Bachelor-Berufsstarter: Gut für die Wirtschaft, schlecht für die Wissenschaft

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Schneller, härter, praxisnäher: Das Studium an deutschen Unis wird gnadenlos auf Effizienz getrimmt - vor allem auf Wunsch der Wirtschaft. Doch auf dem Arbeitsmarkt kämpfen die Bachelor-Absolventen mit Anpassungsproblemen. Zwölf Berufsstarter berichten von ihren Erfahrungen.

In der Internet-Selbstentblößungsbörse StudiVZ haben noch die Spötter die Überhand: "Nichts gegen Bachelor, jeder Akademiker sollte sich einen halten", lästert ein Teilnehmer über seine Turbo-Kommilitonen. Andere Diskussionsgruppen nennen sich "Ob Bachelor oder Master, es ist alles ein Desaster" und "Ich bremse auch für Bachelor". Oder, als Seitenhieb auf die zumeist englische Betitelung der neuen Studiengänge: "Bachelor of Brunch".

Absolventen der Uni Bonn: 40- bis 50-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit
DPA

Absolventen der Uni Bonn: 40- bis 50-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit

Doch häufig sind in der sozialen Online-Kontaktbörse auch ganze Erstsemester-Jahrgänge vernetzt: Sie erinnern sich an die nun regelmäßig dräuenden Prüfungstermine, diskutieren die neuen Pflicht-Lehrpläne oder tauschen Tipps darüber aus, wie die neuartigen Abschlüsse am besten in der eigenen Bewerbungsmappe verkauft werden.

Kein Zweifel: Die neuen Abschlüsse Bachelor und Master sind nun auch im Alltag der deutschen Studenten angekommen. Was die europäischen Bildungsminister im Jahr 1999 in der oberitalienischen Stadt Bologna beschlossen haben, bleibt nicht länger abstrakte Bildungspolitik: Immer mehr angehende Akademiker lernen nach dem verdichteten Modell, Diplom und Magister werden bald Vergangenheit sein.

Rund 70 Prozent aller deutschen Hochschulen in Deutschland haben das gestufte Studiensystem eingeführt. Und anders als europäische Nachbarländer fertigten die Deutschen aus der Selbstverpflichtung der europäischen Bildungsminister ein besonders enges Korsett: Die Curricula bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor, sind hierzulande meist auf sechs Semester, drei Jahre, angelegt.

Zeit- und Leistungsdruck an der Alma Mater 2.0

Schneller, jünger, praxisnäher: Die Reform der Abschlüsse ist Teil eines groß angelegten Feldversuchs. Der akademische Elfenbeinturm und die ruhige Studierstube wurden zum Auslaufmodell erklärt, an der Alma Mater 2.0 regieren Zeit- und Leistungsdruck. Der Mythos vom faulen Studenten muss wohl endgültig beerdigt werden. Statt einmal gründlich aufs Examen zu büffeln, fließen nun die Studienleistungen vom ersten Semester an in die Endnote ein. Die Anzahl der Pflichtveranstaltungen und Prüfungen ist drastisch gestiegen, viele Studiosi kommen auf eine 40- bis 50-Stunden-Woche.

Wurden die deutschen Hochschulen bis vor einigen Jahren noch vorwiegend als Ort der intellektuellen Einkehr und Selbstfindung begriffen, sollen sie nun dem globalisierten Arbeitsmarkt den benötigten Nachwuchs liefern - und zwar bitte möglichst maßgeschneidert. Jung, smart, flexibel, formbar, so wünschen sich Personalchefs den Absolventen der Zukunft.

Der Kreis der Deutschen, die sich "Bachelor" nennen dürfen, ist derzeit noch vergleichsweise klein: Knapp 35.000 waren es bis zum Jahr 2006, vorwiegend aus Pionier-Studiengänge, die schon früh auf die neuen Abschlüsse umgestellt hatten. Doch die Zahl der Bachelors wird rasch steigen: Bis 2010 soll die Umbenennung abgeschlossen sein, selbst die allerletzten Bastionen der Tradition wanken. Noch in diesem Jahr wird auf Konferenzen diskutiert werden, wie auch in den Staatsexamensfächern Jura und Medizin gestufte Abschlüsse installiert werden können.

"Bachelor Welcome", unter diesem Slogan werben Unternehmen für die neuen Abschlüsse. Doch ob die neuen Abschlüsse sich in der Praxis wirklich bewähren, ist noch unklar. Laut einer Erhebung des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln hat erst eine Minderheit der Unternehmen Erfahrungen mit Bachelor-Absolventen.

Berufsstarter machen gemischte Erfahrungen

Die Vorhut der Neu-Absolventen berichtet jedenfalls von gemischten Erfahrungen: "Ich bin der einzige Bachelor im Kollegenkreis. Viele Personalverantwortliche kennen nur den Diplom-Ingenieur und betrachten den neuen Abschluss mit Misstrauen", erzählt etwa der Chemie-Ingenieur Markus Wagner, 30. "Der Bachelor öffnet weder Tor und Tür, noch verbaut er irgendetwas", meint der Informatiker Thomas Willgerodt, 26.

Gegen Schmalspur-Vorwürfe sichern sich viele Bachelors auf ihre Weise ab: Sie absolvieren ein zusätzliches Master-Studium - an der Gleichwertigkeit dieses Abschluss zu den alten Diplomen zweifelt kaum jemand. "Für den späteren Berufsweg kann ein Master von Vorteil sein", sagt der Pädagoge Andreas Bierod, der neben seinem Job bei der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg Master-Kurse besucht.

Dass die eigene Karriere nicht geradlinig verlaufen wird und eventuell ein weiteres Intermezzo an der Uni einschließt, hat die neue Generation der Absolventen schon verinnerlicht: "Ein zusätzlicher Abschluss lässt sich auch nach einigen Jahren noch draufsatteln", sagt etwa die Buchhändlerin Miriam Driever, 26, die einen Bachelor-Abschluss in Spanisch und Geschichte hat.

Solchen Pragmatismus haben die BA-Berufseinsteiger schon im Studium gelernt - dort waren sie die Versuchskaninchen. Sie sei froh, jung in den Beruf eingestiegen zu sein, sagt Absolventin Jeanette Murschall, Mitarbeiterin bei einer Privatbank in München. "So bleibt mir viel Zeit für Veränderung."

Berufsstart mit dem Bachelor - hier erzählen zwölf Absolventen, welche Erfahrungen sie gemacht haben:

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Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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1.
DJ Doena 26.04.2008
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
2.
Senfkorn 26.04.2008
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Kristian Viesmann 26.04.2008
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
4. Studium Generale?
ondrana 26.04.2008
Zitat von Kristian ViesmannEs geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
5.
Kristian Viesmann 26.04.2008
Zitat von ondranaDas Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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