit höheren Kostenanteil für Deutsche oder verschwundene Kaution. Hab ich noch nie von gehört. Wo warst du denn, wenn man fragen darf?
5. WG und Integration
spon-cb 17.04.2012
Zitat von GaiwaZimmer: Wg Zimmer bei "Einheimischen" ist meist eine ganz schlechte Idee. Es ist ja nicht so als würde man im Internet ein Zimmer aussuchen und das "automatisch bekommen". Wenn man nur für 1-2 Semester bleibt glaub ich kaum, dass man das Risiko eingehen möchte über 5-6x in die jeweilige Stadt zum Besichtigen zu fliegen in der Hoffnung nun ein Zimmer zu bekommen - und die Chancen stehen als Erasmus-Student dafür extrem schlecht: Welche WG möchte jemanden suchen, der vermutlich nicht lang bleibt um dann erneut auf die Suche gehen zu müssen? Dazu kommt, dass man gerade als Student aus dem Ausland häufig Risiken eingeht: Man zahlt einen wesentlich höheren Anteil als die anderen (wenn man aus dem "reichen Deutschland" kommt, muss man sich über sowas nicht wundern), oder die Kaution ist plötzlich weg. .
@Gaiwa: Ich kann Deine Erfahrung nicht ansatzweise teilen. Von diesen Problemen habe ich noch nie gehört. Aus meiner Auslandszeit, sowie als Erasmus-Tutor kann ich sagen, dass eigentlich jeder, der ein WG-Zimmer wollte, auch eins bekommen hat. In Deutschland gibt es viele Zimmer zur Zwischenmiete, in England, Spanien, Italien usw. kann man ohne weiteres in WGs wohnen, oft sind die Zimmer auch möbliert. Ich habe da viele positive Erfahrungen gehört und auch selbst gemacht. Etwas frühzeitig hinfliegen, sich vor Ort orientieren, schon mal dort bleiben und parallel ein wenig Sprachkurs machen - niemand fliegt 5x hin und her... muss man auch nicht. Von Problemen mit der Kaution habe ich einmal gehört: Man sollte natürlich kein Geld an Unbekannte ins Ausland überweisen... Schlimmer ist mitunter die Bürokratie. Oder die Mietpreise in einigen Ländern oder Metropolen. Die Barierre ist bei einigen Austauschstudenten schlicht im Kopf: Man muss sich auf neue Erfahrungen einlassen und ein wenig am Land und an den Leuten interessiert sein. Und mal investieren und nicht den einfachsten Weg gehen. WG ist da super, um mal raus aus Erasmus zu kommen. Und mal eine Party auslassen, denn die Einheimischen müssen oft mehr Kurse besuchen als man selbst...
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