Aus Chennai berichtet Julia Lösch
Manchmal fühlt sich Philipp wie 15, wenn er heimlich Bier trinkt oder sich aufs Mädchenzimmer schleicht. Selbst seinen Wasserkocher muss er verstecken - denn nicht nur Alkohol und Besuche im Mädchenwohnheim, auch Elektrogeräte sind verboten am Indian Instiute of Technology Madras (IIT). Die Sicherheitsleute auf dem Campus lauern überall. Und außerdem Getier, gierige Affen, die sich gerne Cola und Chips aus seinem Zimmer klauen.
Als Philipp Hänichen, 26, das Uni-Café betritt, muss er sich von der schwülen Tropenluft erstmal erholen. Sein hellblaues T-Shirt hat sich dunkel gefärbt, Schweißperlen kullern seine Wangen hinunter. Der Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen könnte kaum größer sein: Im Café herrscht gefühlte arktische Kälte - vor den Türen sind es 35 Grad bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Trotzdem wählt Philipp den Tisch direkt unter der Klimaanlage.
"Alles Gewöhnungssache", sagt er und an den Kellner gewandt: "Können Sie sich bitte beeilen mit dem Kaffee?" Die Bestellung klingt sehr ruppig, fast schon unfreundlich. Er erklärt, dass es hier schon einmal vorkommen kann, dass man 45 Minuten auf sein Getränk warten muss. Die schroffe Ansage wirkt, wenige Minuten später nippt er an seinem eisgekühlten Kaffee.
Philipp fühlt sich wohl in Chennai, auch wenn er die südindische Metropole am Golf von Bengalen nicht besonders schön findet. Lärm und Dreck, sagt er, setzen ihm immer noch zu. "Wenn ich nachts aus Chennai zurück auf den Campus komme und mir die Nase schnäuze, ist das Taschentuch schwarz." Philipp wohnt weit entfernt vom wirren Trubel der Millionenstadt. Als Paradies und Rückzugsort beschreibt er den Campus, der eher einer Kleinstadt als einem deutschen Uni-Gelände gleicht. Es gibt Supermärkte, Cafés, eine Mensa, Sportplätze, ein Schwimmbad, einen Friseur, eine Bank, eine Bücherei und Obststände. Auf den Grünflächen toben sich Hirsche aus. Affen tollen übers Grün und klauen den rund 6000 Studenten die hier leben gerne mal Getränke aus den Händen oder schleichen in die Zimmer und verursachen dort Chaos.
Elend und Elite liegen dicht beieinander
Hänichen wollte nicht in die USA, da gehen alle hin, sagt er. Er wollte ein Abenteuer und sich von der Masse absetzen, mit einem exotischen Studienland hervorstechen. So kam er auf Indien, ein Land, dessen Gegensätze nicht weiter auseinander liegen könnten. Der Grat zwischen Elend und Elite. Nur 70 Prozent der Erwachsenen können lesen und schreiben. Andererseits machen jährlich mehr als drei Millionen Inder ihren Hochschulabschluss. Die Technik-Unis mit dem Kürzel IIT gehören zu den Vorzeigeuniversitäten des Landes. Die Aufnahmeprüfungen sind eigentlich sehr hart, allerdings nicht für Philipp Hänichen. Wegen der Partnerschaft mit seiner Heimat-Uni Darmstadt und der geringen Nachfrage bekam er problemlos einen Studienplatz.
Seit acht Monaten macht er hier nun seinen Master in Maschinenbau, ein Jahr möchte er bleiben. Die Studiengebühren von knapp 400 Euro pro Semester übernimmt die Uni Darmstadt, zum Leben braucht er hier nicht viel. Nur 200 Euro kosten ihn Unterkunft und Verpflegung im Semester.
Das Niveau der Kurse ist vergleichbar mit Deutschland, sagt Hänichen, allerdings habe er noch nie so viel auswendig gelernt wie hier in seinem indischen Master-Studium. Der Leistungsdruck, insbesondere für indische Studenten, sei sehr groß und komme nicht nur von der Uni. "Haben die Inder einen der begehrten Plätze ergattert, tragen sie teilweise die gesamte Last ihres Dorfes, ihrer Familie auf den Schultern. Das ist nicht immer einfach", sagt Hänichen.
Auf dem Campus tratschen die Studenten sogar über vereinzelte Selbstmorde von Studenten, die den Druck nicht aushalten konnten. Der enorme Ehrgeiz unter den Indern erschwert auch deutsch-indische Freundschaften. Öfter schon hat Philipp seine Mitstudenten gefragt, ob sie etwas gemeinsam unternehmen wollen, doch deren Antwort lautet meist: "Ich muss lernen."
Regelrecht unwohl wird Hänichen, wenn er an die Hierarchien in der indischen Gesellschaft denkt. Das offiziell längst abgeschaffte Kastensystem macht sich auch heute noch überall bemerkbar. Wenn der Professor den Raum betritt, stehen die indischen Studenten auf. Wenn indische Studenten eine Sprechstunde besuchen, kuschen sie und ducken sich vor dem Professor. Dass Philipp Hänichen sitzen bleibt, wenn der Lehrer reinkommt, und er nicht den Rücken krümmt, hat ihm einen Ruf als Exot eingebracht, übel nehme ihm das aber keiner, sagt er. Wenig Respekt zollen die Studenten den Professoren hingegen in der Vorlesung, hier wird wild durcheinander geredet. Wortmeldungen mit Hand hochhalten kennen die Inder nur von ihrem deutschen Austauschstudenten Philipp.
Männerverbot im Mädchenwohnheim
Auf dem Campus wohnt Philipp Hänichen in einem der 17 nach Geschlechtern getrennten Studentenwohnheimen. Männerbesuche sind in den beiden Mädchenhäusern streng verboten. Ein Mädchen aus Philipps Freundeskreis hat den Pförtner ihres Hauses mit einem Passfoto von sich bestochen und ihm lieb zugezwinkert - seitdem dürfen Philipp und seine Clique ausnahmsweise rein.
Auf zehn Quadratmetern Wohnheimzimmer haben die Studenten alles. Nur eine Küche im gesamten Wohnheim. Weil er auf Tütensuppen und Tee nicht verzichten mag, hat er sich erst kürzlich einen Wasserkocher aufs Zimmer geschmuggelt, dabei sind elektronische Geräte im Wohnheim eigentlich verboten. Kontrollen sind am IIT Madras alltäglich. "Ich bin es aus meinem Kulturkreis gewöhnt, abends mal ein Feierabendbierchen zu trinken. Das geht hier gar nicht", sagt Hänichen. Auf dem gesamten Gelände herrscht striktes Alkohol- und Rauchverbot.
Alkohol wird in Indien - und besonders im konservativen Bundesstaat Tamil Nadu - nicht gerne gesehen. Die deutsche Alltagsdroge steht hier vor allem für sozialen Abstieg. Weil Philipp und seine Freunde nicht verzichten wollen, treffen sie sich hin und wieder im meist unbewachten Sportstadion des IIT und trinken heimlich Alkohol. "Leider wimmelt es dort nur so von Insekten. Da muss man abschätzen, was wichtiger ist: Mückenstiche oder Bier." Eine Entscheidung, die riskant sein kann, denn in Indien können Mücken Malaria und Dengue-Fieber übertragen.
Eine Nacht hat Philipp bereits mit hohem Fieber im Krankenhaus verbracht. Bis heute weiß er nicht, was er sich damals eingefangen hatte. "So schnell das Fieber kam, so schnell ging es auch wieder weg", sagt er gelassen und kratzt sich am von Mücken zerstochenen Bein.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Indien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH