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Aussteiger als Neonazi-Forscher: "Ich möchte, dass es den Menschen erspart bleibt"

Seine Studie zu Rechtsextremismus unter sächsischen Berufsschülern machte Schlagzeilen. Was aber kaum jemand wusste: Michael Nattke war früher selbst ein Neonazi. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über seine Vergangenheit und sagt, warum er heute die rechte Szene erforscht.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Nattke, Sie kommen in einer Studie über Berufsschüler in Sachsen zum Ergebnis, dass ein Fünftel von ihnen rechtsextreme Ansichten hat. Hat Sie das überrascht?

Nattke: Ja, weil ich den Cutting Point, also ab wann ich jemanden als rechtsextrem bezeichne, im Vergleich zu anderen Studien sehr hoch angesetzt habe. Bei anderen Untersuchungen wird meist von einer rechtsextremen Gesinnung gesprochen, wenn die Befragten der Hälfte der rechtsextremen Behauptungen zustimmen. Bei mir waren es drei Viertel. Ich wollte das Potential nicht überschätzen und wissen, bei wem das rechte Denken wirklich gefestigt ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Nattke: Um zu sehen, wie viele Handlungsmöglichkeiten man hat. Denn auf diejenigen, die schon feste ideologische Vorstellungen haben, kann eine Berufsschule sehr schwer Einfluss nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Die Berufsschule als Besserungsanstalt?

Nattke: Ich denke schon, dass es für junge Leute, solange sie in der Institution Schule sind, eine ganze Reihe von Interventionsmöglichkeiten gibt. Man kann hier einfach früh, ab der fünften oder sechsten Klasse, ansetzen. Die Möglichkeit, junge Leute mit Hilfe von Projekten Demokratie erleben zu lassen, endet mit der Schule. Man kann nicht erwarten, dass die Eltern den Jugendlichen das beibringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen aus Erfahrung: Als Jugendlicher waren Sie selbst in einer rechtsextremen Gruppe aktiv.

Nattke: Ab 13 wurde ich durch rechtsextreme Gruppen sozialisiert. Eine ganz normale ostdeutsche Geschichte, wie es viele gibt. Nur mit dem Unterschied, dass ich als Jugendlicher nicht nur kurz Neonazi war, sondern es eine Weile blieb - bis ich etwa 20 war. Manche schaffen den Absprung vorher, bei mir war das nicht so.

SPIEGEL ONLINE: Was für eine Gruppe war das?

Nattke: Das war die Nationalen e.V. um Frank Schwerdt, der heute Landesvorsitzender der NPD in Thüringen ist. Die haben damals Kader durch die kleinen Orte in Brandenburg geschickt, um junge Leute zu politisieren. Es war eine Strategie, die in den Kleinstädten aufgegangen ist. Dem wurde damals in diesen Regionen noch nicht so viel entgegengesetzt. Die Rechten haben ein Vakuum besetzt, das durch die Auflösung der DDR entstanden war. Vorher gab es ja die staatlich organisierten Jugendgruppen, das fehlte nun.

SPIEGEL ONLINE: Warum waren Sie bei den Neonazis aktiv?

Nattke: Es ist für mich schwierig, darüber zu sprechen. Aus heutiger Perspektive kommt es mir vor, als würde ich über eine andere Person reden. Individuelle Erklärungsmuster gibt es einen ganzen Stapel, aber den konkreten Grund kann ich nicht benennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren kein Mitläufer, sogar der Verfassungsschutz Brandenburg nahm Sie ins Visier.

Nattke: Mit 18 hatte ich eine führende Rolle in der Gubener Neonazi-Szene. Das Engagement im Verein nahm mein Leben ein. Aber Guben ist eine kleine Stadt mit 20.000 Einwohnern, da ist man schnell in einer führenden Position, wenn man schreiben und geradeaus denken kann. Das ist keine große Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings ist Guben nicht irgendeine Stadt: Im Jahr 1999 kam es zu einer tödlichen Hetzjagd - ein Algerier starb, als er vor einem rechten Mob flüchtete.

Nattke: Ich kannte die Leute, ich bin mit denen jahrelang rumgezogen. Aber ich hatte vorher, nach dem Abitur, Guben bereits verlassen und war nach Dortmund zur Bundeswehr gegangen. Mit dem Verlassen von Guben war ein erster Bruch da. Ich war nicht mehr aktiv, allerdings war ja mein gesamter Freundeskreis aus der rechten Szene. Seit dem Überfall habe ich dann endgültig alle Kontakte gekappt, ich habe nicht mehr mit den alten Bekannten gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie erfahren, dass Ihre Freunde verantwortlich waren?

Nattke: Über die Medien. Zwei oder drei Tage danach standen die Täter ja schon fest.

SPIEGEL ONLINE: Von Rechtsextremen wird behauptet, Sie hätten damals zwischen den inhaftierten Tätern und deren Kameraden außerhalb des Gefängnisses vermittelt.

Nattke: Das entspricht nicht der Wahrheit. Zu dem Zeitpunkt war schon absolute Funkstille. Ich habe seit der Hetzjagd nie wieder mit ihnen gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie begonnen, sich wissenschaftlich für Rechtsextremismus zu interessieren?

Nattke: Ich habe nach einer Ausbildung zum Kaufmann Wirtschaftspädagogik studiert, mit den Nebenfächern Politikwissenschaft und Soziologie. Ursprünglich wollte ich Berufsschullehrer werden. Doch ich merkte, dass ich mich viel mehr für die Nebenfächer interessiere. Im Jahr 2004 begann ich, am sächsischen Internetkollektiv "Nazis in den Parlamenten" mitzuarbeiten. Das Kollektiv beobachtet die Arbeit der Rechten in den Volksvertretungen über eine lange Zeit. Das war der Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Warum interessiert Sie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus? Es wäre ja verständlich, wenn Sie sich mit ganz anderen Themen beschäftigen würden. Zumal Sie selbst sagen, dass Ihnen Ihre eigene Jugend inzwischen fremd ist.

Nattke: Einerseits will ich verstehen, wie rechtsextremistische Sozialisierung funktioniert. Ich möchte Gegenstrategien finden, damit Menschen das erspart bleibt. Andererseits bin ich ein politisch denkender Mensch. In Sachsen ist es nun mal so, dass es nicht erst seit dem Einzug der NPD in den Landtag ein riesengroßes Problem mit Rechtsextremismus gibt. Und das ist an Potentialen festzumachen, die es hier in der Bevölkerung gibt. Es entwickelt sich zu einem Problem, das auf der Straße zu einer ganz konkreten Bedrohung wird für Gesundheit und Leben von Menschen, die sich hier aufhalten, nur weil sie eine andere Hautfarbe besitzen oder Lust haben, sich anders zu kleiden. Das muss angegangen werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Studie zu den Berufsschülern war Ihre Diplomarbeit. Werden Sie nun Berufsschullehrer?

Nattke: Nein, ich bin als Fachreferent beim Kulturbüro Sachsen tätig. Dort begleite ich ein Modellprojekt, bei dem Eltern beraten werden, deren Kinder rechtsextrem sind und die Hilfe suchen.

SPIEGEL ONLINE: Bringen Sie Ihre eigene Vergangenheit mit ein?

Nattke: Wenn es dazu kommen würde, dass ich die Elternberatung selbst durchführe, würde das mit Sicherheit eine Rolle spielen. Ich mache aber die wissenschaftliche Begleitung, da ist mein persönlicher Hintergrund nicht entscheidend. Meine Motivation ist sicher durch meinen Lebenslauf beeinflusst, aber die Kriterien meiner Arbeit sind wissenschaftliche Maßstäbe. Von daher halte ich meinen biografischen Hintergrund für zweitrangig.

Das Interview führte Birger Menke

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1. Ursache gut beschrieben
Hythlodeus 03.09.2009
Zitat von sysopSeine Studie zu Rechtsextremismus unter sächsischen Berufsschülern machte Schlagzeilen. Was aber kaum jemand wusste: Michael Nattke war früher selbst ein Neonazi. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über seine Vergangenheit und sagt, warum er heute die rechte Szene erforscht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,646006,00.html
Ich denke eines wird deutlich warum die Dumpfbacken Zulauf bekommen. Verabschiedet sich der Staat aus Geldmangel aus einer attraktiven Jugendpolitik ( besonders in den Kommunen mit Jugendclubs, Veranstaltungen, Freizeitangeboten etc. ) dann drücken die Einfachgestrickten den Einfachgestrickten halt schnell ihr Weltbild mit einfachgestrickten Mitteln aufs Auge. Kein Mensch wird als Neonazi geboren, die fehlgeleitete Sozialisation durch stumpfes Elternhaus und mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit ist der Keim. Der Rest wird rechtzeitig von den Dumpfdenkern in die entstandene Lücke eingepflanzt
2. Klischee?
Taske 03.09.2009
Zitat von HythlodeusIch denke eines wird deutlich warum die Dumpfbacken Zulauf bekommen. Verabschiedet sich der Staat aus Geldmangel aus einer attraktiven Jugendpolitik ( besonders in den Kommunen mit Jugendclubs, Veranstaltungen, Freizeitangeboten etc. ) dann drücken die Einfachgestrickten den Einfachgestrickten halt schnell ihr Weltbild mit einfachgestrickten Mitteln aufs Auge. Kein Mensch wird als Neonazi geboren, die fehlgeleitete Sozialisation durch stumpfes Elternhaus und mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit ist der Keim. Der Rest wird rechtzeitig von den Dumpfdenkern in die entstandene Lücke eingepflanzt
Ein Klischee, das nicht unbedingt deshalb wahrer wird, weil es so oft wiederholt wird. Ist/war der interviewte Herr tatsächlich so "einfach gestrickt", wie es der vorhergehende Beitrag glauben machen will?
3. clever
stilicho, 03.09.2009
Zitat von TaskeEin Klischee, das nicht unbedingt deshalb wahrer wird, weil es so oft wiederholt wird. Ist/war der interviewte Herr tatsächlich so "einfach gestrickt", wie es der vorhergehende Beitrag glauben machen will?
Der wird schon ein gscheiter Bursche sein. Erst das aufregende Leben als Neonazikader. Macht, Rebellion und Action. Jetzt ein guter Job, samt gesellschaftlicher Anerkennung bei der "Kampf gegen Rechts" Maschinerie. Der Mann weiß wie das Leben funktioniert.
4. Einfach gestrickt
Stefan Albrecht, 03.09.2009
Zitat von TaskeEin Klischee, das nicht unbedingt deshalb wahrer wird, weil es so oft wiederholt wird. Ist/war der interviewte Herr tatsächlich so "einfach gestrickt", wie es der vorhergehende Beitrag glauben machen will?
Ich denke, dass wir im Alter von 13 Jahren alle einfacher gestrickt sind als mit 30 oder 40. Wir sind Kinder, die lernen, sich mit den miesen Tricks der Erwachsenen Geltung zu verschaffen, haben aber nicht die Lebenserfahrung Erwachsener, die uns sagen könnte, dass unsere miesen Tricks vor allem uns selber schaden. Mit 13 fehlt uns auch die Lebenserfahrung um unterscheiden zu können, wer es ehrlich mit uns meint und wer eine Dumpfbacke ist, die uns ihre dumpfbackenerprobten Ansichten aufschwatzen will und uns in schlechte Projekte als weitere Dumpfbacke einbinden will. Wenn man dann mal in so einem Dumpfbackenverein gelandet ist, hört und sieht man nichts anderes mehr als dumpfbackige Ansichten und daher ist es auch sehr schwer zu verstehen, dass sie dumpfbackig sind. Dazu kommt, dass die Dumpfbacken einen auch physisch bedrohen, wenn sie merken, dass man nicht mehr dumpfbackig genug ist alles zu glauben und daher erkennen lässt, dass man nicht mehr Mitglied der Dumpfbacken sein will. Deshalb denke ich, dass die im "vorhergehenden Beitrag" aufgestellte These sachlich richtig ist.
5. zu Ihrer Frage
Hythlodeus 03.09.2009
Zitat von TaskeEin Klischee, das nicht unbedingt deshalb wahrer wird, weil es so oft wiederholt wird. Ist/war der interviewte Herr tatsächlich so "einfach gestrickt", wie es der vorhergehende Beitrag glauben machen will?
er war es anscheinend nicht, wie seine weitere Entwicklung zeigt. Die Entwicklung anderer verläuft anders. Es geht nicht um die Einfachheit des Interviewten, es geht um das Angebot einfacher "Wahrheiten" durch Einfachgestrickte an (noch) Einfachgestrickte. Dem ist gegenzuhalten , rechtzeitig, dann wenn dei Entwicklung anfängt und das macht man am besten mit Angeboten die am Anfang der Entwicklung den zu Entwickelnde Spaß machen. Wäre einfach, aber es ist einfach nur das Geld für komplizierte Studien und kompliziertes Nacharbeiten da...Honi soit qui mal y pense.
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