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Behindertenheim in Pakistan: Die Glücklichen von Lahore

Behinderung gilt in Pakistan als Schande. Betroffene werden häufig verstoßen, misshandelt und leben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Doktorandin Maria-Magdalena Fuchs, 28, erlebte im "Haus der Wunder" in Lahore eine große Ausnahme - und fand dort eine neue Aufgabe.

"Haus der Wunder": Hier wird niemand angekettet Fotos
Myra Iqbal

Um vier Uhr morgens wache ich auf, weil der Strom zum dritten Mal ausgefallen ist. Es ist meine erste Nacht im Dar ul-Karishma, im "Haus der Wunder", einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung in der pakistanischen Metropole Lahore. Die Temperatur im Zimmer: 35 Grad Celsius. Der Deckenventilator steht still. Schlafen ist unmöglich.

Ich bin aus zwei Gründen in Pakistan: Ich möchte herausfinden, wie Menschen mit geistiger Behinderung hier leben, und ich möchte Urdu lernen. Eine Woche werde ich im Dar ul-Karishma, im "Haus der Wunder", arbeiten. Die Einrichtung befindet sich in einem armen Stadtviertel von Lahore, der zweitgrößten Stadt Pakistans.

Auf dem Weg dorthin wate ich durch knöchelhohen übelriechenden Morast. Industrieabfälle, Klärschlamm, Plastiktüten und Haushaltsmüll - alles landet in einem offenen Abwasserkanal. Während der Monsunzeit läuft dieser wegen der starken Regenfälle über, die Wassermassen fließen auf die Straße und sickern ins Grundwasser. Durch verrostete Leitungen gelangen die Abwässer auch ins Trinkwasser. Magen-Darm-Infektionen sind deshalb an der Tagesordnung.

Behinderung gilt als Schande

Auch im "Haus der Wunder" sind fünf Patienten an Durchfall erkrankt, sagt mir die Heimleiterin Schwester Arshad bei meiner Ankunft. Neunzig Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 65 Jahren haben hier ein neues Zuhause gefunden. Sie alle haben geistige Behinderungen, viele lebten zuvor auf der Straße, einige haben traumatische Erlebnisse hinter sich.

In Pakistan gilt es als Schande, behindert zu sein, gar als Strafe Gottes. Aus Scham verstecken viele Eltern ihr behindertes Kind vor den Nachbarn. Kinder werden ans Bett gefesselt, geschlagen und misshandelt. Offizielle Zahlen über geistige und körperliche Behinderungen sind nicht verfügbar, Schätzungen reichen von 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung - das wären mehr als 20 Millionen Menschen.

Eine von ihnen ist Nargis. Sie war einst verheiratet. Als ihr Mann die Geduld mit ihrer Behinderung verlor, kippte er ihr Säure ins Gesicht und warf sie aus dem Haus. Bevor sie ins Dar ul-Karishma kam, lebte sie auf den Straßen Lahores und bettelte. Auch Sumera hat Schlimmes erlebt: Sie war ein wissbegieriges Kind und hatte gute Noten in der Schule. Mit sieben Jahren bekam sie Typhus. Ihre Eltern waren zu arm, um die Behandlung zu bezahlen. Nach der Erkrankung war Sumera nicht mehr dieselbe. Die Eltern schämten sich für den Zustand ihrer Tochter und verstießen sie. Wohlwollende Nachbarn brachten Sumera ins "Haus der Wunder".

Hier wird niemand festgebunden

Von staatlicher Seite werden Behinderte zusammen mit psychisch Erkrankten und Traumapatienten behandelt. Oft leben sie in Psychiatrien oder Krankenhäusern, wo sie in unterirdischen Kellerräumen hinter Gitterstäben angekettet werden. Nur die wenigsten erhalten angemessene Pflege und Förderung.

Wer seinen Weg ins "Haus der Wunder" findet, hat großes Glück gehabt. Jeder Neuzugang erhält zunächst ein Bad und frische Kleidung. Es gibt drei reichhaltige, gesunde Mahlzeiten am Tag und eine Teepause. Die Schwestern kümmern sich um die Hygiene und Gesundheit der Bewohner. Niemand wird festgebunden oder in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Einige lernen hier zum ersten Mal sprechen.

Die Schwestern, die hier arbeiten, gehören zu dem Orden Sisters of Charity of Saint Jeanne Antide, der sich dem Dienst an den Armen verschrieben hat. Er betreibt in Pakistan drei Schulen für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und das "Haus der Wunder".

Ich lernte das Heim bei einem Pakistan-Aufenthalt vor zwei Jahren kennen. Ich wurde krank, eine Schwester aus dem Orden besuchte mich und erzählt mir von dem Heim. Sofort war mein Interesse geweckt. Meine Eltern sind Heilerziehungspfleger, ich bin von klein auf von behinderten Menschen umgeben gewesen. Immer wieder besuchte ich mit meinem Mann Simon das Heim. Und als wir zurück in München waren, gründeten wir mit einigen Freunden den Verein Omid-e Punjab ("Hoffnung für den Punjab"), um das Projekt zu unterstützen.

Ohne Heizung durch den Winter

Mittlerweile konnte wir das Heim mit zwei Solaranlagen ausstatten, neue Energiesparlampen und solarbetriebene Ventilatoren helfen, den Energiebedarf zu reduzieren. Und ein professionelles, ebenfalls aus Sonnenenergie gespeistes Wasserfiltersystem stellt sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Im Winter fallen die Temperaturen auf drei Grad. Die Bewohner müssen gewaschen und warm gehalten werden, doch das Heim verfügt weder über eine Heizung, noch über einen Warmwasserboiler. Medizinische Weiterbildung ist dringend nötig, aber qualifiziertes Personal nur schwer zu finden.

Oft stoßen wir auf Hindernisse und Schwierigkeiten, fühlen uns hilflos angesichts der widrigen Umstände und der überwältigenden Masse an Problemen. Dennoch fühlt sich die praktische Hilfe, die ich dort leisten kann, weitaus befriedigender an als einen grammatikalisch perfekten Satz auf Urdu zu formulieren oder wissenschaftliche Erkenntnisse aufzuschreiben.

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Zur Person
  • Privat
    Maria-Magdalena Fuchs, 28, promoviert an der Universität Princeton in New Jersey, USA. Zuvor studierte sie in Oxford Religionswissenschaft, ihr Schwerpunkt ist der Islam in Südasien. In München gründete sie den Verein Omid-e Punjab, um das Behindertenheim der Sisters of Charity of Saint Jeanne Antide zu unterstützen.

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Fläche: 796.095 km²

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