Bafög-Jubiläum: Komm schon, stütz mich, Vater Staat

Von Britta Mersch und

Arbeiterkinder in die Hörsäle! So lautete anfangs das Ziel des Bafög - mit Erfolg. Doch zum 40. Geburtstag offenbart die Studentenhilfe Schwächen: Etwa jeder zweite Berechtigte lässt die Stütze liegen. Das Antragsverfahren ist kompliziert, die Fördersumme oft recht dürftig.

Die Hippie-Ära neigte sich gerade dem Ende zu, als Herbert Zech im Spätsommer 1971 ein Dachzimmer in Biberach bezog. 90 Mark Miete, mit Waschbecken, aber ohne Dusche und eigene Toilette. Mittags ging Zech mit seinen Kumpeln zum Essen ins Restaurant "Grüner Baum", da gab's rustikale Studentenmenüs für vier Mark.

Es war ein bescheidenes Dasein. Und historisch betrachtet geradezu revolutionär. Zech, Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau, war nämlich zum Studieren in die baden-württembergische Kreisstadt gekommen. Vorher wäre es einem Menschen, der aus kleinen Verhältnissen stammte, kaum möglich gewesen, Akademiker zu werden. Doch seit dem 1. September 1971 war alles anders.

An jenem Tag trat nämlich das Bundesausbildungsförderungsgesetz in Kraft, kurz Bafög. Plötzlich gab es für Zech jeden Monat rund 300 Mark aufs Konto, einfach so. Und weil das so gut klappte, studierten auch seine beiden kleinen Brüder. Sie alle drei schafften den Bildungsaufstieg. "Heute sichert das unser Einkommen", sagt Bauingenieur Zech, mittlerweile 62 Jahre alt.

Das Bafög wird 40, und wer Geschichten wie die der Arbeitersöhne Zech hört, dem ist durchaus zum Feiern zumute. Eine große Idee - aber was ist daraus geworden?

Paradigmenwechsel '71: Nicht Exzellenz, Breite soll gefördert werden

Immer wieder ist an dem Gesetz herumreformiert worden, einmal wurde sogar dafür gekämpft, es ganz zu kippen. Zwar sei das Bafög alles in allem eine Erfolgsgeschichte, bilanziert Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) in Berlin: "Doch ausruhen dürften sich die Bafög-Macher zum 40. Geburtstag der staatlichen Förderung nicht." Noch immer seien viele Fragen offen, noch immer gebe es einiges, was unbedingt nachgebessert werden müsse.

Seinen Anfang nahm das Bafög, wie viele sozial- und bildungspolitische Errungenschaften, mit den studentischen Protesten der späten sechziger Jahre. Eine der Forderungen, die die 68er auf die Straße trugen, war die nach mehr Bildung für Arbeiterkinder. Weil es Deutschland wirtschaftlich gutging, kam das Begehr auch in der Politik an. Überall entstanden neue Hochschulen für die sogenannten bildungsfernen Schichten, vor allem im Ruhrgebiet, wo Arbeiterkinder zuvor nur zwischen einer Zukunft im Stahlwerk oder unter Tage wählen konnten.

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Bafög: Seit 40 Jahren theoretisch für alle da
Die Gebäude waren da, die Dozenten auch, jetzt musste den Studierwilligen nur noch das nötige Taschengeld zur Verfügung gestellt werden. Dafür änderte die Große Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD) im Mai 1969 das Grundgesetz: Ab sofort durfte der Bund "die Regelung der Ausbildungsbeihilfen" übernehmen. Damit war der Grundstein fürs Bafög gelegt.

"Die berufliche Ausbildung ist eine Angelegenheit, die zwar vordergründig dem Einzelnen nutzt, in Wahrheit aber die Gesellschaft angeht", heißt es etwas verquast in der Einführung zum Bundesausbildungsförderungsgesetz 1971, "nur die Gesellschaft, deren Glieder die ihrer Begabung entsprechend beste Ausbildung erhalten haben, wird auf die Dauer in Wohlstand leben können." Bildung für alle wurde plötzlich als Fundament gesellschaftlicher Entwicklung verstanden.

Kurz nach dem Start bekam fast jeder Zweite Bafög

Es war ein radikaler Schritt. Schon die 1924 verabschiedete Reichsfürsorgepflichtverordnung ermöglichte staatliche Zahlungen an Studierende, war aber auch an "besonders gute Ausbildungsleistungen" gekoppelt. Das 1957 eingeführte Honnefer Modell zur Förderung von Universitätsstudenten zielte ebenfalls auf exzellente Nachwuchsakademiker. Daher war es ein echter Fortschritt in Richtung Chancengleichheit, als zum 1. September 1971 das Bafög in Kraft trat und einen Monat später die ersten Studenten ihr Geld aus diesem Topf erhielten.

1972 wurden bereits 44,6 Prozent aller Studierenden mit Bafög-Zahlungen gefördert - ein Höchststand, bis heute unerreicht. Derzeit sind es 23 Prozent aller Hochschüler.

Bauingenieur Zech war einer der ersten Bafög-Empfänger. Rund 30 Kommilitonen tummelten sich in seinem Semester, und "die Finanzsituation der Einzelnen war untereinander kein Geheimnis", berichtet Zech. Nur ein Drittel, schätzt er, habe damals an seiner Hochschule keine staatliche Studienunterstützung bekommen. "Das waren die Söhne von Bauunternehmern, bei denen schon klar war, dass sie Vaters Nachfolge antreten werden." Die anderen mussten genauer rechnen - und schafften es mit den Bafög-Überweisungen, eine "ziemlich beschwerdefreie Studienzeit" zu erleben, sagt Zech. Weil er nebenbei auch noch regelmäßig als Werkstudent bei einem Ingenieurbüro und bei einer Baufirma jobbte, konnte er sich sogar den Luxus eines VW-Käfers leisten.

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1. Alles zu kompliziert
tgu 01.09.2011
Ich habe mich mehrere Wochen durch die Beantragung des Bafögs gequält, nur um dann am Ende ca. 50 DM pro Monat für ein halbes Jahr zu bekommen. Zum Glück haben meine Eltern genug verdient damit ich noch zu Hause wohnen bleiben konnte. Hätte ich für mein Studium umziehen müssen, wäre wohl nichts draus geworden. Als ich dann nach ca. 10 Jahren mein komplettes Bafög-Darlehn auf einmal zurückzahlen konnte, war der Betrag so niedrig, dass der Computer von denen dachte dies wäre nur ein Rate, und ich habe mehrmals eine Mahnung bekommen, doch bei Bafög zurück zu zahlen.
2. Geschichte eines Schüler-Bafög Empfängers
D.M.B 01.09.2011
Ich werde hier einfach mal meine Meinung, als aktueller "Schüler-BAföG" Empfänger, kundtun. Zuerst sollte man wissen, das Schüler Bafög "wesentlich" Geringer ist als die Studenten Variante. Allerdings muss ich es auch nicht anteilmäßig zurückbezahlen. Trotzdem hat es ja denselben Sinn und muss das gleiche abdecken und mein Leben zu großenteil Finanzieren (Was kaum möglich ist). Ich mache eine Ausbildung als Kinderpfleger/ Erzieher an einer Städtischen Schule, heißt es gibt KEIN Gehalt, KEINE Ausbildungsvergütung von Schulischer Seite. Dafür ist alleine das BAföG Amt zuständig. Nun mag es für den ersten und (Noch) unwissenden Leser nicht so dramatisch sein, das Amt stützt ja. Oberflächlich gesehen, ist dies auch richtig. Leider reicht es, trotz Nebenjob (Der wie bei den Studierenden Kollegen mehr gefördert wird und diese höheren Beträge haben den sie erwirtschaften dürfen) vorne und hinten nicht. Erst mal war es ein riesen Kampf überhaupt Unterstützung zu bekommen, da es zu Beginn meiner Ausbildung noch keinen erhöhten Satz gab, für Menschen die NICHT mehr zuhause Wohnen. Der Satz damals betrug 216 €. Zu meinem Glück wurde er 2 Monate (die ich ohne Hilfe auskommen musste) auf 465 €, für Menschen die bereits seit längerem eine eigene Wohnung haben und nicht mehr Zuhause einziehen können erhöht. 465 € für die Miete (Wohngeld gibt es nicht, da das BAföG Amt das ja decken soll), Nebenkosten, Nahrung etc. Klar ohne Nebenjob geht es nicht. Aber als Schüler-BAföG Empfänger darf man max. 300 € dazu verdienen. Und Elterliche Hilfe? Die ist leider bereits in der Unterstützung drin, da sie mehr als die Hälfte der 465 € Bezahlen müssen und der Staat nur 219 € zahlt. Rechnen wir zusammen 465 + 300 = 765 €. Davon soll man alleine Leben (bei den Eltern Wohnend erhält man 216 €) und seine Kosten in einer Großstadt decken. Alleine meine Warmmiete beläuft sich auf 400 €. Ohne Strom und warmes Wasser. Geschweige denn die anderen Kosten wie Internet, die Fahrkarte, das eigene Kind und sonstige "notwendigeren" dinge. Und wenn das alles nicht reicht? Andere Hilfe gibt es leider nicht, ich war bei jedem Amt hier im schönen Düsseldorf, aber niemand konnte mir weiterhelfen. Das einfach mal um evtl. "Verbesserungen" anzuregen, das Vorurteil zu nehmen man könnte "gut" leben und ein Sensibilisierung zu schaffen. Ach und ich weiß "Herrenjahre sind keine Lehrjahre". Aber Leben ohne Existenzängste und sorgen das man Mitte des Monates kein Geld mehr für Essen hat, wäre schon ganz nett.
3. Betrugsanfaellg
sir.viver 01.09.2011
Mir sind unzaehlige Faelle bekannt, wo auslaendische Studenten Bafoeg bekamen, dann wieder in ihre Heimatlaender gingen und die Bafoeg - Schulden dann nicht mehr zurueck zahlten. Wer so ein fahrlaessiges Verfahren zulaesst, sollte in Regress genommen werden !
4. wirklich schlechter artikel
fallobst24 01.09.2011
Mache meinen Master. Habe eine Obergrenze von insgesamt 10.000 Euro zu zahlen und die 10.000 hatte ich bereits nach 6 Semestern mit dem Bachelor voll. Nun ist jeder Euro geschenkt. Zum Glück verdienen meine Eltern nicht genug, so dass ich Bafög kriege, wenn auch nicht den Höchstsatz. Aber dennoch reicht es. Ok, Kinder hab ich keine, aber ich finde der Staat kann auch nicht alle Kosten für die Leute übernehmen. Es wurde noch kein Mensch gezwungen Kinder zu kriegen. Kinder kann man sich aussuchen, die finanziellen Einkünfte der Eltern eben nicht. Und wieso viele Leute das Bafög liegen lassen liegt doch auf der Hand. Denjenigen stehen eben nur 10 oder 20 Euro zu und die arbeiten eben neben her und die Freibeträge für den Verdienst nebenher sind eben nicht so groß. Zumindest war es so bei einigen meiner Freunde, bei denen die Eltern einiges verdienen, aber die Kinder nicht umbedingt großzügig unterstützen wollen. Sicherlich wäre es super, wenn es noch mehr Geld gebe, aber zum Studieren (außer vielleicht in München etc.) reicht es allemal problemlos. Wer etwas anderes behauptet kann wohl mit Geld nicht umgehen oder läuft am Wochenende gern in Schicki-Micki-Discos...
5. Unglaublich
luzifer26 01.09.2011
Die fragen sich doch nicht ernsthaft, warum nur die Hälfte der Berechtigten die Förderung auch beansprucht, oder? Also ich kenne ausschließlich unhöfliche, relativ nichtstätige und serviceresistente Sachbearbeiter (von mir und meinen Kommilitionen/Freunden/Bekannten). Kein Antrag geht aufs erste mal durch. Den muss man dann jedes Jahr wieder neu stellen. Bestätigung hier, Formular da. Ich habe dafür nicht nur mich, sondern auch meinen Vater (zwecks Nachweise) ganz schön auf Trab gehalten. Helfen will einem keiner. Dann wird man noch dumm angesprochen, warum man denn nicht früher kam..... Und am Ende: Mal kriegt man BaFög, mal nicht, mal wenig. Warum, ist relativ undurchsichtig. Persönliches Highlight: Weil mein Vater in Altersteilzeit ging und dafür eine niedrige fünfstellige Summe bekommen hat, war sein "Einkommen" zu hoch, um für dieses Jahr BaFög zu bekommen. Als ob das Geld zur Unterstützung der studierenden Nachwuchses gedacht wäre... . Mein Vorschlag: Jedem Studenten, für die Regelstudienzeit ohne irgendwelche Nachweise zinsfreie 500 €/Monat geben. Das kann er, sobald in Lohn und Brot von seinem Einkommen zurückzahlen. Nebenbei spart man sich 90% der relativ sinnfreien Sachbearbeiter und kann so die überladene Univerwaltung entschlacken. Wer in Regelstudienzeit durchkommt, kriegt 30% erlassen und gut ist. Das würde auch mehr BaFög Gerechtigkeit schaffen.
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