Ausnahmetalent: Student, 22, kann 35 Sprachen

Von Martin Koch

Wer als junger Akademiker drei, vier Fremdsprachen gut beherrscht, gilt schon als Ausnahmetalent. Der Bonner Student Sebastian Heine hat drei, vier gelernt - pro Jahr. Inzwischen sind es 35, von Aramäisch über Usbekisch bis zu seiner Lieblingssprache Pashto.

"Nein, ein Genie bin ich nicht!", sagt Sebastian Heine und zeigt auf den Bücherstapel auf seinem Schreibtisch in der Bibliothek der Uni Bonn. "Es ist Fleiß - ich pauke jeden Tag Vokabeln, ich wiederhole jeden Tag die Grammatik." Diese Selbsteinschätzung des 22-Jährigen mit den braunen Locken ist bescheiden - ohne besondere Begabung lernt niemand über 30 Fremdsprachen, die meisten aus dem Nahen und Mittleren Osten. Es sind...

Altpersisch, Avestisch, Pahlavi, Baktrisch, Sogdisch, Sakisch, Pashto, Parachi, Ormuri, Wakhi, Yaghnobi, Sanglichi, Ishkahmi, Ossetisch, Yidgha-Munji, Urdu, Hindi, Farsi, Panjabi, Sindhi, Kurmandschi-Kurdisch, Baluchi, Sanskrit, Pali, Gandhari, Latein, Griechisch, Altirisch, Mittelkymrisch, Gotisch, Usbekisch, Aramäisch, Arabisch, Französisch, Englisch

Sprachtalent Heine in der Bibliothek: "Das Pashto ist süß und zugleich herb"
Martin Koch

Sprachtalent Heine in der Bibliothek: "Das Pashto ist süß und zugleich herb"

Angefangen hat alles vor gut sieben Jahren an der Edertalschule im hessischen Frankenberg. Bei der Homer-Lektüre im Original entdeckte Sebastian Heine, damals 15, dass Griechisch und Sanskrit eng miteinander verwandt sind. Das weckte seine Neugier, er lernte Sanskrit. Danach eignete der Sohn eines Historikers sich jedes Jahr drei bis vier weitere Sprachen an, das fand er spannender als Discobesuche mit seinen Klassenkameraden.

Nach seinem Einser-Abitur begann Sebastian Heine sein Studium an der Bonner Universität: Indogermanistik mit den Nebenfächern Indologie und Keltologie - klassische Orchideenfächer. Gerade hat er seine Magisterarbeit abgegeben, in der er sich mit dem "Verb im Pashto" beschäftigt, seiner Lieblingssprache. Er bezeichnet sie als Mosaik des gesamten menschlichen Lebens: "Das Pashto ist süß und gleichzeitig sehr herb. Es kann unglaublich feinfühlig sein und andererseits sehr hart und männlich. Das Pashto lebt, es schreit, es weint, es freut sich, es stöhnt, es stirbt."

"Pashto ist ein Lebensgefühl"

Wenn Sebastian Heine von seiner Lieblingssprache schwärmt und paschtunische Gedichte rezitiert, funkeln seine Augen, er versinkt in einer ganz anderen Welt. Diese Begeisterung lässt ihn bei seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen als Exoten erscheinen, mit ihnen hat er nur wenig zu tun. Doch das ist Sebastian Heine egal. Der stets mit Anzug und Oberhemd gekleidete Sprachenexperte hat trotzdem ein abwechslungsreiches Studentenleben: Fast täglich trifft er sich mit Menschen aus Afghanistan, die er hier in Deutschland kennen gelernt hat. Mit ihnen zieht er um die Häuser, feiert Partys, diskutiert über Gott und die Welt - nur eben nicht auf Deutsch, sondern auf Pashto.

Von ihnen hat er auch gelernt, dass Pashto nicht nur eine Sprache ist, sondern ein Lebensgefühl: "Es ist der Kodex der Paschtunen. Das heißt, seien Sie offenherzig, seien Sie ehrenhaft, seien Sie gastfreundlich, gebieten Sie Gnade gegenüber Ihren Feinden, sprechen Sie Pashto. Teilen Sie das mit diesen Menschen, indem Sie ihre Sprache sprechen. Versuchen Sie, ihre Verhaltensweisen zu verstehen und anzunehmen, und Sie werden aufgenommen."

Viele seiner neuen Freunde konnten anfangs kaum glauben, dass ein Nicht-Paschtune sie fließend in ihrer eigenen Sprache ansprach, doch umso herzlicher haben sie Sebastian Heine in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Als kleine äußerliche Reminiszenz an ihr traditionelles Erscheinungsbild hat er sich ebenfalls einen Bart stehen lassen, "allerdings mit sehr bescheidenem Ergebnis", bemerkt er mit einem Grinsen über "diese Parodie auf einen Bart".

"Afghanistan wäre ein Traum"

Mit seinen Sprachkenntnissen stehen Sebastian Heine angesichts der aktuellen Situation in Afghanistan viele Türen bei Unternehmen, Hilfsorganisationen oder beim Militär offen. Die Bundeswehr hat ihn auch schon für einen Vortrag über die Sprachenvielfalt in der Region angefragt. Dafür würde er sich auch zur Verfügung stellen, weil es ihm wichtig ist, Wissen über die Region zu vermitteln.

Aber grundsätzlich beurteilt er die Entwicklungs- und Wiederaufbauhilfe für Afghanistan aus der Sicht eines Sprachwissenschaftlers skeptisch: "Die meisten Projekte werden auf Persisch durchgeführt, eine der beiden offiziellen Sprachen in Afghanistan. Doch Persisch wird vor allem im Norden gesprochen, die zwölf Millionen Paschtunen im Süden sprechen Pashto und werden dadurch von vielen Hilfsprogrammen nicht erreicht", kritisiert Sebastian Heine.

Er sieht seine Zukunft in Forschung und Lehre, möchte sich nicht von wirtschaftlichen oder politischen Sachzwängen vereinnahmen lassen. "Wenn man da einmal drin ist, kommt man nicht wieder raus", befürchtet er. Wenn alles gut geht, wird er ab Ende dieses Jahres erst einmal promovieren: als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes an der renommierten "School of Oriental and African Studies" in London.

Danach würde er am liebsten als Wissenschaftler in die Region gehen, deren Sprachen er so gut beherrscht, in der er jedoch noch nie gewesen ist: "Afghanistan wäre für mich als Wissenschaftler ein Traum", sagt er. Wieder beginnen seine Augen zu leuchten. "Die Dialekte aufzuarbeiten, die Sprachen, über die es noch keine Grammatiken gibt, ihre Geschichten, Märchen, Sagen, Dichtung - das wäre unglaublich reizvoll." Und so hofft er, dass sich die politische Situation bald entspannt und er zum Beispiel an der Universität von Kabul lernen, lehren und forschen kann.

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