Bachelor-Zwischenruf: Warum ein Berliner Professor "Prologna" ist

Alle stänkern gegen Bachelor und Master. Kein Zweifel, die Studienreform rumpelt - aber am Ende ist sie für Europas Studenten ein Gewinn, sagt Tilman Brück. Im UniSPIEGEL erklärt der Sprecher der Jungen Akademie, weshalb Bologna nicht an allem schuld ist, was deutschen Unis misslingt.

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Studentin (in Hannover): Mit Weitblick ist die Uni bolognese besser zu ertragen

Ich traue mich fast nicht, es zuzugeben, aber ich bin für Bologna.

Das ist zum einen emotional. Ich störe mich am Jammerton der Bolognagegner. Akkreditierung, Creditpoints, Systemevaluierung - klar, das ist nicht sexy. Das ist nicht Wissenschaft. Das ist Orga pur. Aber es ist nicht die Schuld von Bologna, sondern eine hausgemachte Reformmisere. Eine Unfähigkeit, klare Organisationsstrukturen an Hochschulen herzustellen, die sauber finanziert sind.

Wer sich über Bürokratie an deutschen Hochschulen beschwert, sagt gern Bologna, meint aber den Reformstau, die strukturelle Unterfinanzierung, das hochschulpolitische Bund-Länder-Kleinklein und den juristischen Verwaltungswust, gepaart mit sich selbst lähmenden Organisationsformen. Das alles steht im Widerspruch zu gut durchdachten Kursen, in denen die Lehrenden sich um die Inhalte und die Didaktik kümmern und andere die Finanzierung und die Organisation übernehmen.

Ich weiß auch nicht, warum Unis sich ihre Kurse akkreditieren lassen müssen. Das sollten die Universitäten selbst organisieren, so gut sie können, und dann die Studenten mit ihren Füßen abstimmen lassen. Aber nochmals: Es ist nicht die Schuld von Bologna, dass wir in Deutschland Probleme haben, unsere Unis zu finanzieren und zu organisieren.

Teilnehmerlisten bei Vorlesungen? Haben mit Bologna nichts zu tun

Ich bin für Bologna, weil ich für Europa bin. Mit Bologna ist Europa endlich in der Hochschulpolitik angekommen. Klar, vorher gab es schon Erasmus und Marie Curie - und vielleicht sogar das x-te Rahmenprogramm. Aber jetzt müssen sich die Hochschulen als Ganzes überlegen, wie sie sich in Europa positionieren wollen. Für mich ist Bologna ein schöner Fall von europäischer Reform: eine gute Mischung aus zentralem, Top-down-Anstoß und vielen, vielen kleinen Reformwellen, die sich davon ausgehend langsam ausbreiten. So kommt Bewegung in ein Thema, das national in fast ganz Europa strukturell und ideologisch verkrustet ist.

Wir müssen mit einem großen Missverständnis aufräumen: Bologna ist keine zentrale Zielvorgabe, die unsere Unis in ein EU-Schema presst. Unrecht hat zum Beispiel, wer behauptet, wir müssten Teilnehmerlisten bei Vorlesungen führen, "wegen Bologna". Recht hat, wer Bologna als eine Chance begreift, in Europa voneinander zu lernen - auch in der Organisation ganzer Wissenschaftssysteme.

Wir sollten unsere Vielfalt der Umsetzung von Hochschulpolitik als eine Chance begreifen, von den erfolgreichen Initiativen zu lernen und so auch die schwächeren Partner auf ein besseres Niveau zu bringen. Wir wollen keinesfalls alle wie britische Universitäten sein - oder wie finnische oder deutsche. Aber lasst uns angeregt durch einen Dialog voneinander lernen und dabei immer besser werden!

Freiheit und Mobilität statt Abschottung

Ich bin auch aus ganz praktischen Gründen für Bologna. Wer in der Wissenschaft, sei es als Student, Forscher oder Organisator, etwas werden will, sollte mobil sein. Das hatte viele gute Gründe, die schon die Handwerker des Mittelalters kannten. Und diese Überzeugung predigen und praktizieren wir ja auch in Deutschland in der Wissenschaftspolitik. Wer in einem Bundesland Abitur oder Diplom macht, sollte das auch in anderen Bundesländern bei der Suche nach einem Studien- oder Arbeitsplatz anerkannt bekommen.

Nur in Europa war das bislang nicht so selbstverständlich. Dort konnte es passieren, dass man Semesterzeiten oder Abschlüsse gar nicht anerkennt bekam oder umständliche Anerkennungsverfahren durchlaufen musste. Das sind leider alles noch Zeichen einer national denkenden, sich abschottenden Wissenschaftspolitik, die Pfründe für ihre eigene Klientel sichern will und Wettbewerb gegenüber feindlich eingestellt ist. Oder die vielleicht auch einfach ignorant gegenüber allem Fremden ist - alles andere als erstrebenswert.

Hier kann Standardisierung helfen, Grenzen überflüssig zu machen und so Mobilität, Austausch, Anerkennung, Transparenz zu fördern. Damit mag einhergehen der Verlust von Traditionen, Bezeichnungen oder individuellen Anspruchsdenken. Aber wollen wir wirklich ein Europa, in dem der Faktor Kapital mobiler sein darf als der Faktor Arbeit? In dem lokale Wissenschaftsfürsten darüber bestimmen, wer wo arbeiten darf? In dem wir nicht frei sind, zwischen Nord und Süd, Ost und West hin- und herzuziehen, wie es uns beliebt? Freiheit und Mobilität muss eben auch ein Stück organisiert werden - und sei es im Bildungswesen.

Bologna bringt Reformimpulse für Bildung und Forschung

Und ich bin aus wirtschaftspolitischer Überzeugung für Bologna. Es ist eine Schande anzusehen, wie in ganz Europa junge Leute um ihre Zukunftschancen gebracht werden, weil sie eine schlechte Universitätsausbildung geboten bekommen - und dies vielleicht noch nicht einmal merken, bis es zu spät ist. Bologna hilft auch, mit dem Mythos der konstanten, gleich verteilten Qualität aller deutschen oder europäischen Universitäten aufzuräumen. Es gibt nun einmal gute und schlechte Universitäten, Fachbereiche oder Kurse. Und wir müssen nicht nur daran arbeiten, dass die besten immer besser werden, sondern auch daran, dass die schlechtesten immer weniger schlecht werden. Darauf sollten die Studierenden einen Anspruch haben.

Wir können es uns in Europa nicht erlauben, weniger Reformen an den Hochschulen zu wagen. Wir brauchen die besten Köpfe der Welt, um im immer härter werden globalen Wettbewerb leistungsfähig zu bleiben. Da hilft keine Sozialromantik und keine Vogel-Strauß-Politik. Und mit dem demografischen Wandel und in strukturellen klammen Zeiten der öffentlichen Kassen brauchen wir deutlich mehr Leistungsträger als bisher, quer durch alle Bevölkerungsschichten und Qualifikationsniveaus.

Wir brauchen mehr Leute, die mehr können und so mehr leisten - denn anders lässt sich das Modell Europa nicht bezahlen. Die gemeinsam zu erwirtschaftende Torte sollte möglichst groß und durch möglichst viele Personen erwirtschaftet werden; dann können wir uns auch Solidarität erlauben. Wie sonst sollen denn morgen die Renten bezahlt werden, wenn nicht durch die Leistung der heutigen Studenten und Auszubildenden? Also brauchen wir dringend Reformimpulse für bessere Bildung und Forschung. Auch deshalb bin ich Prologna!

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Nicht alle meckern
Andreas Rolfes 07.04.2010
Klar lief bei der Umstellung auf BA/Ma nicht alles Optimal, aber ich bin froh, erst einen Bachelor und nun Master-Studiengang gewählt zu haben und nicht noch den klassischen Magister. Klare Strukturen und gestiegene Anforderungen mögen meine Kommilitonen vielleicht nerven und auf die Straße treiben, aber ich denke langfristig wird das Modell erfolgreich sein und auch gut ausgebildete Akademiker dem Markt zur Verfügung stellen. Und wenn durch die Strukturen auch noch die Abbrecherquote gesenkt werden kann, um so besser.
2. Die Ökonmisierung der Bildung muss beendet werden.
spezialdm 07.04.2010
An dem Artikel erkennt man wieder einmal die beschränkte Sicht des Ökonomen. Sich nur für eine Reform auszusprechen weil es am eigenen Fachbereich nicht die Möglichkeiten gibt, die es in anderen Disziplinen schon sein Jahrzehnten gibt ist relativ langweilig. Wer mit einem Diplom in einer naturwissenschaftlichen Disziplin ausgestattet war konnte schon immer in nahezu allen Ländern dieser Welt forschen und arbeiten. Dafür bedurfte es kein Reformmonster Bologna.
3. kein titel
Königstiger87 07.04.2010
Bologna hat nur dazu geführt, dass das Studium verschult wurde. Wenn der Autor das unter klare Strukturen versteht ist ihm auch nicht mehr zu helfen.... Sein Hauptargument ist die Mobilität, nur die hat sich nicht verbessert sondern im Gegenteil sogar verschlechtert...
4. ...
E.Cartman 07.04.2010
Zitat von Königstiger87Bologna hat nur dazu geführt, dass das Studium verschult wurde. Wenn der Autor das unter klare Strukturen versteht ist ihm auch nicht mehr zu helfen.... Sein Hauptargument ist die Mobilität, nur die hat sich nicht verbessert sondern im Gegenteil sogar verschlechtert...
An manchen Unis in Deutschland vielleicht. Bei uns hat sie sich definitiv verbessert, und gerade das Versprechen mit dem Wechsel zwischen Bachelor und Master an eine andere Uni und zwischen den Staaten hat sich absolut bewahrheitet. Das mit der Verschulung und der Bürokratie scheint sich beim deutschen Bachelor von Uni zu Uni sehr stark zu unterscheiden. Und auch zwischen den Studiengängen, nach allem was ich von Bekannten so höre. Paradoxerweise ist es mit den Bologna-Reformen wichtiger geworden, sich zunächst über die angepeilte Uni zu informieren. Dass die Hauptkritikpunkte eigentlich nichts mit der Bologna Empfehlung zu tun haben ist richtig, aber das gilt eben auch für seine Pro-Argumente. Der Bologna-Prozess bedeutet schließlich vor allem, dass jeder macht was er will, und es dann Bachelor und Master nennt. In manchen Staaten und Unis funktioniert das wunderbar, in anderen eben nicht. Das mit dem europäischen Traum zu verbinden ist auch etwas weit hergeholt, mobile Akademiker gab es schließlich auch schon vorher. Aber die Möglichkeit einer europaweiten Abstimmung mit den Füßen und von mehr europaweitem Wettbewerb zwischen Studenten und Unis als solche ist sehr positiv zu sehen. Und auch wenn es noch so oft wiederholt wird, die Bologna Reform hat wenig bis gar nichts mit der EU zu tun.
5. Mobilität & Anpassung
PJ_Gordon 07.04.2010
Das Bologna-Prozess ist wie so vieles derzeit eine blinde anpassung an EU-Normen. Dass das deutsche diplom im ausland sehr angesehen war vergisst man. aber die usa wissen das zu schätzen, denn die wollen das jetzt einführen. und die mobilität die ging völlig zu grunde. auf dem papier könnte ich nach meinem bachelorstudium prima die uni wechseln oder sogar einen komplett in eine andere richtung gehenden masterstudiengang wählen... nur funktioniert das lieder in der praxis, nicht zuletzt durch die völlig verschiedenen anforderungen & notengebungen bei prüfungen nicht. beim bologna-prozess standen wieder mal ökonomische interessen vorne an während die bürgerinnen und bürger, sprich studenten hinter diesen zurück treten mussten. aus eigener erfahrung weiß ich dass der leistungsdruck absolut unmenschlich ist. aber daran werden sich die vielen psychotherapeuten die zur zeit ausgebildet werden ja dann umso mehr freuen
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Tilman Brück, 39, leitet die Abteilung Weltwirtschaft am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Entwicklungsökonomie an der Berliner Humboldt-Universität. Zudem ist er Sprecher der Jungen Akademie, die 50 Wissenschaftler und Künstler verschiedener Disziplinen versammelt.
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