Bachelor-Zwischenruf: Die Module spielen verrückt

Sind Bachelor und Master totaler Murks? Der Kernphysiker Joachim Enders hat das Anti-Bologna-Genörgel der Kollegen satt und kontert: Es sind doch die Professoren selbst, die Studienordnungen gestalten. Sie könnten die Rumpel-Reform klüger umsetzen - wenn sie nur wollten. Eine Gegenrede.

Da haben es uns die ewigen Bologna-Nörgler, allen voran der Kollege Marius Reiser, mal wieder richtig gezeigt: Bachelor und Master sind Murks. Außerdem ist die Welt schlecht, und wir alle sind ohnmächtig den Klauen der Bürokratie und den Apparatschiks ausgeliefert, die uns dazu zwingen, unseren letzten Funken Kreativität aufzuopfern auf dem Altar der totalen Formalisierung des modernen Studiums und der Qualitätsentwicklung. Der Kollege Reiser will deshalb sogar seinen Job hinwerfen, so satt hat er die Gängelung durch die Hochschulbürokraten. Chapeau.

Joachim Enders, 38, ist Professor für Kernphysik an der TU Darmstadt
Joachim Enders

Joachim Enders, 38, ist Professor für Kernphysik an der TU Darmstadt

Aber vielleicht ist es ja doch nicht ganz so: Ich gebe zu, dass vieles verbesserungsfähig ist an der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses und dass wir es wirklich mit einer Bürokratisierung der Hochschulen zu tun haben. Aber eines dürfen wir nicht vergessen: Insbesondere die Professoren deutscher Hochschulen können hier sehr viel selbst mitgestalten - oder besser: könnten.

Leider lassen oft gerade diejenigen Hochschullehrer das Engagement in der Gestaltung vermissen, die den ganzen Prozess von vornherein als "Murks" verwerfen. Manche der in Forschung und Lehre stärksten Hochschullehrer haben "Besseres zu tun", als sich an der Studienplangestaltung die Finger schmutzig zu machen.

Überall in den Gremien sitzen Professoren

Man kann freilich trefflich darüber philosophieren, welches Geistes Kind die Bologna-Reformen sind und wie stark sie von wirtschaftlichen und industriellen Prozessen, gar von neoliberalem Gedankengut geprägt sind - aber letztlich kann man Bachelor-Master-Studiengänge selbst gestalten. So könnte im Rahmen der Hochschulselbstverwaltung jeder Professor Einfluss auf die reale Umsetzung des Bologna-Prozesses im eigenen Fach und an der eigenen Hochschule nehmen.

Der Anti-Bachelor
DDP
"Alles Murks", sagt der Mainzer Theologie-Professor Marius Reiser über die Bologna-Reformen an deutschen Hochschulen. Frustriert will er seine Professur ganz aufgeben. Im UNISPIEGEL-Interview erklärte Reiser, warum das Ende der Universitäten naht. mehr...
Wir brauchen hier auch nicht darüber zu diskutieren, dass der Bachelor in vielen Fächern nur der Weg und nicht das Ziel sein kann. Es schadet nicht, das der Politik ruhig immer wieder zu erklären. Dazu gehört auch, dass Universitäten und Fachhochschulen auch nach Bologna durchaus unterschiedliche Profile haben dürfen.

Die Universitätspräsidien sind von den Vertretern aller Gruppen an den Hochschulen gewählt, sie arbeiten mit Gremien an der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, in denen wiederum Professoren sitzen. Last but not least sind die Gutachtergruppen der Akkreditierungsagenturen ebenfalls mit Professoren und Studenten der betroffenen Fächer besetzt. Bedenklich ist, dass die Professoren sich von den Formalismen, die ihnen von Politik und Akkreditierungsausschüssen vorformuliert werden, gelegentlich wohl zu sehr gefangen nehmen lassen.

Wir sind nicht dazu gezwungen, über jedes noch so kleine Modul eine mehrstündige Klausur schreiben zu lassen. Hausaufgaben, aktive Mitarbeit, Redebeiträge können auch geeignete Prüfungsformen sein. Manche Hochschulleitungen erlauben das. Nicht jede Hausaufgabe, nicht jedes Praktikum, nicht jede Vorlesung muss direkt in die Endnote eingehen.

Niemand zwingt uns zu Daumenschrauben

Man kann attraktive Wahlpflichtbereiche schaffen, die den Studenten eigenverantwortliches und doch strukturiertes Studieren ermöglichen. Oft sind auch die Studienordnungen so beschaffen, dass alle Details genauestens geregelt sind. Das führt zu dramatisch kurzen Halbwertszeiten dieser Ordnungen.

Wer sitzt an den Kontaktstellen für Auslandsaufenthalte? Hochschullehrer und Hochschulmitarbeiter. Mit einer Reihe üblicher Partneruniversitäten kann leicht ein akzeptabler Plan ausgearbeitet werden, an dem sich die Studenten bei einem Auslandssemester orientieren können.

Das setzt natürlich voraus, dass die Prüfungskommissionen nicht alles überreglementieren und nicht jedes Unterkapitel des heimischen Vorlesungsskripte von den Auslandsstudenten einfordern. Zu solchen Daumenschrauben für auslandswillige Studenten zwingt uns niemand.

Wenn man von den Studenten erwartet, dass sie in den neuen Studiengängen nicht nur "Credits zählen", dann sollten das die Gremien auch nicht tun. Oft geben sich Hochschulen auch restriktive Regeln zur Anerkennung fremder Leistungen, wie etwa bei einem Hochschulwechsel. Diese kann man getrost wieder abschaffen oder, so noch nicht geschehen, gar nicht erst einführen.

Anpacken, nicht jammern

Im Zuge der Bologna-Reformen ist auch viel von Qualitätssicherung die Rede. Dass so etwas erforderlich sind, hat die Vergangenheit häufig genug gezeigt. Ein Studiengang, der nicht genügend Kapazitäten für Praktika vorhält, gehört nicht akkreditiert, weil er erfolgreiche Studenten ausbremst. Seminare mit mehreren hundert Teilnehmern sind unzumutbar.

Das Bachelor-ABC
DDP
Uni Bolognese: Erstsemester sind ratlos, Professoren kratzen sich am Kopf. In den Chaostagen der Bachelor-Master-Umwälzung sickern sonderbare neue Begriffe in den akademischen Jargon. SPIEGEL ONLINE klärt auf - mit dem kleinen Bachelor-Alphabet. mehr...
Die Qualitätssicherung ist also nötig, darf aber auf keinen Fall, auch nicht indirekt, zu Lasten der Ausstattung der Fächer und Fakultäten gehen, denn sonst leidet die Qualität. Die Hochschulpräsidien und die beteiligten Gremien müssen also mit Augenmaß handeln. Das heißt, dass man den Personen, die in Universität und Akkreditierung übertrieben auf Formalisierung, Dokumentation und Qualitätssicherung hinwirken, auch klar widersprechen muss - nicht mit einer grundsätzlichen Verweigerungshaltung und der engstirnigen Weltsicht, dass sowieso alles Murks ist, sondern mit Argumenten, Visionen und guten Gegenbeispielen.

Also: Es ist noch viel faul im Staate Bologna deutscher Nation, aber diese Probleme sind auch hausgemacht. Wir können auf einen Teil des Prozesses Einfluss ausüben - wenn man dafür zweifelsohne auch ein bisschen Arbeit aufwenden muss. Jammern wir also nicht mehr, sondern packen wir's an.

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Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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1.
DJ Doena 26.04.2008
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
2.
Senfkorn, 26.04.2008
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Kristian Viesmann, 26.04.2008
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
4. Studium Generale?
ondrana 26.04.2008
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
5.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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