Von Frank van Bebber
Seit Jahresbeginn dürfen die Professoren nicht mal mehr ein Radiergummi kaufen, ohne dass es Wellensiek oder ihre Finanzabteilung abnickt. Sie hat die Haushaltssperre, zuvor für Ausgaben ab 100 Euro gültig, verschärft. Die Mitarbeiter zahlen Dienstfahrten jetzt selbst, jede zehnte Stelle ist unbesetzt. Und noch immer steckt die PH tief in den roten Zahlen. Ende 2009 war es unter dem Strich eine Viertelmillion Euro Miese. Immerhin: Vor dem rigiden Sparkurs hatte ein 1,4-Millionen-Verlust gedroht.
Als die Pleite vergangenen Sommer bekannt wurde, gingen empörte Studenten, die hier 500 Euro Semestergebühr zahlen, auf die Straße und skandierten: "Die PH ist pleite - wo ist unser Geld?"
Eine halbe Million aus Studiengebühren als letzter Notgroschen
Die PH-Sprecherin beteuerte damals: "Der Lehrbetrieb wird sichergestellt." Wenig später flehte Wellensieks Amtsvorgänger das baden-württembergische Wissenschaftsministerium an, die Hochschule auf Pump betreiben zu dürfen - ein bis dato einmaliger Offenbarungseid. Das Ministerium lehnte ab.
Nun geht Wellensiek jeden Morgen durch eine mit bunten Protestzetteln beklebte Tür in ihr Büro. Auf einen haben Studenten geschrieben: "Wir rechnen mit" - und tatsächlich: Das Rektorat lässt sie. Auf einer Versammlung hat Wellensiek vor über 1000 der insgesamt rund 4000 Studenten die Bilanz offen gelegt. Prorektor Gerhard Härle, 60, erklärte stundenlang die Zahlen bis zur letzten Haushaltsstelle. Die Entscheidung für Transparenz gegenüber allen Gruppen könne "als einmalig in der Hochschullandschaft gelten", sagt das Rektorat. Will ein Professor künftig Geld, muss er nachweisen, dass er die Studenten vorher einbezogen hat.
Demokratie statt Spardiktat: Das sind neue Töne in Baden-Württemberg, wo es keine verfasste Studentenschaft gibt und Rektorate und Hochschulräte kaum noch jemanden fragen müssen. An der PH läuft der Betrieb nur noch, weil sie sich an den Studiengebühren bedienen kann. Als Verfügungsrahmen verblieben der PH "lediglich 468.000 Euro aus Studiengebühren, mit denen wir die Lehre an der Hochschule notdürftig absichern können", gestand Härle allen per Brief. Es sind die Studenten, die den Rettungsschirm bezahlen.
Lehre im absoluten Notbetrieb
Die Studenten verfolgen die Lage aus dem Erdgeschoss einer alten Hochschulvilla. Die Räume hat ihnen das Rektorat überlassen. Damit es schön sauber bleibt, haben die Studenten die Schuhe ausgezogen und im Flur aufgestapelt, laufen auf Strümpfen. Als protestierende Studenten im Dezember die Aula besetzt hatten, sahen die Uni-Oberen oft nach ihnen. "Seither werde ich in der Straßenbahn gegrüßt", sagt Prorektorin Anne Sliwka, 40.
Ein echter Dialog kam in Gang. Doch die Studenten trauen der neuen Offenheit noch nicht recht. Peter Schäfer, 23, angehender Realschul-Lehrer, sagt: "Es sind Studiengebühren, die das Defizit stopfen. Vor dem Hintergrund ist die Transparenz Pflicht."
Schäfer und seine Kommilitonen erleben Lehre im Notbetrieb: In Seminaren drängen sich 150 Leute, Studiengänge sind zu über 200 Prozent überlastet. Einige Pflichtkurse gibt es nur noch, weil die Fächer Spender aufgetrieben haben. Mancher Professor prüft im Semester 80 Studenten im Staatsexamen plus Beratung, Diplom- und Zulassungsarbeiten. Forschungsgeld wurde in den Hilfskraft-Etat umgeleitet, dennoch mussten Tutoren gehen. Der Lesesaal der Bibliothek öffnet später und schließt früher. Vor elf Uhr kommt hier keiner mehr an ein Buch.
Warum Professoren, wenn Lehrbeauftragte so billig sind?
Härles Sparpapiere enthüllen sonst gern vertuschte Tricks. Es geht um Outsourcing und Lohndumping, im Sparprogramm steht etwa: Ein Lehrauftrag kostet die PH 3600 Euro, eine Vertretungsprofessur mit gleicher Stundenzahl 41.000 Euro. Da trifft es sich gut, dass Lehrbeauftragte nun prüfen dürfen. Außerdem lassen sich überfüllte Lerngruppen schnell und einfach verkleinern - "sinnvolles Lehren und Lernen lebt nicht von der Anwesenheitskontrolle", empfiehlt Härle.
Hier beginnt das Dilemma für die findigen Bankrottverwalter um Wellensiek. Sie versichern, sie seien schon vorher für Lern- statt für Sitzkultur gewesen. Nun klingt der Abschied von der Anwesenheitspflicht nach Sparprogramm, dabei ist Wellensiek als Reformerin angetreten. Als sie sich bewarb, ahnte sie nichts von der drohenden Pleite. Von der Hamburger Uni ließ sie sich für den Job an der kleinen PH beurlauben.
Wellensiek will Bildung besser machen. Sie wedelt mit einem Bachelor-Stundenplan, der Dauerunterricht von früh bis spät vorsieht, und ruft: "Das ist das Gegenteil von Bildung!". Gestalten will sie und trotz leerer Kasse keine Sparkommissarin werden, weiß aber: "In einer zum Teil selbst verursachten Krise können Sie keine Forderungen erheben."
Wegen des Finanzdesasters deuten Studenten und Rektorat gern Richtung Ministerium, denn auch dort wird getrickst: Zum Beispiel gesteht das Land 1,28 Millionen Euro Sachmittel zu, zieht davon aber sofort 720.000 Euro wieder ab, im Rahmen einer Pauschalkürzung aller Haushaltsansätze. Und Baden-Württemberg Geschwister unerwartet großzügig von Studiengebühren befreite, zahlt nur noch rund jeder zweite Hochschüler.
Prasserei und doppelte Buchführung
Als indes die Campusmaut noch bei fast allen kassiert wurde, habe ihre Hochschule gewirtschaftet, "als ob Milch und Honig fließen", räumt Wellensiek ein. Und als der Geldstrom versiegte, trat offenbar niemand auf die Bremse. Laut Ministerium hätten die Professoren das frische Geld besonders gern ausgegeben, um sich selbst der Lehre zu entledigen und Dozenten anzuheuern. "Man darf nicht mehr ausgeben, als man hat", nennt ein Ministeriumssprecher jene Regel, die an der PH wohl nicht mehr galt.
Die Studiengebühren luden zum Schummeln ein: Mancher Posten sei in den Papieren für den Senat anders verbucht gewesen als in der Bilanz für die Studenten, sagt Wellensiek schonungslos offen. Am Ende blickte keiner mehr durch.
Durch das Sparen bis an die Schmerzgrenze soll schon Mitte 2010 wieder etwas Geld in der Kasse sein. Die Studenten diskutieren mit und brüten über den Zahlen. Aber sie fürchten, am Ende werde ihre PH nicht zum Modell für demokratischere Bildung, sondern für eine Billighochschule, die auch ohne Geld noch funktioniert. Sie warnen: "Das Rektorat präsentiert ein Rezept, eine Hochschule trotz Unterfinanzierung des Landes zu führen." Ein solches Negativ-Vorbild - das wollen die Studenten nicht.
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