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Bafög-Sünderin: "Ich betrüge immer noch"

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Zehntausende von Studenten haben beim Bafög-Antrag Ersparnisse verschwiegen. Und bekamen darum juristischen Ärger. Vielen fehlt es an Unrechtsbewusstsein - wie der Bonner Studentin Silke, 26: Sie hat gelogen und prellt den Staat sogar weiter.

Ein paar tausend Euro auf der hohen Kante? Davon muss der Staat doch nichts wissen, dachten sich viele Bafög-Empfänger und gaben ihre Ersparnisse beim Antrag nicht korrekt an. Aber der Staat erfuhr es doch: Seit die Daten zwischen den Finanz- und den Bafög-Ämtern abgeglichen werden, ist das Risiko gewaltig gestiegen, dass Bafög-Betrüger auffliegen.

Grafik: Entwicklung der Bafög-Empfänger
Institut der deutschen Wirtschaft

Grafik: Entwicklung der Bafög-Empfänger

Zehntausende von Studenten hat es bereits erwischt. Sie müssen zu viel erhaltenes Geld zurückzahlen, bisweilen drohen ihnen auch Strafverfahren mit beachtlichen Bußgeldern. Und wenn es besonders hart kommt, kann gar der Berufsweg gefährdet sein - etwa bei Juristen, Lehrern, Ärzten und anderen Berufseinsteigern, die in den Staatsdienst wollen.

Manche Bafög-Sünder tappten ziemlich blauäugig in die juristische Falle, weil sie zum Beispiel keinen richtigen Überblick über ihre Ersparnisse hatten oder die Eltern auf ihren Namen Summen anlegten. Andere betrogen ganz bewusst, nach dem Motto "Wird schon nicht so schlimm sein, und außerdem merkt es ja keiner".

Das kann ins Auge gehen. Die Bonner Studentin Silke zum Beispiel gibt zu, dass sie beim Bafög-Antrag geschummelt hat. Und selbst als sie ertappt wurde, gab sie nicht alle Sparbücher an. Lehrerin will sie werden; einen Anlass für schlechtes Gewissen sieht sie nicht. Hier erzählt die 26-Jährige, wie sie den Bafög-Betrug sieht:

"Als ich vor fünf Jahren angefangen habe zu studieren, habe ich sofort einen Bafög-Antrag gestellt. Meine Eltern verdienen beide wenig, und da war ich froh, selber an Geld kommen zu können. Bei der Erstsemester-Einführung hatte man mir erzählt, dass ich Geld auf einem Sparbuch und auf einem Bausparvertrag nicht angeben muss, weil man das gar nicht überprüfen könne - davon waren alle überzeugt. Was ich damals nicht wusste: dass man über die Freistellungsaufträge, die ans Bundesamt für Finanzen gemeldet werden, eben doch sehen kann, was jemand insgesamt gespart hat.

Es ging bei mir ja nicht um hohe Summen. Das waren ungefähr 4000 Euro, also ziemlich wenig. Das Geld hatten meine Großeltern für mich gespart, außerdem war noch einiges Geld von meinem Vater auf meinen Namen angelegt worden. So habe ich dann, nachdem das alles aufgeflogen war, auch gegenüber dem Bafög-Amt argumentiert: dass ich gar nicht gewusst hätte, dass das Geld mir gehört. Ich selber hatte ja nie was eingezahlt.

Mir wurde dann vorgehalten, dass ich aber die Freistellungsaufträge unterschrieben hatte. Das stimmte, da konnte ich ja nicht mehr lügen, und das habe ich dann auch eingeräumt. Aber ich habe nur die Sparbücher angegeben, für die es eben auch Freistellungsaufträge gab - die anderen habe ich weiter verschwiegen. Ich musste dann das zuviel gezahlte Geld zurückzahlen, habe aber trotzdem bis zum vergangenen September noch weiter Bafög bekommen, obwohl ich immer noch betrüge.

Die Staatsanwaltschaft hat sich bei mir bisher nicht gemeldet. Ein bisschen Angst habe ich schon, dass da vielleicht noch etwas nachkommt - schließlich will ich Lehrerin werden, und das geht halt nicht, wenn ich vorbestraft wäre.

Andererseits ist meine Rückzahlung jetzt schon zwei Jahre her, und da ich von der Staatsanwaltschaft seitdem nichts gehört habe, hoffe ich einfach, dass ich aus dem Schneider bin. Ein schlechtes Gewissen? Nein, das habe ich nicht. Ich denke, dass an den Unis jede Menge Studierende rumlaufen, die auch betrügen."

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