Von Nicole Basel
Susanne ist, wie viele Autisten, gesichtsblind. Sie baut sich Eselsbrücken, in der Uni begegnet sie schließlich nur einem begrenzten Kreis von Menschen, mittlerweile erkennt sie die Leute immer treffsicherer an ihrer Größe, der Frisur oder den Schuhen. Wenn das aber einmal nicht gelingt, dann gelte man schnell als unhöflich, sagt Susanne.
Sie sitzt hinter dem Wohnzimmertisch ihrer Münchner WG, den sie sich mit anderen Autisten teilt, putzt sich die Nase, knäuelt das Taschentuch zu einer Kugel zusammen, stets auf dieselbe Art, wischt sich dann mit der Kugel über die Schneidezähne. Dann wirft sie das Tuch in einen Abfalleimer. Dutzende akkurat geformte Papierkugeln liegen bereits darin.
Im kommenden Semester will Susanne zum ersten Mal an der Uni unterrichten. Man kann sich vorstellen, dass sie das gutmachen wird. Das Thema ihrer Doktorarbeit macht sie auch einem Nichtmathematiker verständlich, sie spricht in ganzen Sätzen, druckreif. Nur dass man andere nicht auf jeden Grammatikfehler hinweisen sollte, das vergisst sie gelegentlich.
Von verminderter Intelligenz zum Studenten zum Überflieger
Autisten gelten oft als Besserwisser, weil sie nicht merken, wenn sie Leute vor den Kopf stoßen. "Das Problem ist, dass die Menschen einem das nicht sagen", erklärt Sascha Dietsch. Sascha liebt Logik, alles, was nach einem Schema funktioniert. "Ich wusste schon im Kindergarten, dass ich Informatik studieren wollte. Computer geben immer eine klare Antwort." Damals hielten das viele für einen unrealistischen Wunsch - bis er 13 war, konnte er nicht einmal seine Schuhe zubinden. In einem Forschungszentrum wurde eine verminderte Intelligenz festgestellt, IQ: 78.
Heute studiert Sascha im ersten Semester an der TU Darmstadt sein Lieblingsfach, sein inzwischen in mehreren Fachkliniken ermittelter Intelligenzquotient ist überdurchschnittlich.
In den Vorlesungen sitzt er stets in der ersten Reihe, aber nie allein. Neben ihm sitzt ein Integrationshelfer, etwa eine studentische Hilfskraft oder ein Erzieher. Er hilft Sascha, aufmerksam zu bleiben. Denn das Gehirn eines Autisten hat keinen Filter, alle Sinneseindrücke prasseln ungebremst auf die Nerven ein. "Ein kleiner Fleck an der Wand kann mich total ablenken, genau wie Geräusche", erklärt Sascha. Manchmal überwältigen ihn die Reize. Er geht dann auf die Toilette, seinen Zufluchtsort. Zwei Kommilitonen haben sich letztens beschwert, dass er während der Vorlesung so oft zum Klo geht. Sie wissen nicht, dass er keine Wahl hat.
Dass man ihm seine Störung nicht ansieht, ist für Sascha häufig ein Problem. Einem Menschen im Rollstuhl würde man nie sagen, dass er sich nicht so anstellen und endlich aufstehen soll. Eltern von Autisten müssen sich dagegen manchmal anhören, dass ihr ungezogenes Kind nur mal eine Tracht Prügel brauche.
Jedes Kleidungsstück hat eine Nummer
Sascha hat, um Verständnis zu wecken, stets Infozettel über "Aspies" dabei, die er manchmal verteilt. "Aspie", so nennt er sich selbst, eine Kurzform für Menschen mit Asperger-Syndrom. "Ich bin sogar etwas stolz darauf, von mir gibt es eben nicht so viele", sagt er. "Normal" sei schließlich fast jeder. Autisten nennen Nichtautisten häufig "NT", das steht für "Neurotypische".
Damit er unter den NTs nicht gleich auffällt, hat Sascha eine Excel-Tabelle. Jedes seiner Kleidungsstücke besitzt eine Nummer. Im Computer kann er nachschauen, welchen Pulli er mit welcher Hose kombinieren kann. "Ich merke sonst nicht, wenn ich was Komisches anhabe."
Zehn Jahre Sozialtraining hat er hinter sich. Aber wie man sich in einer Gruppe verhält, ist für ihn immer noch kompliziert, einfach unlogisch. Und wie man ein Mädchen für sich begeistert, ein absolut unlösbares Rätsel. Dabei wünscht er sich eine feste Freundin. Sascha hofft, dass bald mal ein Flirtkurs für Aspies zustande kommt, damit ihm so etwas wie auf dem Abschlussball seiner Tanzschule nie wieder passiert. Damals konnte er gar nicht verstehen, warum seine Tanzpartnerin am Ende des Abends völlig entnervt war. Schließlich hatte er mit ihr getanzt, darum ging es doch. Es musste ihm erst jemand sagen, dass er auch mit dem Mädchen reden muss. Tanzen und sprechen gleichzeitig ist für ihn aber schwierig, und was soll er auch fragen? Seine Mutter hat ihm nun ein Standardrepertoire von Themen gegeben: Hobbys, Lieblingsmusik, letzter Kinobesuch.
Plaudern ist für Autisten Schwerstarbeit. "Die Wirtschaftskrise ist mir da sehr entgegengekommen", sagt Florian, 24, Student aus München. "Da konnte ich als Small-Talk-Thema auch mal über die Wirtschaft sprechen." Florian ist ein lebendiger, witziger Typ. Kaum jemand ahnt, dass er vom Asperger-Syndrom betroffen ist.
Er wird schon bald sein Studium abschließen, nicht mit einem einfachen Diplom - mit Diplomen, Plural. Mehrfach ist bei ihm eine Hochbegabung festgestellt worden, aber er traut diesen Tests nicht. "Ich finde die Uni einfach leicht." Florian studiert BWL und VWL, einmal an der FH, einmal an der Uni. Während die anderen mit dicken Ordnern in den Hörsaal kommen und fleißig mitschreiben, sitzt er einfach da und hört zu.
Details der Kommilitonen: Muttermal im Gesicht
Er sei ziemlich faul, sagt er, für Prüfungen lerne er fast nie. Trotzdem hat er zwei Semester übersprungen. Florian kann sich einfach alles merken. Während andere Autisten gar niemanden erkennen können, scannt er gleich alle Leute, sobald er den Hörsaal betritt. Dabei merkt er sich - das ist dann wieder typisch autistisch - nicht das ganze Gesicht, sondern markante Details, die Position eines Muttermals, eine Falte, eine kleine Narbe. Er blickt auf die Armbanduhr, die Schuhe. "Wenn ich in die S-Bahn steige, weiß ich sofort, den da vorn habe ich vor drei Monaten bei Rossmann an der Kasse gesehen."
Vor seinem Studium machte Florian eine Ausbildung in seinem Heimatdorf bei der Kreissparkasse. Noch heute weiß er die Kontodaten von den Leuten, die er beim Bäcker trifft, wie viel Geld sie hatten, welchen Bausparvertrag. Im Verkaufen war er dagegen eine Niete. Ein Wesenszug vieler Autisten: bedingungslose Ehrlichkeit.
"Wenn jemand sagen würde, ich heile dich jetzt von deinem Autismus, das würde ich nicht wollen", sagt er. Wie er dann wohl wäre? Cool, sportlich, ein Partygänger, wie seine Brüder? Das kann er sich nicht vorstellen. "Ich war vielleicht fünfmal in meinem Leben in einer Disco. Diese laute Musik, furchtbar."
Nicht allen Autisten geht das so. Thomas, der Mann mit dem Salamibrot, sieht das anders. Wenn schon, dann soll die Musik richtig laut sein, sagt er. "Dann muss ich wenigstens mit niemandem reden."
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