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Besetzte Hörsäle: Die Polizei kommt meist im Morgengrauen

Zunächst geben sich Uni-Chefs bei Studentenprotesten gern verständnisvoll, doch den meisten reißt nach wenigen Tagen mit besetzten Hörsälen der Geduldsfaden. Manche drohen erst nur mit der Polizei; andere bringen gleich eine halbe Hundertschaft mit - wie die Rektorin der Uni Dortmund.

Ende der Party: In Düsseldorf und anderswo rückte die Polizei gegen die Studenten an Zur Großansicht
dpa

Ende der Party: In Düsseldorf und anderswo rückte die Polizei gegen die Studenten an

Am Montagabend, gegen 19 Uhr, bremsten mehrere Polizeibusse und ein Streifenwagen scharf vor der Dortmunder Uni. Dann begannen rund 40 Beamte damit, die Besetzer aus dem Hörsaal zu tragen und auf der Straße abzusetzen.

Im Namen des Rektorats gab sich der Pressesprecher der TU Dortmund versöhnlich. Man habe den Studenten als Kompromiss für alle Freitagnachmittage bis zum Semesterende einen Ausweichsaal für Diskussionen angeboten. Das hätten die Besetzer aber abgelehnt, sagte der Pressesprecher in die Kamera des Campus-Senders "Do1" - während hinter ihm Blaulicht blitzte und Grüppchen grün gekleideter Beamter standen.

Die Besetzer hätten "zu lange diskutiert", ohne konkret zu werden. Außerdem sei die Räumung durch die Polizei nicht gegen, sondern für die Studenten gedacht gewesen - denn 30 von ihnen hätten Tausende Kommilitonen am Studieren gehindert.

Räumung im Morgengrauen, Strafanzeigen für Studenten

Ein Besetzer nannte das Polizeiaufgebot "unverhältnismäßig", sie seien schließlich keine militante Gruppe. Auf der Straße angelangt, skandierten die Ex-Besetzer die Worte des rosaroten Paulchen Panter: "Heute ist nicht alle Tage, wir kommen wieder, keine Frage!" 31 Studenten zeigte die TU Dortmund wegen Hausfriedensbruchs an.

Unangenehm früh wurden dagegen die Besetzer im Bonner Hörsaal 1 geweckt. Um fünf Uhr am Samstagmorgen trabten Polizisten ins Auditorium. Die anschließende Räumung verlief nach Polizeiangaben ruhig - erwartbar, bei der Uhrzeit. Die Uni stellte gegen acht ihrer Studenten Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs.

Vorbild für die Bonner könnte die Ruhr-Uni in Bochum gewesen sein, denn auch dort war vergangene Woche die 5-Uhr-früh-Taktik erfolgreich. Den undankbaren Weckdienst mitten in der Nacht übernahm für die Uni-Leitung Prorektor Ulf Eysel, berichtet die "WAZ". Glaubten die Studenten zu dem Zeitpunkt noch, es ginge glimpflich ab, rückte nur fünf Minuten nach Eysel eine Hundertschaft Polizisten an.

Gern hätte die Uni das Problem ohne Polizei gelöst, sagte Eysel, aber "die Zeit drängte": Am Donnerstag und Freitag sollten im Audimax die Bochumer Symphoniker proben, und putzen wollte man schließlich auch noch. Musik ging vor, die Beamten trugen 30 Studenten aus dem Saal, die "passiven Widerstand" leisteten.

"Vielleicht sind wir noch Ostern hier"

Seit über vier Wochen protestieren Studenten an deutschen Hochschulen zwischen Konstanz und Rostock gegen schlechte Studienbedingungen im Bachelorstudium, gegen Studiengebühren und für mehr Mitspracherecht. Aufgeflackert war der Protest erstmals im Sommer, im diesem Wintersemester sind derzeit einige Dutzend besetzter Hörsäle das Mittel der Demonstranten-Wahl.

Weitere Schauplatz der großen Räumwoche in NRW war Düsseldorf. Dort stellte der Rektor am Dienstag vor einer Woche ein Ultimatum, zeigte Verständnis für den Unmut der Studenten - und ließ sie am nächsten Morgen von der Polizei aus dem Hörsaal werfen.

In Osnabrück in Niedersachsen gingen die Besetzer am Samstagmorgen auf eigenen Füßen nach zwei Wochen Plenum und Debatte aus dem bis dahin besetzten Saal - die Polizei hatte sie um sechs Uhr morgens geweckt. Dass sie mit 3000 Unterschriften der Uni-Leitung zeigten, dass sie als Besetzer kein versprengter Haufen sind, sondern für viele Kommilitonen sprechen, interessierte hier nicht weiter.

Der Durchhaltewillen der Besetzer in anderen Städten scheinen die jüngsten Räumungen wenig anzuhaben. In Bamberg etwa richten sich die Demonstranten im Hörsaal auf eine Besetzung auch über die Weihnachtsfeiertage ein: "Wir haben schon Schichtpläne erstellt, damit uns der besetzte Raum nicht verloren geht", zitiert die "Nürnberger Zeitung" eine Studentin. An der Nürnberger Fachhochschule sind die Besetzer noch optimistischer: "Am Sonntag haben wir einen Weihnachtsbaum aufgestellt - und mal schauen, vielleicht sind wir noch Ostern hier", zitiert das Blatt einen Studenten.

Einige hören auf, anderen fangen gerade erst an

Deutlich stärker als bei vielen nordrhein-westfälischen Hochschulchefs ist der Geduldsfaden der Potsdamer Präsidentin Sabine Kunst. An ihrer Uni ist das Audimax seit mehr als drei Wochen in Studentenhand. Sie hat bislang nicht nach der Polizei gerufen, sondern stattdessen ihr Gesprächangebot in einem offenen Brief an die Studenten am Freitag konkretisiert: Vier Studenten sollen auf vier Lehrende treffen, an einem Runden Tisch, mit einem unabhängigen Moderator. Termin zur genauen Absprache: Donnerstag, High Noon, bei einem Jour Fixe mit der Präsidentin. Klingt, als wolle Kunst wirklich reden.

Uneins, wie mit Besetzern umgegangen werden soll, waren sich die Uni-Chefs schon auf der gemeinsamen Sitzung der Hochschulrektorenkonferenz in der vergangenen Woche in Leipzig. Die einen forderten mehr Härte, manche dagegen einen ernsthaften Dialog und keine Alibi-Veranstaltungen. Das Rektorat, vor dem die Studenten dem HRK-Präsidium in der Uni Leipzig einheizten, ist inzwischen wieder freigegeben. Die Hoffnung von Uni-Chefs und Politik, dass der Protest in der Adventszeit abebbt, könnte verfrüht sein: Am Montag nahmen rund 50 Studenten Gebäude der TU Darmstadt in Beschlag. Sie wollen mindestens für eine Woche bleiben.

cht

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