Bachelor und Master: Professoren-Lobby springt auf die Bremse

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Codewort Bologna: Deutschlands Hochschulen werden zur Großbaustelle, bei der Umstellung auf Bachelor und Master hakt und knarzt es. Mehr als nur "Kinderkrankheiten", sagt der Deutsche Hochschulverband und fordert eine Reform der Reform - bis hin zum Teil-Moratorium.

Es ist eine Umwälzung in großem Stil: Nahezu flächendeckend rüsten die deutschen Hochschulen ihre Studiengänge um. Die traditionellen Diplom- und Magisterabschlüsse sterben langsam aus, sie weichen dem gestuften Modell mit Bachelor und Master.

Master-Absolventin in Jura (in Hamburg): DHV will die "Reform der Reform"
DDP

Master-Absolventin in Jura (in Hamburg): DHV will die "Reform der Reform"

So haben es die Vertreter von 29 europäischen Staaten 1999 in Bologna beschlossen, so wird es nach und nach umgesetzt. Inzwischen haben sich sogar 46 Staaten zum Bologna-Prozess verabredet. Ihr gemeinsames Ziel: Sie wollen das Studium praxisnäher, effizienter und schneller machen, einen einheitlichen Hochschulraum schaffen und damit die internationale Mobilität fördern - eigentlich bis 2010, kleine Verzögerungen möglich.

Inzwischen gleichen die deutschen Hochschulen einer Großbaustelle, und eine Baustelle ist kein Ponyhof. Bei der Umstellung knirscht es vernehmlich. So murren Studenten der "alten" Studiengänge, dass sie unter die Räder kommen. Die der neuen Studiengänge barmen, ob die Wirtschaft sie tatsächlich mit offenen Armen empfangen wird. Und einige Fachbereiche stemmen sich schon seit Jahren gegen den Umbruch, allen voran die Juristen, aber auch Mediziner oder Ingenieurwissenschaftler.

Jetzt hat die Professorenlobby nachgeladen - der Deutsche Hochschulverband (DHV) ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Die Reform sei "weitgehend misslungen", die gesteckten Ziele seien "bestenfalls partiell erreicht", heißt es in einer Stellungnahme vom Donnerstag. Die vielfältigen Probleme bei der Umstellung dürfe man keineswegs als "Kinderkrankheiten" abtun, sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen.

Im Bachelor-Studium brechen mehr Ingenieure ab

Der Berufsverband deutscher Uni-Professoren fordert unter anderem ein Teilmoratorium: Wo die Umstellung auf Bachelor und Master noch nicht erfolgt ist, soll sie einstweilen gestoppt werden. Außerdem müsse der Master, nicht der Bachelor zum Regelabschluss an deutschen Universitäten werden.

Der DHV, der rund 23.000 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter vertritt, lässt in seiner Abrechnung fast kein gutes Haar an der Reform. Sie sollte vor allem die Studenten mobiler machen und die Abbrecherzahlen senken. Genau diese Ziele, bemängelt der Verband, seien weitgehend verfehlt worden.

Damit trifft der DHV einen wunden Punkt: Bisher zeichnet sich kein höherer Studienerfolg ab. Im Gegenteil lassen mehr Studenten als zuvor den Abschluss sausen. Das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelte vor einigen Monaten eine Bachelor-Abbrecherquote von 25 Prozent - fünf Prozentpunkte mehr als beim Durchschnitt aller Studiengänge zusammen.

Die HIS-Untersuchung zeichnet allerdings ein sehr uneinheitliches Bild. In den Geisteswissenschaften etwa brachte der Bachelor Linderung, der Anteil der Studienabbrecher sank von 32 auf 27 Prozent. Die Hannoveraner Bildungsforscher führen das darauf zurück, dass diese Studiengänge nunmehr straffer organisiert sind und die Erstsemester seltener ohne Orientierung durch die Uni irren.

Fliegender Wechsel misslingt oft

Ganz anders sieht es in den Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften aus, vor allem an Fachhochschulen: Der Stoff wurde komprimiert, die vorher schon kniffligen Studiengänge sind noch schwerer studierbar geworden. Resultat: Dort bleibt jetzt ein Drittel bis die Hälfte auf der Strecke.

Die Studenten sollen auch leichter ins Ausland und zurück wechseln können, so ein weiteres Bologna-Ziel. In Deutschland gelingt das den HIS-Ergebnissen zufolge bisher nicht: Demnach gehen Diplomanden öfter über die Grenzen als die Studenten der neuen Abschlüsse - weil Auslandssemester nicht recht in die engen Studienpläne passen wollen.

Die Studiengänge seien zudem so spezialisiert, dass ein Ortswechsel im In- wie im Ausland nahezu unmöglich sei, kritisiert der DHV. Hinzu komme, dass jedes Land Leistungen anders bewerte. "Bei der Mobilität haben wir kein Plus, sondern ein Minus", sagt DHV-Präsident Kempen. Damit werde das Ziel eines europäischen Hochschulraums "konterkariert".

Zur Abhilfe empfiehlt der DHV nicht weniger als die Umkehr und den partiellen Stopp der Reform. Die Forderungen:

  • Fast alle sollen Master werden: "Nicht mehr der Bachelor, sondern der Master muss der Regelabschluss des universitären Studiums sein." Der Bachelor könne "einen ersten zum Beruf befähigenden Abschluss darstellen", aber es sollten "70 bis 80 Prozent mit dem Master abschließen können". Das entspreche den Wünschen der Studenten, es brauche eine Stärkung der Lehre.

  • Diplom soll bleiben: Als traditioneller Abschluss habe das Ingenieur-Diplom "nationales und internationales Renommee". Wenn ein Master in Deutschland zugleich als Diplom bezeichnet werden dürfe, diene das der Profilierung des Wissenschaftsstandorts Deutschland und koste "nur einen Federstrich".

  • Förderung der Mobilität: Weil die Akkreditierung von Studiengängen sich als "untauglich" erwiesen habe, solle der Bund ein "Mobilitätsprogramm" einrichten und Hochschulen fördern, die ihre Lehrinhalte mit deutschen und ausländischen Partnerunis in "Mobilitätsverbünden" abstimmen.

  • Geld für berufsnahe Ausbildung: Können Hochschulen nachweisen, dass ihre Absolventen in zum Studium passenden Berufen untergekommen sind, zahlen Bund und Länder Prämien. So entstehe mehr Kontakt zwischen Hochschulen und Arbeitgebern, hofft der DHV.

  • Bologna-Moratorium: Fächer wie Jura, Medizin oder Theologie will der DHV vom Bologna-Prozess verschonen - und zwar so lange, bis bewiesen sei, dass "die neuen den herkömmlichen Studiengängen überlegen sind".

Das sind massive Forderungen, und sie kommen reichlich spät - der Bologna-Prozess wurde vor neun Jahren beschlossen, vor gut fünf Jahren begann die Umstellung. Die Hochschullehrer murrten und spotteten zu Beginn, einzelne Rektoren kritisierten auch, dass es in den neuen Studiengängen zu viel Praxis und zu wenig Wissenschaft gebe. Nennenswerte Gegenwehr gab es vor allem in den Ingenieurwissenschaften und bei den Juristen. Mittlerweile wankt auch diese Bastion beträchtlich.

DHV-Präsident Kempen: "Nachsteuern reicht nicht"
Deutscher Hochschulverband

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Insgesamt aber hielt die Professorenschaft beinahe still. Das mag auch daran liegen, dass Hochschullehrer bei der Problemanalyse geschwind vor der eigenen Haustür kehren müssten: Wie intensiv sie sich um früh frustrierte Studenten kümmern und ob sie Studienabbrüche zu verhindern suchen, liegt weitgehend in der Hand der Hochschulen - sie haben das Problem trotz atemberaubender Abbrecherquoten jahrzehntelang ignoriert. Die Entrümpelung von Lehrinhalten in verkürzten Studiengängen ist Aufgabe der Fachbereiche. Und auch für die Anerkennung von Studienleistungen im Ausland sind sie zuständig; die Hochschulverwaltungen können Studenten den fliegenden Wechsel erleichtern oder erschweren.

Eine Studie Konstanzer Bildungsforscher zeigte kürzlich, dass Studenten mit den Tücken des Bachelor-Modells überraschend gut zurechtkommen - seit 25 Jahren waren sie nicht so zufrieden und strebsam wie heute. Und die Bildungspolitiker in Deutschland wie anderen Staaten haben keinen Zweifel daran gelassen, dass die Umstellung auf Bachelor und Master unumkehrbar ist. Dennoch will der Hochschulverband einzelne Ausnahmen erreichen und "massiv gegensteuern". Anders sei der Bologna-Prozess in Deutschland nicht zu retten, "mit einem bloßen Nachsteuern ist es nicht getan", sagte der Kölner Völkerrechtler Bernhard Kempen.

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