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24. März 2012, 10:11 Uhr

So wählen Unis Studenten aus

Ein Test wird kommen

Sind Abi und Bachelor so wenig wert? Mit Eignungstests müssen BWL-Bachelor und Medizinstudenten ihre Chance auf einen Studienplatz erhöhen. Die Zusatzprüfungen sind oft entscheidend und ähneln Intelligenztests, für die man kaum richtig lernen kann.

Ein Bildschirm, eine Tastatur und eine Flasche Wasser: die Arbeitsplätze in der Hamburger Dekra Akademie sind aufgeräumt und zweckdienlich. Weiße Sichtschutzleuchten verhindern den Blick zu den Nachbartischen. Nichts lenkt ab, wäre da nicht der Zeitdruck: knapp vier Stunden für 90 Ankreuzaufgaben mit reichlich Text.

Und wäre da nicht die Nervosität: "Die Prüflinge sind aufgeregt - und wie!", sagt Betreuer Lothar Koblica an der Dekra Akademie. "Es hängt ja auch ein Stück Zukunft daran."

Über die Zukunft und in diesem Fall einen Masterstudienplatz entscheidet allerdings nicht das Team der Dekra Akademie. Es ist lediglich zuständig für die Umsetzung des Prüfungsverfahrens der Bonner Agentur ITB Consulting. Das Beratungsunternehmen hat den Eignungstests für Masterstudiengänge in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (TM-WISO) entwickelt und bringt ihn jährlich zu drei bis vier Terminen in immer neuen Versionen in die Testorte zwischen Hamburg und Stuttgart.

Bewerber der Universitäten Hamburg und Köln können mit der erfolgreichen Teilnahme ihre Chancen auf einen Masterstudienplatz erheblich verbessern. Nach der Bachelornote ist das Testergebnis ein weiteres wichtiges Kriterium bei der Studienplatzvergabe, erklärt Stefanie Weide, von der Universität zu Köln.

Auswahlverfahren als Ausnahme

Auswahlverfahren sind in Deutschland die Ausnahme, weil das Abitur die Zulassung zu jedem Studium ermöglichen soll. Allgemeine Studierfähigkeitstests sind deshalb nicht erlaubt. Denn dafür gibt es ja das Abitur.

Fachbezogene Tests sind dagegen sehr wohl zulässig. Sie kommen vor allem in Masterstudiengängen der Wirtschaftswissenschaften zum Einsatz, in privaten Hochschulen wie der Bucerius Law School in Hamburg oder der Fresenius Fachhochschule.

Aber auch mehr als ein Dutzend medizinische Hochschulen haben inzwischen wieder einen Medizinertest eingeführt: "Wie gut wird sich der Bewerber später neues Wissen aneignen können? Genau um diese Fragestellung geht es und nicht etwa um die Überprüfung des Wissensniveaus in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern", sagt Diplom-Psychologe Stephan Stegt von der ITB Consulting.

Die Auswahltests sollten Studenten nicht mit Orientierungstests verwechseln, die Studienbewerber an ein Studium heranführen sollen, aber keine Auswahlverfahren darstellen, so Stegt.

Der Nachteil für Studenten: Sie müssen für die Teilnahme am Testverfahren meist Gebühren bezahlen. Für den TM-WISO sind es etwa 97 Euro. Für die in Köln ebenfalls zugelassenen amerikanischen Varianten "Graduate Management Admission Test" (GMAT) und "Graduate Record Examination" (GRE) sind es inklusive Mehrwertsteuer sogar 300 Dollar.

Studienstiftung setzt auf "Erstakademiker"

Dazu können noch Kosten für Übungsbücher oder Vorbereitungskurse kommen. Stephan Stegt sieht die Vorbereitungskurse kritisch: "Der Erfolg bei der Bewerbung darf nicht davon abhängen, wie viel Geld man investiert." Daher verwende die ITB überwiegend Aufgabentypen, bei denen empirisch nachgewiesen wurde, dass ihre Trainierbarkeit gering sei. Was nicht bedeutet, dass man unvorbereitet erscheinen sollte: "Das ist nicht ganz ohne."

Studenten, die an den Tests teilnehmen wollen, sollten sich mit den Aufgabentypen und dem Testaufbau vertraut machen und die Demoversion online lösen. Kandidaten werden aber nicht unbedingt besser, je mehr sie üben: Studien zum Medizinertest haben ergeben, dass nach einer etwa 30- bis 40-stündigen Vorbereitung die Leistungsfähigkeit erreicht sei und nicht mehr verbessert werden könne.

Doch nicht nur in einigen ausgewählten Studiengängen wird auf Auswahltests zurückgegriffen. Junge Leute, die sich bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes selbst bewerben, bekommen es auch mit so einem Test zu tun. Die Studienstiftung will den Anteil der "Erstakademiker", also von Studenten aus nichtakademischen Elternhäusern in seinen Programmen fördern.

Bisher mussten junge Leute etwa von der Schule für die Stiftung vorgeschlagen werden. Nun können Schüler sich auch selbst nominieren, müssen aber einen Auswahltest machen. Er ergänze das bisherige Verfahren und stelle eine Öffnung der Stiftung dar, sagt Katja Fels von der Studienstiftung. Im Unterschied zu den vorschlagsberechtigten Schulen, die nicht alle von ihrem Recht Gebrauch machen, habe damit jeder begabte Student potenziell Zugang zum Stipendium: "Der Test behandelt alle gleich. Hier fängt jeder bei Null an.

Deike Uhtenwoldt, dpa / jon

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