Von Nicole Basel
Die Sache mit dem Salamibrot machte ihn stutzig. Drei Jahre ist es her, da saß Thomas*, damals Student der Luft- und Raumfahrttechnik, vor dem Fernseher und schaute eine Wissenschaftssendung. Es ging um Autismus. Thomas dachte bis dahin, dass Autisten meist nicht sprechen können, dass sie völlig abgekapselt in ihrer eigenen Welt leben und manchmal fast übermenschliche Fähigkeiten entwickeln. Er dachte an "Rain Man", den Film mit Tom Cruise und Dustin Hoffman.
Doch jetzt sah Thomas eine junge, scheinbar völlig normale Studentin, die das Asperger-Syndrom hatte, eine leichte Form des Autismus. Noch mehr aber sah er sich selbst.
"Da stimmte schon vieles überein", erzählt der 26-Jährige heute. Zum Beispiel das mit dem Salamibrot. Seit Jahren frühstückt er, genau wie das Mädchen in dem Fernsehbeitrag, jeden Tag dasselbe: ein Glas Milch mit exakt drei Teelöffeln Kakaopulver, dann eine Schnitte mit Nutella und - eben ein Salamibrot. Immer dieselbe Marke, immer zwei Scheiben Wurst. "Wenn etwas nicht nach Plan läuft, dann setzt mich das erheblich unter Stress", sagt er. Im Gefrierfach seines Kühlschranks liegen zehn Packungen Schnittbrot.
Nachdem er Verdacht geschöpft hatte, dass mit ihm etwas nicht stimmt, ließ sich der Student an der Kölner Uni-Klinik untersuchen, zwei Tage dauerten die Tests. Er sollte beispielsweise an Gesichtern erkennen, ob jemand Angst hat oder erstaunt ist. Doch Mimik erwies sich als Geheimsprache, die alle anderen verstehen konnten, er nicht. Die Diagnose: Asperger-Syndrom. Unheilbar.
Häufig werden Autisten für absonderliche Streber gehalten
Knapp 70 Jahre ist es her, dass die Entwicklungsstörung entdeckt wurde. Heute schätzt man die Zahl der Autisten in Deutschland auf mindestens 80.000. Sie verarbeiten Wahrnehmungen und Informationen anders als Nichtbetroffene. Zum Beispiel den Anblick von Gesichtern: Forscher fanden heraus, dass dabei in ihrem Gehirn Areale aktiv sind, die eigentlich der Erkennung von Gegenständen dienen.
Die Ursachen der Störung liegen noch weitgehend im Dunkeln. Das liegt auch an ihren vielen verschiedenen Ausprägungen. So lernen manche Menschen, die schwer vom Kanner-Autismus betroffen sind, nie sprechen, sie bauen keine Beziehung zu anderen Menschen auf, manche bekommen Wutausbrüche, schreien wild, wollen von niemandem angefasst werden, verletzen sich selbst. Viele bleiben ihr Leben lang ein Pflegefall.
Andere dagegen, vor allem Asperger-Autisten wie Thomas, schaffen es, ein eigenständiges Leben zu führen, einige studieren, promovieren sogar. Sie müssen es jedoch ertragen, dass sie häufig für absonderliche Streber gehalten werden, die sich in der Uni oft allein in die erste Reihe setzen, nie auf Partys gehen und meist noch bei Mutti wohnen.
Als sie ein Kind war, galt Susanne Nieß als zurückgeblieben. Und bis heute kann sie nicht allein über die Straße gehen, nicht ihre Kleidung auswählen, nicht gut den Tisch decken. Sie sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, hat braune Locken, zurzeit einen fiesen Schnupfen und für ihr Leben ein Ziel: Susanne Nieß, diese hilflos wirkende junge Frau, will bald Doktor Susanne Nieß sein.
"Wer blöd oder bekloppt ist, hat an der Uni nichts zu suchen"
Die Gesellschaft teilt Tätigkeiten in leicht und schwierig ein, erklärt Susanne. Rolltreppe fahren, Tisch decken, einen dicken Pulli anziehen, wenn es kalt ist: einfach. Finnisch lernen, Differentialrechnung, komplexe Zahlen: schwierig.
Für Susanne ist es genau andersherum. Bei einem Test löste sie schon als Grundschülerin Grammatikaufgaben für 18-Jährige. Mit 13 hängte sie ihre Mutter, eine promovierte Chemikerin, und ihren Vater, einen Physiker, in Mathe ab. Heute lernt sie neben Finnisch auch noch Hebräisch und promoviert in Graphentheorie an der TU München. Aber eine Rolltreppe flößt ihr immer noch Respekt ein.
"Ich habe Füße, Knie, Hüften und Ellenbogen", erklärt die Studentin. "Dazu kommen Schultern und der Kopf. Auf alle Körperteile gleichzeitig aufzupassen, nicht umzufallen oder anzuecken, das ist ziemlich schwierig." Susanne hat das Kanner-Syndrom, sie lernte erst spät sprechen.
Dass Susanne an der Uni ein Sonderfall sein würde, merkte sie schon bei der Einschreibung. Damals mussten die Studenten noch unterschreiben, dass keine rechtliche Betreuung bestellt ist, sie also nicht entmündigt sind. Bei ihr ist das aber der Fall. Susanne ärgerte sich. "Da war wohl die Maßgabe: Wer entmündigt ist, ist blöd oder bekloppt, und wer blöd oder bekloppt ist, hat an der Uni nichts zu suchen."
Eine Außerirdische, auf dem falschen Planeten
Ihr jüngerer Bruder sagte einmal, Susanne sei eine Außerirdische. Tatsächlich wird die Störung seiner Schwester manchmal auch "Oops-Wrong-Planet-Syndrom" genannt: Autisten fühlen sich oft, als seien sie irrtümlich auf einem Himmelskörper gelandet, dessen Regeln und Bewohner sie nicht verstehen. Sie müssen mühselig lernen, wie man mit wem spricht, wann man die Hand schüttelt, was höflich, was unhöflich ist. "Ich habe eine Datenbank mit Wortwechseln im Kopf", erzählt Susanne. Aber wenn ihr Doktorvater ihr auf dem Flur begegnet, schafft sie es oft dennoch nicht, ihn zu grüßen. "Bis ich in meiner Datenbank gegraben habe, ist er schon an mir vorbei."
Außerdem muss sie sich auf den Weg konzentrieren. Susanne hat starke Wahrnehmungsstörungen, deswegen trägt sie eine Sonnenbrille, die sie vor grellem Licht schützt. Nur einen kleinen Ausschnitt ihres Blickfelds sieht sie deutlich, kann keine Entfernungen abschätzen, sich nicht räumlich orientieren. Trotzdem verläuft sie sich selten, denn sie hat eine Orientierungsstrategie entwickelt, die auf rechten Winkeln basiert: Susanne zählt, um wie viele Ecken sie gehen muss, und wie viele Streckeneinheiten sie zurücklegt. Ihre Orientierung funktioniert wie ein Computerprogramm.
Doch selbst wenn ihr Doktorvater in ihr Büro kommen sollte, Susanne also Zeit hat, in ihrer Begrüßungsdatenbank zu kramen, heißt das nicht, dass sie immer die richtige Anrede findet. Denn Gesichter sagen ihr nichts. Die einzigen beiden Menschen, die sie zuverlässig in einer Menschenmenge erkennen kann, sind ihre Eltern. Ihren jüngeren Bruder erkennt sie bis heute nicht.
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