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Bildungnotstand in Chile: Rückkehr der Pinguine

Aus Santiago de Chile berichtet Daniel Lenski

Chiles Jugend wurde schon einmal von der Politik über den Verhandlungstisch gezogen. Diesmal soll das nicht wieder passieren. Schüler und Studenten sind seit Monaten auf der Straße, legen Unis und Schulen lahm. Sie wollen die Bildungsrevolution - und manche halten Gewalt für legitim.

Chilenischer Studentenzorn: Geschlagen wird, wer zu langsam rennt Fotos
Daniel Lenski

"Zwölf Millionen Pesos", sagt Alexandra Moya, 23, und malt mit dem Finger sechs Nullen auf den Tisch. Umgerechnet sind das 17.000 Euro, so viel kostet ihr Studium der Verwaltungswissenschaften in Santiago de Chile. "Und das sind nur die Studiengebühren", jährliche Immatrikulationskosten und Lebenshaltung seien nicht eingerechnet. Darum bestreiken Moya und ihre Kommilitonen seit über vier Monaten alle Vorlesungen.

Die Studenten haben im Universitätsviertel der Hauptstadt ein Straßenradio aufgebaut, mit dem Passanten und Streikende über den Verhandlungsfortgang zwischen Demonstranten und Regierung informieren. In bester linker Tradition versuchen sie außerdem die vorbeiströmenden Mitbürger mit einem kleinen Quiz politisch zu bilden. Der Moderator fragt: "Von wem stammt der Satz, der Mensch sei ein 'Zoon politikon'?"

Aristoteles' Satz vom "geselligen Wesen" Mensch leben Moya und ihre Mitstudenten derzeit Tag für Tag. Sie kampieren seit vier Monaten auf Matratzen in ihrer Uni und haben in der vorvergangenen Woche erneut in der Hauptstadt für eine bessere und kostenlose Ausbildung demonstriert. 25.000 Menschen waren da auf der Straße - und die Gewalt erreichte einen neuen Höhepunkt. Straßensperren, Plünderungen und ein Brandanschlag auf einen Bus brachten den Verkehr in Teilen Santiagos vorübergehend zum Erliegen. 234 Festnahmen meldete die Intendantin der Metropole, Cecilia Pérez Jara.

Geschlagen wird, wer nicht schnell genug wegrennt

"Die Lager radikalisieren sich", sagt Moya. Sowohl Polizei als auch Encapuchados neigten nun noch mehr zu Übergriffen. Die Encapuchados, das sind die Vermummten, die aus den meist friedlich beginnenden Protesten Straßenschlachten machen. Sie liefern den Fotografen Bilder wie aus einem Bürgerkrieg; ein Großteil der Gewalt geht auf ihr Konto, weil sie den Kampf mit der Polizei suchen. Während Studentenführerin Camila Vallejo die Gewalt von Polizei und Demonstranten öffentlich verurteilt, halten viele Studenten sie für legitim, um den Druck auf die Regierung aufrecht zu erhalten.

Fast immer nimmt die Polizei den Kampf an: Geschlagen wird allerdings nicht nur, wer Steine wirft, sondern auch, wer nicht schnell genug wegläuft. Wiederholt hat Innenminister Rodrigo Hinzpeter die Vorwürfe, die Polizei gehe überzogen vor, zurückgewiesen. Er hat eine Spezialeinheit mit dem Namen Cazadores ins Leben gerufen. Das Wort bedeutet Jäger, gejagt werden sollen die Autonomen. Ein neues Gesetz soll zudem die gewaltsame Besetzung von Schulen und Unis mit Haftstrafen von bis zu drei Jahren ahnden. Der Kongress soll es im Eilverfahren beschließen.

Entsprechend angespannt ist die Atmosphäre an der Universidad de Chile. Das Hauptgebäude der ältesten Universität des Landes, seit vier Monaten besetzt, dient als Hauptquartier der Demonstranten. Der Lichthof ist die Maler- und Bastelwerkstatt für Plakate und Masken, auf der Empore des Audimax reihen sich die Schlafsäcke aneinander. Einer gehört Natascha Sánchez, 23, Journalistikstudentin und Besetzerin der ersten Stunde.

"Wir haben das Vertrauen in die Politik verloren"

Bereits im Jahr 2006 bestreikten sie und viele andere Schüler monatelang die öffentlichen Schulen. Es war der Aufstand der "Pinguine", wie die Schüler wegen ihrer Uniformen heißen. Die damalige linke Regierung versprach Schulreformen und konnte den Protest so befrieden. Die Maßnahmen scheiterten aber am Widerstand der konservativen Opposition unter Sebastián Piñera. Der ist heute Präsident und Chef der Regierung, die jetzt mit den Demonstranten verhandelt.

"Wir haben das Vertrauen in die Politik verloren. Von den damaligen Versprechen ist kaum eins gehalten worden", sagt Sánchez. So sei auch die Skepsis gegenüber den Runden Tischen mit der Piñera-Regierung zu erklären, die von den Studenten bereits mehrmals verlassen wurden. "Letztlich geht es uns nicht einfach um ein kostenloses Studium, sondern um eine Bildung, die sich nicht am Kapital orientiert."

Die Privatisierung der chilenischen Bildung geht noch auf die Militärdiktatur unter Augusto Pinochet zurück. Seitdem befördert besonders die indirekte Hochschulfinanzierung durch Zuschüsse für die besten Abiturienten den Wettbewerb unter den Unis und begünstigte die wenigen traditionellen Spitzenuniversitäten.

Wer keine Bestnoten im Abi hat, muss an einer der privaten Unis studieren. Diese erheben bei geringer Forschungsleistung meist deutlich höhere Gebühren als die öffentlichen Unis. Während die Regierung am gegenwärtigen Mischsystem aus öffentlichen und privaten Universitäten festhalten will, lehnen Studenten jegliches Gewinnstreben in der Bildung ab.

Tausende Schüler haben sich in den vergangenen Monaten dem Streik angeschlossen und werden deshalb voraussichtlich das Schuljahr wiederholen müssen. Auch die größte Lehrergewerkschaft unterstützt die Proteste.

Kampf gegen das Erbe Pinochets

Der gesellschaftliche Rückhalt der Demonstranten vergrößert den Druck auf Präsident Piñera. Der Staatschef hatte den Zorn von Studenten, Schülern und Lehrern zunächst unterschätzt. Nun versucht er, mit mehr Geld, niedrigeren Zinsen für Studienkredite und einer massiven Aufstockung der Stipendien zu reagieren. Einen grundsätzlichen Wandel, wie die Studenten ihn fordern, hat Piñera allerdings nicht im Sinn.

Langsam dämmert den Konservativen jedoch, dass sie mit punktuellen Zugeständnissen die Lage nicht entspannen können. Jorge Sandrock, Projektleiter der konservativen Hanns-Seidel-Stiftung in Santiago, der den Regierungsparteien nahe steht und sie berät, glaubt, dass die Regierung noch weiter gehen könnte: "Laut Gesetz dürfen private Universitäten gar keinen Gewinn erwirtschaften. Doch durch Scheinfirmen, welche die Hochschulgebäude zu horrenden Preisen vermietet, wird letztlich doch Profit erzielt, der zu den enormen Studiengebühren führt."

Das ließe sich verbieten. Außerdem käme eine gesetzliche Begrenzung der Studiengebühren in Frage. Für private Träger von Universitäten wäre sie aber das Ende ihres lohnenden Geschäfts. Möglich wäre es auch, die im OECD-Vergleich sehr niedrigen staatlichen Bildungsausgaben aufzustocken. Woher Chile das Geld nehmen soll? Eine höhere Körperschaftsteuer für große Unternehmen sowie eine höhere Bergbausteuer werden bereits im Regierungslager diskutiert. Noch aber vermeidet es Präsident Piñera, öffentlich von Steuererhöhungen zu sprechen.

"Deshalb werden die Proteste weitergehen", ist sich Studentin Moya sicher. Und da es sich diesmal um einen Präsidenten der Rechten handelt, werde man nicht wie in den letzten Jahren klein beigeben. "Der Kampf gegen das Bildungssystem Pinochets ist zur Identitätsfrage einer ganzen Generation geworden."

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1. Die Konservativen
Berta, 06.11.2011
die Krätze und das Böse dieser Welt.
2. mucho éxito!!!
kl1678 06.11.2011
Eigentlich ja schade, dass das deutsche Hochschulsystem für eine missratene Kopie des angelsächsischen Systems in die Tonne getreten wurde. Ansonsten hätte es den Südamerikanern vielleicht ein bisschen als Orientierung dienen können.
3. Was meinen Sie?
czarpeter 06.11.2011
Zitat von kl1678Eigentlich ja schade, dass das deutsche Hochschulsystem für eine missratene Kopie des angelsächsischen Systems in die Tonne getreten wurde. Ansonsten hätte es den Südamerikanern vielleicht ein bisschen als Orientierung dienen können.
Was ist denn das fuer eine merkwuerdige Kritik? Ich denke Sie meinen Master und Bachelor statt Diplom und Magister? Aber was hat das mit den Studiengebuehren zu tun? Wie man Unis finanziert ist ja wohl vollstaendig unabhaengig von dem was und wie gelehrt wird.
4. Ach ne?
medley63 06.11.2011
Zitat von Bertadie Krätze und das Böse dieser Welt.
Nunja, nehmen sie es mir bitte nicht übel, aber ich habe da eher eine umgekehrte Meinung.
5. markt-effizienz
kl1678 06.11.2011
Zitat von czarpeterWas ist denn das fuer eine merkwuerdige Kritik? Ich denke Sie meinen Master und Bachelor statt Diplom und Magister? Aber was hat das mit den Studiengebuehren zu tun? Wie man Unis finanziert ist ja wohl vollstaendig unabhaengig von dem was und wie gelehrt wird.
ja und um "Department" und "Excellenzcluster" - allein dieses oberflächlich peinliche Nachgeäffe bei der Wortwahl... aber auch Verschulte, Unfreie, Halbe, auf Markt-Effizienz ausgelegte, das ist doch im Wesentlichen alles ziemlich traurig.
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Fläche: 756.096 km²

Bevölkerung: 17,711 Mio.

Hauptstadt: Santiago de Chile

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