Wlada in Amerika: Wachse, Wortschatz, wachse!

Der Zufall ist der beste Reiseführer und die tollsten Souvenirs sind umsonst. Studentin Wlada Kolosowa, 25, lässt sich von "Zu verschenken"-Anzeigen durch New York leiten. Sie stolpert beim Herumstreunen über echte Schätze - darunter neue Vokabeln für ihren Jahrhundertroman.

Wlada entdeckt New York: Mit Staune-Augen durch die Stadt Fotos
Ryan Tschetter

Viele Souvenirs kann man nicht von einem Auslandsstudium mitnehmen. Spätestens ab 25 Kilo sagen die meisten Fluglinien: nachzahlen. Aber für Extragepäck im Kopf gibt es keine Gewichtsbeschränkungen. Also sammle ich in New York tonnenweise Vokabeln, um daraus den Jahrhundertroman für die Abschlussprüfungen in "Kreativem Schreiben" zu basteln. Ich bin ein...

...glutton (arch.): Vielfraß, Gierschlund.

Klassische Literatur, Shampoo-Flaschen, fluchende Nachbarn: alles wunderbare Wortquellen. Abends fühle ich mich immer, als hätte ich blind in einem Megamarkt eingekauft und aus allen Zutaten einen Eintopf gekocht. Beatnik-Slang ("On the Road" gelesen) schwimmt darin neben seemännischen Fachwörtern ("Moby Dick") und neben dem vollständigen Verzeichnis von Geschlechtskrankheiten (beim Warten auf die Grippe-Impfung zu lange auf Vorsorge-Poster gestarrt). Die neuen Vokabeln sind...

...ubiquitous (adj.): allgegenwärtig.

Die Vokabellisten hängen über meinem Kopf, wenn ich morgens in den Spiegel gucke. Kleben auf der Milchpackung im Kühlschrank. Liegen zerkaut in Hosentaschen frischgewaschener Jeans. In meinem Kopf brodeln shakespearsche Redewendungen neben solchen Slang-Schätzen wie:

sneeze freeze (ugs.): Der - meist recht dämliche - eingefrorene Gesichtsausdruck kurz bevor man niest.

Vokabeln sind ansteckend wie Infektionskrankheiten: Man muss nur an einen Ort mit vielen Menschen gehen, schon hat man welche eingefangen. Es muss nur einer niesen! "Sneeze freeze", das Wort habe ich auf einer Hausparty aufgeschnappt, von einer Schauspielerin namens Laura. Sie sieht aus wie ein Weihnachtself und hat die lautesten, dramatischsten Nieser der Welt, mindestens fünf am Tag. Zwei Minuten bevor es so weit ist, rutschen all ihre Gesichtszüge in die Mitte, wie bei einem Mops, dann explodiert sie in ihr Taschentuch.

Laura hat in den vergangenen zwei Monaten zwischen vier New Yorker Wohnungen gewechselt, besitzt kein einziges Paar zusammenpassender Socken oder Handschuhe, dafür aber eine beeindruckende Sammlung an Flüchen und Wortneuschöpfungen. Genau wie für mich sind New Yorks unbegrenzte Möglichkeiten für sie auf die kostenlosen beschränkt. Folglich entpuppte sie sich als eine großartige Komplizin, wenn es darum geht, sich in Konzerte zu schleichen, Freigetränke zu er-charmen und in New York verlorenzugehen. Meiner Theorie nach lässt sich eine Stadt nur auf eine Art entdecken:

haphazardly (adv.): planlos.

Zufall ist der beste Reiseführer. In Staune-Augen passt mehr Leben rein, als in solche, die alles nach Sehenswürdigkeiten scannen. Fusselige Hunde und schrumpelige Hobby-Wahrsagerinnen sind in keinem "Lonely Planet" verzeichnet, auch keine Kletterbäume - oder sagen wir mal: Schneehaufen vor einer Eishalle am letzten T-Shirt-Tag im Herbst.

Aber bei einer Riesenstadt braucht selbst der Zufall ein bisschen System. In Berlin habe ich die lustigsten Haltestellen-Namen markiert und bin am Wochenende nach Haselhorst gefahren oder zu Onkel Toms Hütte. In New York stehen schon Pineapple Street und Extra Place in Brooklyn auf meiner Ausflugsliste, doch leider haben viele Straßen Nummern statt Namen. Im Manhattan-Gitter müsste man eher die Nummern der Straße und der Querstraße würfeln, um auf gut Glück irgendwo zu landen.

serendipity (Nomen): Serendipität - zufällig glückliche und unerwartete Entdeckungen zu machen.

Vor ein paar Wochen habe ich die perfekte Zufallsmaschine für mich entdeckt. Craigslist.org ist ein Umschlagplatz im Internet, wo man alles finden kann: Mitbewohner, einen Job, die große Liebe, den entlaufenen Zwergpudel, preisgünstige Papstkronen, jemanden, der für dich deine Ostereier versteckt oder einen Bart-Mentor. In der Kategorie "Missed Connection" kann man sogar nach diesen Menschen mit den formschönen Ohren suchen, den man sich nicht getraut hat, in der U-Bahn anzusprechen (oder vergessen hat, nach dem Namen zu fragen, bevor er auf Nimmerwiedersehen aus deinem Bett gestiegen ist).

freebie (Nomen): etwas für nichts, Gratis-Krempel.

Meine Entdeckungstouren wurden fortan von der Kategorie "Free Stuff" auf Craigslist bestimmt: Ich habe schon einen Stapel alter "The New Yorker"-Magazine in der Bronx abgeholt und in Queens Kleiderschnittmuster aus den Vierzigern. Fast hätte ich sogar die passende Nähmaschine ergattert. Aber als ich zum Abholen kam, wollte der steinalte Besitzer sie mir nur dann schenken, wenn ich seine einäugige Katze mit dazu nehme. Er ziehe weg und müsse sie zurücklassen. Meine Mitbewohner sagten nein. Zum Trost schenkte mir der Opa rostige Eislaufschuhe und eine Fläschchen Orangensaft für den Heimweg.

Viel dringender bräuchte ich allerdings ein anderes Fortbewegungsmittel: ein Fahrrad. Und eines Tages sah ich tatsächlich ein perfektes Exemplar, nicht ganz umsonst, aber zum Bruchteil des Ladenpreises, mit einer Überschrift in holprigem Englisch: "Verkaufe Fahrrad, weil nichts mehr brauche." Darunter: 18 identische Anzeigen, bloß mit Fotos unterschiedlicher Fahrräder. Wer hat sie bloß hochgeladen? Ein Fahrradfreund, der beschlossen hat, sich von seiner Sammlung zu trennen? Ein nicht sehr intelligenter Dieb? Egal, ich mache mich auf die Suche nach der nächsten...

...treasure trove (bildlich): Fundgrube.

Antonio empfängt mich vor einem Lagerraum in Bushwick, einem Teil von Brooklyn. Der ist vollgeladen mit Kinderwägen, Kassettenspielern, dreibeinigen Stühlen und alten Möbeln, von denen ich nicht sicher bin, ob sie retro sind, oder einfach nur Schrott. Antonio selbst ist riesengroß und hat ein Donnerlachen. Als er drei war, kam seine Familie aus Mexiko in die USA. Hier ging er nur bis zur fünften Kasse zur Schule und verdient sein Geld nun damit, dass er Wohnungen Verstorbener ausräumt. Nachdem die Angehörigen die wichtigen Sachen mitgenommen haben, darf er den Rest behalten.

Was sein seltsamster Fund war? "Einmal hat jemand ein Schmuckkästchen liegenlassen," erzählt er. "Sah echt teuer aus und hat geklimpert, als sei es voll mit Juwelen." Dann waren allerdings doch nur Zähne drin. Ob ich sie gratis zum Fahrrad haben will, als Souvenir? Ich schüttle den Kopf: Diesmal bleibe ich lieber bei Vokabeln.

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insgesamt 30 Beiträge
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    Seite 1    
1. Armer
matthias_b. 01.12.2012
junger Mann. Dabei sah es noch so hoffnungsvoll aus :(
2. Immer die USA
christoph1980 01.12.2012
Wozu brauchen wir eigentlich noch mehr Reiseberichte über die USA? Was ist mit unseren Nachbarländern, insbesondere den osteuropäischen? Wenn ich etwas über die USA wissen möchte, englisch habe ich in der Schule gelernt und kann auf eine englische Website gehen. Tschechisch, Slowakisch, Rumänisch - hier kann jeder nur Bruchstücke.
3.
drsoran2 01.12.2012
Das Problem ist nur das Schulenglisch einen nicht wirklich viel bringt. Echte Menschen sprechen sehenm selten so wie ein Lehrbuch
4. optional
sincere 01.12.2012
Ey Leute, diese Wlada-Serien interessieren wirklich keinen. Lasst Euch mal was neues einfallen.
5. Überflüssig
snickerman 01.12.2012
Zitat von sincereEy Leute, diese Wlada-Serien interessieren wirklich keinen. Lasst Euch mal was neues einfallen.
Ey sincere, diese Kommentare von Ihnen interessieren wirklich keinen. Lassen Sie sie doch einfach wegfallen ^^
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