Begabtenförderung: Sieben Millionen Euro für Stipendien verfallen

Mehr als 150.000 Studenten sollten vom "Deutschlandstipendium" profitieren, doch zum Start fördert der Bund nur 5200 Stipendiaten. Sieben Millionen Euro verfielen zum Jahreswechsel. Laut Bildungsministerium soll das 2012 besser werden - die Opposition bezweifelt das.

Gefordert, aber auch gefördert? Hochschulen reizen "Deutschlandstipendium" nicht aus Zur Großansicht
DDP

Gefordert, aber auch gefördert? Hochschulen reizen "Deutschlandstipendium" nicht aus

Das im vergangenen Jahr gestartete "Deutschlandstipendium", mit dem die Bundesregierung besonders begabte Studenten mit monatlich 300 Euro fördern will, läuft weiter schleppend. Bis November wurden nur gut 5200 Stipendien vergeben und damit etwa halb so viele, wie vom Bundesbildungsministerium hätten finanziert werden können. Das ergab die Antwort des Ministeriums auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Haushaltspolitikers Klaus Hagemann.

Mit 14 Millionen Euro hätte der Bund im Jahr 2011 eigentlich knapp 9500 Stipendien vergeben können. Laut Hagemann seien nun aber "zum Jahreswechsel sieben Millionen Euro Stipendienmittel verfallen, weil es nicht gelungen ist, im erhofften Maße private Geldgeber als Co-Finanziers des Programms zu finden."

Das Problem beim "Deutschlandstipendium": Hochschulen müssen für jeden Stipendiaten einen privaten Geldgeber überzeugen, die Hälfte des Förderbetrags, also 150 Euro monatlich zu übernehmen. Gerade für Hochschulen ohne gute Kontakte zu Firmen und Gönnern ein oft schwieriges Vorhaben.

Angesichts der rund sieben Millionen Euro, die im vergangenen Jahr ungenutzt blieben, seien nicht begabte Studenten, sondern der Bundesfinanzminister und die Bundeskasse "größter Gewinner" des "Deutschlandstipendiums", sagte Hagemann. Für das Stipendienprogramm sei das ein "glatter Fehlstart".

16 Stipendiaten in Hamburg, knapp 800 in Bayern

Das "Deutschlandstipendium" ist ein Vorzeigeprojekt von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU), erdacht im Jahr 2010. Im vergangenen Februar hatte die Ministerin den Startschuss für das Programm gegeben. Ursprünglich war es für mehr als 200.000 Studenten geplant, man wolle "die besten zehn Prozent" unabhängig vom eigenen Einkommen und dem Vermögen der Eltern fördern, so das anfängliche Ziel. Dann wurde die Marke leicht nach unten korrigiert: 160.000 leistungsstarke Studenten sollten bis 2013 über das "Deutschlandstipendium" Geld erhalten.

Hochschulen hatten wiederholt darüber geklagt, das Einwerben von Mitteln bei Firmen und Stiftungen sei bürokratisch aufwendig, potentielle Geldgeber zum Spenden zu motivieren gestalte sich schwierig. Der SPD-Abgeordnete Hagemann hatte bereits im September kritisiert, dass ein gutes Drittel der eingesetzten Mittel nicht an Stipendiaten, sondern in Werbung und Schulungen geflossen waren.

Das Bildungsministerium steht weiter zum Konzept des "Deutschlandstipendiums" und hält die Teilfinanzierung durch Spenden nicht für problematisch. Kritik der Hochschulen, dass es schwierig sei, Stipendiengeber zu finden, gebe es nur "in Einzelfällen", sagte eine Sprecherin am Montag. Drei Viertel aller Hochschulen nehmen dem Ministerium zufolge an dem Programm teil. Viele würden aber erst 2012 richtig starten. Die Idee, dass sich auch Unternehmen an der Ausbildung von Fachkräften finanziell beteiligen sollen, erfordere einen Mentalitätswandel und der brauche Zeit. Man rechne aber damit, dass das Stipendienprogramm nun an Fahrt aufnehmen werde, so die Sprecherin.

Von den zu Anfang angepeilten leistungsstärksten zehn Prozent der Studenten ist inzwischen keine Rede mehr. Und auch die korrigierte Zielmarke von acht Prozent Geförderten scheint in weiter Ferne. Im Jahr 2011 durften maximal 0,45 Prozent der Studenten einer Hochschule ein "Deutschlandstipendium" bekommen, so hatte es das Bundesbildungsministerium festgelegt. Doch nicht einmal die geringe Zahl von 9440 konnten die Hochschulen ausschöpfen.

Besonders spärlich flossen die Mittel in Schleswig-Holstein, Hessen, Brandenburg und den Stadtstaaten Berlin und Hamburg. Schleswig-Holstein kam auf 70 Stipendiaten, in Hessen waren es 364 von 834 möglichen Stipendien. Brandenburg schaffte lediglich 71 von 223. In Hamburg riefen die Hochschulen gerade einmal 16 der 328 möglichen Stipendien ab, in Berlin 165 von 637. Die Südländer schnitten vergleichweise gut ab: In Baden-Württemberg wurden 715, in Bayern 797 vergeben. Das Saarland schöpfte als einziges Bundesland sein volles Kontingent von 100 Stipendien für insgesamt gut 25.000 Studenten aus.

Auch wenn die Bundesregierung im alten Jahr nur die Hälfte ihrer 14 Millionen tatsächlich an die Studenten brachte und in Marketing investierte, sollen die verfügbaren Mittel 2012 auf 36 Millionen Euro steigen. Etwa 20.000 Studenten könnten dann ein "Deutschlandstipendium" bekommen - und damit noch immer weniger als ein Prozent der inzwischen auf 2,4 Millionen angewachsenen deutschen Studentenschaft. SPD-Politiker Hagemann kritisierte die Aufstockung zum 1. Januar 2012: Mit dem Geld solle besser der Etat für die bewährten "Aufstiegsstipendien" für beruflich Begabte erhöht werden.

son/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wofür eigentlich ?
parisien 02.01.2012
Zitat von sysopMehr als 150.000 Studenten sollten vom "Deutschlandstipendium" profitieren, doch zum Start fördert der Bund lediglich 5200 Stipendiaten. Sieben Millionen Euro verfielen zum Jahreswechsel. Laut Bildungsministerium soll das 2012 besser werden. Die Opposition bezweifelt das. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,806705,00.html
In einem anderen Forum habe ich obige Frage bereits gestellt. Abgesehen davon, dass mir nicht klar ist, nach welchen Kriterien Begabte bereits v o r dem Studium ausgwewählt werden , ist mir noch weniger klar, wofür diese während (!) des Studiums Extra-Geld brauchen. Ich gönne ihnen - eigentlich jedem - ein vernünftiges Auskommen mit dem Einkommen. Aber : Warum ist das für das eigentliche Srudium notwendig ? Etwas anderes ist es, wenn sich die Begabung durch gute Examensnoten manifestiert hat und das Ausweiten der Begabung -auch im Interesse des Gemeinwohls - gefördert wird.
2. Werte Leser.
claudiasemmelroth 02.01.2012
Ganz bestimmt haben unsere Damen und Herren Politiker ganz viel richtig gemacht in 2011. Arbeitlosenzahlen wurden geschönt wie nie- Frau von der Leyer sah richtig glücklich aus unter Ihrer Hartz- Frisur, immerhin 52 Prozent aller Erwerbstätigen über 58 LEBENSJAHREN arbeiten noch immer, schon wieder ein Stümper als Bundespräsident, Frau Kühnast feierte Ihre Erfolge in Berlin, Rösler feiert nach wie vor 3 Prozent, dass Beste an Frau Merkel war Ihre Frühlingstasche, Fürst Guttenberg schmiert sich klebriges Zeugs ins Haar um den Wiedereintritt in die deutsche Atmosphäre mit deutlich weniger Brandschäden zu überstehen. Alles ehemalige begabte.
3. Witz?
L_P 02.01.2012
"...die Hälfte des Förderbetrags, also 150 Euro monatlich zu übernehmen." Das gesamte Stipendium beträgt nur 300 Euro pro Monat? Und das soll dann auch noch aus zwei Teilen zusammengestückelt werden? Ist das jetzt ein Witz, oder was? Und dann wundert man sich, daß sich kein Unternehmen findet, das den Verwaltungsaufwand für den Kleckerbetrag von 150 Euronen monatlich auf sich nimmt? Und als Student kann man in einer Stadt auch von 300 Euro kaum leben. Das heißt, da muß noch eine dritte Einkommensquelle her. Mir scheint, diese Stipendien sind eine Alibi-Aktion, die aufgelegt wurde, damit Politiker auf sie verweisen können, wenn ihnen Untätigkeit bei der Begabtenförderung vorgeworfen wird. Die Tatsache, daß mir dieses Stipendium bislang nicht bekannt war, deutet darauf hin, daß auf hohen Bekanntheitsgrad -und damit Nutzung- offenbar wenig Wert gelegt wurde.
4. 16(!)
Goimgar 02.01.2012
Yeah hier in Hamburg gibt es GANZE 16 Studenten die von diesem Stipendium profitieren? Da sind die Chancen selber was davon zu haben ja richtig gut! Jetzt würde mich auch noch interessieren wie viele von den 16 dieses Geld wirklich brauchen. Ich kenne zumindest 16 Studenten die da drauf wirklich angewiesen wären...
5. gibt doch Bafög
raphv 02.01.2012
und alle die kein Bafög bekommen, sind auf so eine Förderung wahrscheinlich eh nicht angewiesen. 300 € im Monat als Geschenk sind für einen Studenten natürlich schon was Tolles.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Stipendium
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
Wie das "Deutschlandstipendium" funktioniert
Wer kann das Stipendium bekommen?
In der Theorie kann jeder Student das "Deutschlandstipendium" bekommen. Es ist unabhängig vom Einkommen der Eltern und des Studenten, wird aber nur an Bewerber mit herausragenden Leistungen vergeben. Entscheidend sind dabei unter anderem die Noten in Studium oder Schule. Auch Fachpreise oder Auszeichnungen bei Wettbewerben wie "Jugend forscht" können berücksichtigt werden. Zudem spielen Kriterien wie Engagement in einem Verein, die Erziehung eigener Kinder oder die Pflege von Angehörigen bei der Auswahl eine Rolle.
Wieviel Geld gibt es?
Studenten werden mit 300 Euro monatlich gefördert. Die Hälfte des Geldes stellt der Bund zur Verfügung. Die andere Hälfte kommt von privaten Stiftern.
Wie und wo können Studenten sich bewerben?
Die Bewerbung und Vergabe läuft über die Hochschulen. Studienanfänger beantragen das Stipendium an der Universität, an der sie ihr Studium aufnehmen werden. Die einzelnen Hochschulen geben auch bekannt, wie viele Stipendien sie in welchen Studiengängen vergeben werden. Ein Drittel der Stipendien an jeder Hochschule sind aber nicht an bestimmte Fächer gebunden. Das "Deutschlandstipendium" ist zum Sommersemester 2011 an den Hochschulen gestartet.
Wer entscheidet über die Vergabe?
Eine Auswahlkommission der einzelnen Hochschulen entscheidet darüber, wer von den Bewerbern die Förderung erhält.
Wie lange wird das Stipendium gezahlt?
Wer ausgewählt wurde, bekommt die Unterstützung für mindestens zwei Semester und höchstens bis zum Ende der Regelstudienzeit.
Sind weitere Förderungen neben dem Stipendium möglich?
Das Deutschlandstipendium wird zusätzlich gezahlt, also zum Beispiel nicht aufs Bafög angerechnet. Wer allerdings schon eine begabungs- und leistungsabhängige Förderung von mehr als 30 Euro pro Monat erhält, kann das neue Stipendium nicht bekommen. Das trifft zum Beispiel auf Stipendiaten der Begabtenförderungswerke zu.

Gehirnjogging für Hochbegabte
Wo geht's zum Stipendium? Jetzt kann man sich bei der Studienstiftung des deutschen Volkes auch selbst bewerben - und muss im Auswahltest überzeugen. Flussdiagramme, Wörter-Wolken, Körper zum Drehen & Wenden: 13 Aufgaben aus dem beinharten Test. mehr...