Da haben es uns die ewigen Bologna-Nörgler, allen voran der Kollege Marius Reiser, mal wieder richtig gezeigt: Bachelor und Master sind Murks. Außerdem ist die Welt schlecht, und wir alle sind ohnmächtig den Klauen der Bürokratie und den Apparatschiks ausgeliefert, die uns dazu zwingen, unseren letzten Funken Kreativität aufzuopfern auf dem Altar der totalen Formalisierung des modernen Studiums und der Qualitätsentwicklung. Der Kollege Reiser will deshalb sogar seinen Job hinwerfen, so satt hat er die Gängelung durch die Hochschulbürokraten. Chapeau.
Aber vielleicht ist es ja doch nicht ganz so: Ich gebe zu, dass vieles verbesserungsfähig ist an der deutschen Umsetzung des Bologna-Prozesses und dass wir es wirklich mit einer Bürokratisierung der Hochschulen zu tun haben. Aber eines dürfen wir nicht vergessen: Insbesondere die Professoren deutscher Hochschulen können hier sehr viel selbst mitgestalten - oder besser: könnten.
Leider lassen oft gerade diejenigen Hochschullehrer das Engagement in der Gestaltung vermissen, die den ganzen Prozess von vornherein als "Murks" verwerfen. Manche der in Forschung und Lehre stärksten Hochschullehrer haben "Besseres zu tun", als sich an der Studienplangestaltung die Finger schmutzig zu machen.
Überall in den Gremien sitzen Professoren
Man kann freilich trefflich darüber philosophieren, welches Geistes Kind die Bologna-Reformen sind und wie stark sie von wirtschaftlichen und industriellen Prozessen, gar von neoliberalem Gedankengut geprägt sind - aber letztlich kann man Bachelor-Master-Studiengänge selbst gestalten. So könnte im Rahmen der Hochschulselbstverwaltung jeder Professor Einfluss auf die reale Umsetzung des Bologna-Prozesses im eigenen Fach und an der eigenen Hochschule nehmen.

Die Universitätspräsidien sind von den Vertretern aller Gruppen an den Hochschulen gewählt, sie arbeiten mit Gremien an der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, in denen wiederum Professoren sitzen. Last but not least sind die Gutachtergruppen der Akkreditierungsagenturen ebenfalls mit Professoren und Studenten der betroffenen Fächer besetzt. Bedenklich ist, dass die Professoren sich von den Formalismen, die ihnen von Politik und Akkreditierungsausschüssen vorformuliert werden, gelegentlich wohl zu sehr gefangen nehmen lassen.
Wir sind nicht dazu gezwungen, über jedes noch so kleine Modul eine mehrstündige Klausur schreiben zu lassen. Hausaufgaben, aktive Mitarbeit, Redebeiträge können auch geeignete Prüfungsformen sein. Manche Hochschulleitungen erlauben das. Nicht jede Hausaufgabe, nicht jedes Praktikum, nicht jede Vorlesung muss direkt in die Endnote eingehen.
Niemand zwingt uns zu Daumenschrauben
Man kann attraktive Wahlpflichtbereiche schaffen, die den Studenten eigenverantwortliches und doch strukturiertes Studieren ermöglichen. Oft sind auch die Studienordnungen so beschaffen, dass alle Details genauestens geregelt sind. Das führt zu dramatisch kurzen Halbwertszeiten dieser Ordnungen.
Wer sitzt an den Kontaktstellen für Auslandsaufenthalte? Hochschullehrer und Hochschulmitarbeiter. Mit einer Reihe üblicher Partneruniversitäten kann leicht ein akzeptabler Plan ausgearbeitet werden, an dem sich die Studenten bei einem Auslandssemester orientieren können.
Das setzt natürlich voraus, dass die Prüfungskommissionen nicht alles überreglementieren und nicht jedes Unterkapitel des heimischen Vorlesungsskripte von den Auslandsstudenten einfordern. Zu solchen Daumenschrauben für auslandswillige Studenten zwingt uns niemand.
Wenn man von den Studenten erwartet, dass sie in den neuen Studiengängen nicht nur "Credits zählen", dann sollten das die Gremien auch nicht tun. Oft geben sich Hochschulen auch restriktive Regeln zur Anerkennung fremder Leistungen, wie etwa bei einem Hochschulwechsel. Diese kann man getrost wieder abschaffen oder, so noch nicht geschehen, gar nicht erst einführen.
Anpacken, nicht jammern
Im Zuge der Bologna-Reformen ist auch viel von Qualitätssicherung die Rede. Dass so etwas erforderlich sind, hat die Vergangenheit häufig genug gezeigt. Ein Studiengang, der nicht genügend Kapazitäten für Praktika vorhält, gehört nicht akkreditiert, weil er erfolgreiche Studenten ausbremst. Seminare mit mehreren hundert Teilnehmern sind unzumutbar.

Also: Es ist noch viel faul im Staate Bologna deutscher Nation, aber diese Probleme sind auch hausgemacht. Wir können auf einen Teil des Prozesses Einfluss ausüben - wenn man dafür zweifelsohne auch ein bisschen Arbeit aufwenden muss. Jammern wir also nicht mehr, sondern packen wir's an.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Universitäten | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH