Bachelor-Jubel: "Dann muss man eben zehn bis zwölf Stunden durcharbeiten"
Von Arbeitgebern oft belächelt, von Professoren mit Arbeit überhäuft: Bachelor-Studenten haben's schwer - doch das ist okay, sagt Verena Haase im SPIEGEL-ONLINE-Interview, sie studiere eben zukunftsorientiert. Darum werben sie und ihre Mitstudenten jetzt mit einer Kampagne für das Turbo-Studium.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Werbekampagne entworfen, die für das Bachelor-Studium und dessen Absolventen wirbt. Der Mehrheit der Studenten schmeckt das Eilstudium doch ganz und gar nicht. Wie kamen Sie darauf?
Verena Haase: Wir sollten an der Uni eine Kampagne entwerfen, das Thema war frei wählbar. Für die Idee einer Pro-Bachelor-Kampagne konnten sich sofort alle aus meiner Gruppe begeistern. Uns stinkt, dass immer so schlecht über den Bachelor geredet wird. Erst vor Kurzem hat ein Bekannter einen Job nicht bekommen, weil er Bachelor-Absolvent ist. Ein Diplomstudent wurde vorgezogen. Spätestens da war mir klar, dass endlich etwas geschehen muss, um den Bachelor-Abschluss in ein besseres Licht zu rücken.
SPIEGEL ONLINE: Was gefällt Ihnen denn so gut am Studium im Bachelor- und Mastersystem?
Haase: Ich finde gut, dass man schneller fertig ist. Ich mag dieses Trudeln nicht, nach dem Motto: Ich hab jetzt ewig Zeit. Ich bin ein Mensch, der immer Input braucht, daher gefällt mir der strenge Zeitablauf in meinem Studiengang.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht so, dass man in kürzerer Zeit mit der gleichen Menge Informationen zugeschüttet wird und keine Zeit mehr bleibt, sich richtig damit auseinanderzusetzten?
Haase: Das ist natürlich eine Gratwanderung. Viele Absolventen, die ich kenne, meinen im Nachhinein, dass ein bisschen mehr Zeit nicht schlecht gewesen wäre. Aber was hätten die denn mit dem mehr an Zeit angefangen? Die meisten sitzen dann nicht am Schreibtisch, sondern gehen jeden Abend einen trinken. Das gehört auch zum Studium, aber es muss nicht dauernd sein. Wenn man sich einschränkt, kann man das Studium gut in der verkürzten Zeit schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kampagne stellt auch die Probleme der Bachelor-Absolventen dar: Weniger Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt, weniger Wertschätzung und zu wenig Freizeit. Wie soll mit diesen negativen Aspekte eigentlich das Positive an den neuen Studiengängen vermittelt werden?
Haase: Zunächst wollen wir die Leute dazu bekommen, sich die Plakate anzuschauen. Wir sind überzeugt, dass sie sich stärker angesprochen fühlen, wenn sie erstmal genau das lesen, was sie erwarten. Außerdem wollen wir darauf aufmerksam machen, dass das System noch nicht perfekt ist. Auf den zweiten Blick machen wir deutlich, dass der Bachelor kompetente junge Menschen auf den Arbeitsmarkt bringt. Die Prozentzahlen auf den Plakaten unterstreichen, was in einem Bachelor-Studenten steckt und wie viel wir lernen: 100 Prozent Leistungsbewertung, 100 Prozent ab dem ersten Tag.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Stress pur. Eines der Plakate zeigt einen Studenten, der geschafft auf dem Sofa liegt. Darüber steht: "Hobbys? - Halt's Maul. Ich studier' Bachelor!" Das klingt gar nicht erstrebenswert. Hätten Sie nicht auch lieber auf Diplom studiert?
Haase: Das Plakat ist natürlich provokativ - und die letzten drei Wochen vor Semesterende war auch ich oft ausgelaugt und hätte gern ein bisschen auf dem Sofa gelegen und nichts getan. Trotzdem würde ich nichts anderes wollen als den Bachelor, denn er ist viel zukunftsorientierter.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, diese Stressphasen kann man drei Jahre am Stück aushalten?
Haase: Bei uns an der Hochschule Hof haben wir im Sommer zwei Monate, im Winter einen Monat Semesterferien. Da ist genügend Zeit sich zu erholen. Und während des Semesters hat man auch nur in den letzten Wochen richtig viel Stress. Dann muss man eben auch mal jeden Tag zehn bis zwölf Stunden durcharbeiten.
SPIEGEL ONLINE: Aber viele Studenten können dann die Semesterferien gar nicht ausspannen, sie müssen jobben, um sich das Studium zu finanzieren, oder ins Praktikum.
Haase: Ein Praktikum ist ja nicht immer stressig. Ich habe auch in den Semesterferien als Kellnerin und in Bürojobs gearbeitet. Klar, das ist anstrengend, aber wenn man nach Hause kommt, kann man ausspannen. Außerdem arbeitet kaum einer die ganzen Semesterferien durch.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Aktionen wie dem bundesweiten Bildungsstreik? Die Studenten haben auch gegen die hohe Arbeitsbelastung im Bachelor-Studium demonstriert und trugen zum Beispiel Plakate mit Aufschriften wie "Ritalin für alle!" Waren Sie da dabei?
Haase: Also bei uns in Hof gab es das nicht. Da hätte man wohl nach Nürnberg fahren müssen. Aber ich würde bei so was definitiv nicht mitmachen. Ich bin überzeugt, dass man sich hauptsächlich selbst schadet, wenn man auf Bachelor studiert und dann behauptet, dass der eigene Abschluss schlecht sei.
Das Interview führte Sonja Salzburger.
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