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Bewegungsmelder: Wer hat denn mit der Gewalt angefangen?

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In Köln zanken sich Rektor und Studenten, wer gewalttätiger ist. Auch in Duisburg ist nun das Rektorat besetzt, in Köln das FDP-Büro. Und sonst aus dem Uni-Dunstkreis: Professoren fürchten den Erstickungstod, Studieren wird noch teurer, die Caritas zahlt Studiengebühren.

An der Universität Köln geht es weiter turbulent zu. Heute mittag haben Studenten aus Protest gegen die Einführung von Studiengebühren die Kölner Parteizentrale der FDP besetzt (der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart ist Freidemokrat). Und die nächsten Aktionen darf man sich schon mal im Terminkalender notieren: Am Samstag können Angela Merkel und Jürgen Rüttgers mit einem besonders freundlichen Empfang bei einem Köln-Besuch rechnen; am 16. Mai läuft eine landesweite Anti-Gebühren-Demo in Düsseldorf; am 24. Mai steht die nächste Senatssitzung an der Kölner Uni an.

Die Querelen in Köln ziehen sich schon seit Wochen hin. Erst hatten Studenten das gebührenfreundliche Rektorat besetzt, sich dabei aber frappierend ordnungsliebend verhalten - sie sammelten brav ihre leeren Bierflaschen ein, tranken und rauchten nicht im Rektorbüro, fragten die Verwaltung gar brav nach einem Staubsauger, um ihre Krümel wegzumachen. Am letzten Sonntag ließ Rektor Axel Freimuth das Gebäude trotzdem von zwei Hundertschaften der Polizei räumen, dabei ging es recht friedlich zu.

Weit mehr Krawall gab es indes am 3. Mai, als rund 1500 Protestler eine Senatssitzung sprengten - und das hat jetzt ein Nachspiel. Rektor Freimuth hatte sich von Polizisten in der "Formation Schildkröte" aus der Uni eskortieren lassen. Was genau sich aus seiner Sicht zutrug, schilderte er in einem Brief an alle Senatsmitglieder: Massiv habe die "lärmende und aufgebrachte Menge" gegen die Fenster und Türen des Senatssaal geschlagen und getrommelt; "dies geschah mit Fäusten, Steinen und anderen Gegenständen", so der Rektor zu der "bedrohlichen Situation".

Das studentische Senatsmitglied Markus Struben indes beschreibt die Lage ganz anders: Bei der Räumung habe die Polizei friedliche Demonstranten "durchaus gewaltsam geschlagen, getreten, an den Haaren gezerrt und auf der Treppe fallen lassen". Steine habe außer Freimuth niemand gesehen, schon gar nicht habe es "angereiste KrawallmacherInnen" gegeben, wie der "Lügen-Rektor" behaupte, so Struben in einer Stellungnahme: "Der einzige, der nicht friedlich war, ist Freimuth selbst. Ein Rektor, der seine Universität nur noch mit Hilfe von Polizeikräften und privaten Sicherheitsdiensten leiten kann, muss zurücktreten."

Starker Tobak - und ein Vorgeschmack darauf, was auch anderen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen noch blühen könnte. Die Rüttgers-Regierung hat den Schwarzen Peter für die Einführung der Campus-Maut ja geschickt an die über 50 Hochschulen weiterspielt. Die dürfen sich jetzt mit den Studentenprotesten herumschlagen. Ebenfalls heute mittag haben Studenten der Universität Duisburg-Essen gleich mal nachgezogen und das Rektorat auf dem Duisburger Campus besetzt. Neben der Rücknahme der geplanten Gebühreneinführung legten sie eine Wunschliste vor - etwa dass die Studenten bei der geplanten Demo am 16. Mai entschuldigt fehlen können, die Uni-Mitarbeiter dabei per "Betriebsausflug" mitmachen können und das Rektorat auf der Uni-Homepage für die Demo wirbt. Das klingt etwas skurril und so gar nicht nach Rebellion, aber an anderen NRW-Unis haben Rektorate bereits mitgespielt: Den Verdruss darüber, dass das Land sich aus der Affäre zieht, teilen sie ja mit den Studenten.

Essener Politik-Studentin Tina (2005): Ein Gebühren-Orakel
DPA

Essener Politik-Studentin Tina (2005): Ein Gebühren-Orakel

Rektoratsbesetzungen gehören inzwischen zur akademischen Folklore, früher im Jahr hatten es sich dort bereits Bielefelder und Paderborner Studenten gemütlich gemacht. Wetten, dass nach Duisburg in diesem Sommersemester, dem letzten ohne Studiengebühren, weitere NRW-Rektorate folgen werden? Und auch Angestellte in CDU- und FDP-Parteibüros können nie ganz sicher sein, ob sie ihren Arbeitsplatz jeden Morgen frei von ungebetenen Gäste erreichen.

Es ist ja nicht so, dass nur Studenten protestieren - Professoren tun das auch, wählen dafür aber lieber die Form von Appellen. Kürzlich hatten bereits die Hochschulrektoren einen Alarmruf abgesetzt, jetzt auch der Deutsche Hochschulverband: "Die Hochschulen drohen in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu ersticken. Sie bedürfen dringend staatlicher Hilfe", erklärte der DHV-Präsident Bernhard Kempen heute. "Wenn nicht Durchgreifendes passiert, saufen die Hochschulen in den nächsten Jahren schlichtweg ab. Dann wäre die hoffnungsvoll gestartete Exzellenz-Initiative nur noch ein letztes Aufbäumen vor dem Erstickungstod."

Noch mehr Proteste? Aber ja: zum Beispiel gegen den Kabinettsbeschluss der Bundesregierung, Kindergeld nur noch bis zum 25. statt bis zum 27. Lebensjahr zu zahlen. "Das Studium wird teurer!", warnt das Deutsche Studentenwerk. Zusammen mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer führe die Kindergeldkürzung zu erheblichen finanziellen Belastungen für Studenten und deren Eltern - zumal es keine Anpassung des Bafög an die Preisentwicklung gebe, höhere Pauschalabgaben auf Mini-Jobs und künftig auch noch Studiengebühren gezahlt werden müssten. "Es geht um das Sparen ohne Rücksicht auf Verluste", erklärte Sascha Vogt von den Juso-Hochschulgruppen zur Kindergeld-Einschränkung.

Und wo bleibt das Positive? In Bayern. Wo die Not am größten, wächst das Rettende auch. Zum Beispiel bei der Caritas, die ein Modellprojekt gestartet hat: An der Fachhochschule Amberg-Weiden sollen Studenten vom Sommersemester 2007 an die geplanten Studiengebühren abarbeiten können, indem sie zum Beispiel für ältere Menschen und Behinderte einkaufen gehen oder Behördengänge erledigen. Das findet die Landtags-CSU so gut, dass sie die Idee am liebsten gleich allen Hochschulen zugänglich machen möchte - "Miteinander der Generationen" und so.

Die bayerischen Grünen indes sind not convinced, im Gegenteil sogar ziemlich sauer und schimpfen über die "soziale Tarnkappe für Gebührenabzocke". Beim Nachrechnen stellten die Grüne nämlich fest, dass es sich um normale Jobs, nur mit Bezahlung unter Tarif handelt. "Erst bringt die CSU die Studierenden in eine soziale Notlage, und dann nutzt man dies auch noch aus und schickt sie in schlecht bezahlte Aushilfsjobs", kritisierte die hochschulpolitische Sprecherin Ulriek Groete - "es ist traurig, dass die Caritas sich dafür hergibt."

Wo man hinschaut, überall nur Proteste, sogar gegen die Caritas. War also wieder nichts mit der Suche nach dem Positiven.

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