Korruption in Russland: Warum studieren, ich kann doch schmieren

Von Charlotte Haunhorst

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Lomonossow-Universität in Moskau: Viele Studenten in Russland zahlen für gute Noten

Professoren bekommen in Russland nicht besonders viel Geld, deswegen verdienen viele durch Studenten dazu: Wer nicht lernen kann oder will, schiebt dem Dozenten einige tausend Rubel rüber. Erlaubt ist das nicht, trotzdem soll mindestens jeder dritte Student schon bestochen haben.

Als sie das erste Mal einen Professor bestach, war Olga noch aufgeregt. Was, wenn es schiefgeht? Wie würde er sie behandeln? Ihre Freunde beruhigten sie. Das sei Routine. So ging Olga los, verwickelte den Dozenten in ein Gespräch und ließ ganz nebenbei das Codewort fallen, das ihr ein Kommilitone verraten hatte: Ob man das nicht "anders regeln" könne? Danach steckte sie 1500 Rubel, etwa 40 Euro, in das Lehrbuch des Professors - fertig.

"Ich habe bezahlt und ging direkt mit meiner Note nach Hause. Es war alles ganz einfach und leicht", erzählt die Studentin der Veterinärmedizin. Mittlerweile kauft sie nicht nur Noten. Sie geht zu manchen Prüfungen überhaupt nicht mehr hin. "So ist Russland!", sagt sie.

Olga war mit ihrer ersten Bestechung ganz schön spät dran. In ihrer Heimat ist es keine Seltenheit, dass Eltern ihren Kindern schon in der Grundschule durch Gefälligkeiten an die Lehrer Vorteile verschaffen. Schafft es der Nachwuchs dann mittels gekaufter guter Noten zur Hochschulreife, geht es an der Universität munter weiter. "Blat" nennen die Russen das Gestrüpp aus persönlichen Gefallen, Geschenken und Bestechungszahlungen.

Das ganze Bildungssystem ist korrupt

"Blat" ist allgegenwärtig: Eltern bestechen, Studenten bestechen, das ganze Bildungssystem ist korrupt. Selbst die Uni-Rektoren bilden da keine Ausnahme.

Im Sommer 2011 behauptete zum Beispiel der Leiter der Moskauer Pirogow-Universität, dass sich 600 Abiturienten mit exzellenten Noten beworben hätten - in Wahrheit gab es die gar nicht. Es gelang ihm, den fiktiven Einserschülern nahezu sämtliche staatlich subventionierte Medizinstudienplätze zuzuschachern. Nachdem freilich keiner dieser Kandidaten zum Studium antrat, verkaufte er die nun frei gewordenen Plätze für je 10.000 Euro an Schüler, die zwar schlechte Noten, aber wohlhabende Eltern hatten.

Weil Bildung in Russland käuflich ist, gilt die russische Duma als das gelehrteste Parlament der Welt. Von den 450 Abgeordneten haben 143 einen Doktortitel, 71 Volksvertreter dürfen sich Professor nennen. Allerdings weiß jeder: Die Titel beweisen nicht die gute Ausbildung ihrer Träger, sondern meist nur deren Finanzkraft.

Einer ernsthaften Überprüfung halten die wenigsten Promotions- oder Habilitationsschriften stand. Für Aufsehen sorgte kürzlich die Revision von 25 Dissertationen einer Moskauer Elite-Uni. 24 davon wurden als wissenschaftlich ungenügend enttarnt, darunter auch die Arbeit von Andrej Andrijanow, dem Direktor der Kaderschmiede für mathematisch begabte Studenten an der Universität Moskau, einem Vertrauten von Wladimir Putin. Andrijanow, so konnte nachgewiesen werden, hatte die Arbeit bei einem Doktormacher gekauft. Das erklärte auch, warum er als Diplomchemiker einen Doktor in Geschichte besaß, ausgestellt von einer Hochschule für Pädagogik.

Andrijanow verließ seinen Posten unter lautstarkem Protest. Es ist schließlich unfair, dass solch kleine Unstimmigkeiten plötzlich geahndet werden, oder?

Durchgefallene Studenten bekommen Überweisungsscheine

Fragwürdige Titel gibt es in Russland sogar an der Staatsspitze: 2006 wiesen amerikanische Wissenschaftler nach, dass Wladimir Putin bei seiner Promotion seitenweise aus einer US-Publikation abgeschrieben und sich wissenschaftlich ähnlich fragwürdig verhalten hatte wie Karl-Theodor zu Guttenberg.

Einer, der sich intensiv mit den Tricksereien im russischen Bildungssystem beschäftigt, ist Eduard Klein. Er promoviert derzeit an der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen zum Thema und forschte als Auslandsstudent in Sankt Petersburg. Die Systematik hinter der Bestechung hat auch ihn überrascht: So liegen in einigen Veranstaltungen zu Semesterbeginn schamlos Noten-Preislisten aus. Ein russischer Student erzählte ihm sogar von einem Korruptions-Automatismus: Nach einer Prüfung werden Überweisungsscheine an die durchgefallenen Studenten verteilt. Wer das Geld transferiert, fällt garantiert nicht durch die Wiederholungsprüfung.

Materielle Geschenke unter umgerechnet 75 Euro werden in Russland nicht strafrechtlich verfolgt. Wer hingegen beim Annehmen von Geld ertappt wird, kann ins Gefängnis kommen und von der Uni fliegen. So steht es zumindest im Gesetz. Faktisch werden allerdings nur selten Fälle von Bildungskorruption öffentlich gemacht, obwohl Schätzungen zufolge jeder zweite bis dritte Student bereits bestochen hat. Dass die Professoren dabei mitmachen, ist kein großes Wunder. Deren Gehälter liegen zwischen 450 und 650 Euro monatlich. Damit kann in einer Stadt wie Moskau kaum die Miete bezahlt werden. So werden faule und dumme Studenten zur lebensnotwendigen Nebeneinnahme.

Dietmar Wulff, der sieben Jahre lang für den Deutschen Akademischen Austauschdienst an der Uni Woronesch lehrte, kennt die miserable Situation des russischen Lehrpersonals. Als Dozent kritisierte er dennoch die Bildungskorruption - was die Eltern nicht davon abhielt, ihn schmieren zu wollen. Wulff lehnte zwar ab. Aber er musste lernen, dass dies wenig nutzte.

"Ich ließ einen Studenten nicht zum Examen zu und vermerkte das auch. Trotzdem schrieb ihm der Lehrstuhlinhaber ein 'bestanden' ins Transkript", erinnert er sich. Als er sich beschwerte, bat der Dekan um Verständnis: "Er war gar nicht persönlich materiell interessiert. Er sorgte sich um die Zukunft seiner Fakultät", sagt Wulff. Denn jeder Student zahlt durchschnittlich 1000 Euro Studiengebühren im Jahr. Wer scheitert, fällt als Einnahmequelle weg. Bei der abnehmenden Zahl junger Menschen müssen die Unis um jeden Studenten kämpfen.

Wenn man Olga, die angehende Veterinärmedizinerin, fragt, ob sie und ihre Kommilitonen nicht manchmal das Verlangen spürten, sich gegen das korrupte System aufzulehnen, sagt sie: "Nein. Das würde bedeuten, dass die Hälfte des Kurses nach dem ersten Semester aus der Uni fliegt, da viele nicht genug im Kopf haben oder zu faul sind."

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Mother Russia
Lakoniker 14.05.2013
Gutes altes Russland, wo alles noch so schön einfach ist ;)
2. optional
Harlekinmann 14.05.2013
Es gab doch vor gar nicht so langer Zeit einen Artikel bei SPON über einen jungen Mann der gegen Geld eine Diplomarbeit schreibt (in DE). Korruption gibt es überall.
3.
derdichter 14.05.2013
der artikel ist ueberraschend richtig und kein stupodes russland-bashing. es ist alles richtig im artikel dennoch muss ich sagen dass dieses korruptionssystem natuerlich eine... nun ja.. schlechte sache ist aber die meisten studenten nutzen das um mal ab und zu sich selbst zu helgfen wenn ein fach mal krumm liegt. das heisst dass die dann nicht als totale ahnungslose vollidioten abschluss kriegen. das heisst die haben halt hier und da ein wenig gespickt. man miss halt alles im richtigen verhaeltniss sehen. ob es nun richtig oder falsch ist , ist eine andere frage. aber eins ist sicher fuer den grossteil der studenten ist es hilfreich und fuer den grossteil der proffessoren ist es beinah ueberlebenswichtig.
4. Russland/Bildung
hubertrudnick1 14.05.2013
Zitat von sysopProfessoren bekommen in Russland nicht besonders viel Geld, deswegen verdienen viele durch Studenten dazu: Wer nicht lernen kann oder will, schiebt dem Dozenten einige Tausend Rubel rüber. Erlaubt ist das nicht, trotzdem soll jeder mindestens jeder dritte Student schon bestochen haben. Bestechung an russischen Universitäten: Mit Rubeln zum Erfolg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bestechung-an-russischen-universitaeten-mit-rubeln-zum-erfolg-a-895931.html)
Man sollte nicht immer mit den eigenen schmutzigen Fingern auf andere Länder zeigen, man sollte vielmehr bei sich zu Hause mal aufräumen, da hätte man genug zu tun.
5.
cs01 14.05.2013
Zitat von HarlekinmannEs gab doch vor gar nicht so langer Zeit einen Artikel bei SPON über einen jungen Mann der gegen Geld eine Diplomarbeit schreibt (in DE). Korruption gibt es überall.
Wenn man sich von jemand anderem die Arbeit schreiben lässt, dann ist das Betrug und keine Korupption. Vergleichbar wäre es eher mit dem Fall des Hannoveraner Juraprof, der Titel gegen Sex und Geld verkaufte. (Und dafür auch bestraft wurde). Dass es überall solche Fälle gibt ist klar, erschreckend in Russland ist das Ausmaß.
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