OECD-Bericht zur Bildung: Deutschland braucht mehr Hochqualifizierte

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Studenten der Uni Hildesheim: OECD rügt Studienanfängerquote in Deutschland

Jugendliche sind in Deutschland seltener arbeitslos als in anderen Ländern - das liegt auch am Ausbildungssystem, lobt die OECD in einem aktuellen Bericht. Trotzdem: Es fehlen die Top-Talente, der Anteil der Hochschulabsolventen ist noch immer geringer als in anderen Industriestaaten.

Mindestens einmal im Jahr rügt er Deutschland. Dann nämlich stellt Andreas Schleicher, auch bekannt als "Mr. Pisa", im Namen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den Bericht "Bildung auf einen Blick vor". In diesem Jahr aber lobte er neben dem gewohnten Tadel auch ein bisschen: Deutschland lege großen Wert auf die berufliche Ausbildung, sagte er, das habe sich in der Wirtschaftskrise ausgezahlt.

Denn Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, deren Arbeitslosenquote in der Krise nicht gestiegen ist. Mehr noch: Es hat sogar der Anteil jener jungen Menschen abgenommen, die weder beschäftigt sind, noch in Bildung oder Ausbildung - im Jahr 2011 lag dieser Anteil bei elf, 2008 noch bei zwölf Prozent. Während der Krise sei diese Quote nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und der Türkei gesunken oder unverändert geblieben, heißt es in der Zusammenfassung. Was hier allerdings nicht erwähnt wird: Jahr für Jahr landen in Deutschland Zehntausende Jugendliche im sogenannten Übergangssystem. Dahinter verbirgt sich ein Bündel von Warteschleifen und Weiterbildungen, die oft gar nicht oder erst nach vielen Monaten in einer Ausbildung münden.

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OECD-Bericht: Deutschlands Bildungssystem in Zahlen
Alljährlich analysiert die OECD in dem mehrere hundert Seiten starken Bericht "Bildung auf einen Blick" (Bericht als PDF in englischer Sprache) die Schul- und Hochschulpolitik der wichtigsten Industriestaaten und misst den Erfolg in Skalen und Ranglisten. Je mehr Abiturienten und Hochschulabsolventen, desto erfolgreicher ein Land - so lautet, vereinfacht gesprochen, die Formel. Im Vergleich zu jenen Ländern, in denen auch Hebammen zur Uni gehen, steht Deutschland regelmäßig schlecht da. So auch in diesem Jahr, trotz des anfänglichen Lobes.

Zwar sagte der OECD-Mann in einer Web-Konferenz am Montagabend: "In Deutschland hat sich viel bewegt." Denn während im Jahr 2000 die Studienanfängerquote noch bei 30 Prozent lag, studieren inzwischen 46 Prozent eines Jahrgangs. Besonders die gefragten Mint-Fächer, also Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften, studieren heute deutlich mehr - auch deutlich mehr Frauen. So betrug der Frauenanteil unter den Mathe- und Statistik-Absolventen im Jahr 2000 42 Prozent, im Jahr 2011 waren es 59 Prozent.

Und trotzdem: Mit seiner Studienanfängerquote liegt Deutschland noch immer unter dem OECD-Durchschnitt von 60 Prozent. Wobei Schleicher Deutschland gar keine feste Quote empfehlen will, er sagt nur: Ein Hochschulabschluss lohne sich langfristig für den einzelnen - und für den Staat - mehr als beispielsweise eine Ausbildung. Das sei für ihn der entscheidende Wert.

So seien Akademiker seltener arbeitslos, außerdem habe sich in Deutschland der Einkommensvorteil von Hochschulabsolventen in zehn Jahren um mehr als 20 Prozentpunkte gesteigert - mehr als in jedem anderen Land. Für ihn ein klares Indiz, dass in Deutschland die Hochqualifizierten fehlen. Ein Mann mit Hochschulabschluss verdient demnach durchschnittlich 161 Prozent dessen, was ein Mann mit Fachabitur oder Abitur verdient, eine Frau verdient 155 Prozent dessen. Ein immer noch vorhandener Geschlechterunterschied bei der Bezahlung also - auch mit dieser Quote steht Deutschland laut Bericht etwas schlechter da als der OECD-Durchschnitt.

In den vergangenen Jahren bemängelte der Bericht immer wieder ein bekanntes Problem im deutschen Schulsystem: Arbeiterkinder haben hierzulande kaum Aufstiegschancen, viele bleiben sogar hinter dem Bildungsniveau der Eltern zurück. Diesbezüglich muss Deutschland diesmal keine Schelte befürchten: Denn entsprechende Daten haben die Statistiker in diesem Jahr nicht erhoben. (Dafür hat am Montag eine Studie der Bertelsmann Stiftung wieder einmal gezeigt, dass Deutschlands Schulsystem Kindern zu wenig Chancen gibt)

Was der Bericht über das deutsche Schulsystem aussagt:

  • Die Altersstruktur in deutschen Lehrerkollegien bezeichnete Schleicher als größte Herausforderung: Fast jeder zweite Lehrer - ausgenommen sind Grundschullehrer - ist 50 Jahre oder älter. Nur in Italien sind Lehrer noch älter.
  • Trotz Trend zur Ganztagsschule haben nur Grundschüler in der Slowakei, Ungarn, Finnland, Estland, Korea und der Tschechischen Republik weniger Unterricht als in Deutschland: Hierzulande sind es insgesamt 2806 Unterrichtsstunden, im OECD-Durchschnitt 4717 Stunden. Schleicher wies allerdings darauf hin, dass der Umbau zur Ganztagsschule in Deutschland noch nicht abgeschlossen ist.
  • Anders sieht es im Sekundarbereich I aus, zu dem alle Schulformen ab der Grundschule bis zur zehnten Klasse gehören: Dort sind in Deutschland pro Jahr 757 Unterrichtsstunden vorgesehen, im OECD-Schnitt sind es 709 Stunden. Im Sekundarbereich II, also in der gymnasialen Oberstufe, sind es 715 Unterrichtsstunden, im OECD-Schnitt 664 Stunden. Dabei dürften sich auch die zahlreichen Schulreformen der vergangenen Jahre bemerkbar gemacht haben, wie die G8-Reform beispielsweise: In den vergangenen elf Jahren stieg die Zahl der Unterrichtsstunden an (von 732 auf 757 Stunden in der Sekundarstufe I und von 690 auf 715 Stunden in der Sekundarstufe II).
  • In punkto Schüler-Lehrer-Verhältnis steht Deutschland im Vergleich in allen Bereichen gut da: Im Elementarbereich, also Kindergärten, Krippen und Vorschulen, kommen auf 13 Kinder eine Lehrkraft (OECD-Schnitt 14 Schüler), im Grundschulbereich 16 Schüler (OECD-Schnitt 15 Schüler), im Sekundarbereich kommen 14 Schüler auf eine Lehrkraft (OECD-Schnitt 14 Schüler).
  • Schleicher lobte ausdrücklich die Betreuung von Kleinkindern: Hier habe es erhebliche Fortschritte gegeben, sagte er. Inzwischen werden laut Bericht in Deutschland 90 Prozent der Dreijährigen in einer Einrichtung betreut (OECD-Schnitt 67 Prozent) und 96 Prozent der Vierjährigen (OECD-Schnitt 84 Prozent).

Und was empfiehlt Andreas Schleicher? Vor allem, sagt er, müsse Deutschland sich um seine Lehrer kümmern. Ihnen vielleicht andere Karriereoptionen anbieten, den Beruf offener und flexibler gestalten. Und er wiederholt sein Credo aus den vergangenen Jahren: Deutschland könnte noch mehr Top-Talente gebrauchen.

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insgesamt 121 Beiträge
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1. Gender-korrekt, aber falsch
kalle blomquist 25.06.2013
Wenn ein Mann mit Hochschulabschluss 161 % des Durchschnitts verdient und eine Frau mit Hochschulabschluss nur 155%, dann ist das keine "Geschlechter-Ungerechtigkeit", sondern ein Ausdruck der Tatsache, dass die Jungs BWL, Maschinenbau oder Informatik studieren und die Mädels BWL, Germanistik oder Kunstgeschichte. Dieser Irrtum ist hundert Mal aufgeklärt worden, aber man kriegt es aus den Köpfen und Artikeln einfach nicht heraus.
2.
u30 25.06.2013
Zitat: „Inzwischen werden laut Bericht in Deutschland 90 Prozent der Dreijährigen betreut (OECD-Schnitt 67 Prozent) und 96 Prozent der Vierjährigen" - man weiss zwar was gemeint ist, aber die Wortwahl suggeriert, dass auf die restlichen 10-4% niemand aufpasst und ie sozusagen "auf der Straße rumliegen"....
3. OECD hat keine Ahnung
ludna 25.06.2013
Studienquote von 60 % ?? Wer baut ein Haus, wer reparariert Autos oder Abfluesse ? Wahrscheinlich haben die in Zukunft alle einen Doktor Titel. Krankenschwestern sollen studieren, und auch Kindergärtnerinnen. Dann haben sie zwar keine Ahnung von Kindern, aber von Hirnforschung. Ist eine Berufsausbildung nicht besser ? Und Lohn muss nicht vom Abschluss abhängig sein, man kann bei Mangel auch hohe Löhne zahlen. Vielleicht ist die Arbeitslosigkeit in D gerade so niedrig, weil es nicht so viele Studierte gibt, stattdessen das duale System. Und auch Akademiker sind arbeitslos, sogar Ingenieure.
4. das Lob ist der OECD ja sichtlich schergefallen !
analyse 25.06.2013
da muß dann natürlich Kritik nachgeschoben werden ! Wieviel % Topleute hält denn die OECD für möglich ? 5% sind da schon hochgegriffen und die finden sich auch -oder mehr - im deutschen Bildungssystem,das allerdings durch Reformen gelitten hat! Bessere Lehrer zu fordern,ist immer richtig ! Im Übrigen :auch bei Handwerkern et. gibt es Topleute !
5. sinkendes Niveau
hasimen 25.06.2013
Zitat von sysopTrotzdem: Es fehlen die Top-Talente, ... Bildung auf einen Blick: OECD lobt deutsches Ausbildungssystem - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bildung-auf-einen-blick-oecd-lobt-deutsches-ausbildungssystem-a-907662.html)
Was wir brauchen ist a ) Eigenverantwortung in die eigene Aus- und Fortbildung; wer freiwillig auf "BUSHIDO" Niveau steht kann nicht vom Staat gerettet werden. b ) Angebote die nicht auf Gleichmacherei abzielen, denn wer freiwillig auf das pinke ZDF-Schweinchen ( Cindy a.M. ) steht zweigt deutlich dass er es nicht anders verdient hat ! c ) eine klare leistungsbezogene Förderung - nicht nur der angeblich ( durch Wi-Station & X-Box selbstverschuldeten ) Schwachen, sondern Förderung der dafür prädestinierten Guten. Eltern die alles für ihre Kinder tun haben es verdient anders behandelt zu werden als die ständig hoffnungslosen Fälle die ihre Kinder für ihr eigenes Unvermögen bestrafen. Selbst in CHINA sind die Barrieren offensichtlich. Nur hier meint jeder Gutmensch auf Steuerzahlerkosten alle Gleichschalten zu wollen. Geht nicht - hat noch nie funktioniert !
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