Bildungsstreik: "Die Studierenden wollen keinen neuen Rudi Dutschke"

Für nächste Woche planen Studenten und Schüler einen großen Bildungsstreik. Auch ein streit- und streikerfahrener Professor aus Berlin mischt mit: Politologe Peter Grottian, 67. Im Interview erklärt der altlinke Aktivist, warum ein bisschen Zunder schon sein muss.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Grottian, Schüler und Studenten haben zum Streik aufgerufen. Was hat ein alter Professor wie Sie damit zu schaffen?

Grottian: Ein alter Professor wie ich ist immer noch an Bildungspolitik interessiert, ich lehre und prüfe ja auch nach meiner Emeritierung noch, und die Zustände an den Hochschulen fordern einfach zum Protest heraus. Ich habe die Vorbereitungen seit September 2008 begleitet und hier und da einen Rat gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen die heutigen Studenten Nachhilfe von einem streikerfahrenen Aktivisten wie Ihnen?

Grottian: Die Studierenden brauchen nicht unbedingt einen Hochschullehrer wie mich, aber es zeichnet diese Generation aus, dass sie Leute wie mich akzeptiert. Es ist überhaupt eine Besonderheit dieses Streiks, dass die Studenten niemanden ausschließen. Sie bleiben nicht unter sich, sondern protestieren gemeinsam mit den Schülern und beziehen Gewerkschaften und andere soziale Bewegungen ein.

SPIEGEL ONLINE: Die Schüler und Studenten wollen in mehr als 100 Städten streiken. Kann solch eine flächendeckende Aktion funktionieren?

Grottian: Diese Studentengeneration ist in einer Hinsicht extrem sensibel: Sie will keine Machtballungen, sondern hat sich sehr bewusst für eine dezentrale Organisation des Streiks entschieden. Die Studierenden wollen keinen neuen Rudi Dutschke oder keine neue Lora Dutschke. Sie wollen einen Streik der vielen Gesichter - und nicht einen Obermacker, Oberaktivisten oder Oberstrategen.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es?

Grottian: Der Streik wendet sich gegen Missstände des gesamten Bildungssystems, etwa die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen, die Ökonomisierung der Bildung und fordert die Abschaffung von Bachelor und Master in der bisherigen Form. Ein wahres Kontrastprogramm zur offiziellen Bildungspolitik also, die sich in milliardenschweren Konjunktur- und Bund-Länder-Programmen ergeht und nur die Forschungselite und die bauliche Infrastruktur von Bildungseinrichtungen bedient, ohne die konkrete Schul- und Studiensituation zu verbessern. Es verbessert sich doch nichts, aber auch gar nichts, wenn man nur das Austauschen von Kloschüsseln bezahlt, aber nichts für das Lernen von Mensch zu Mensch macht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass die Schüler und Studenten massenweise auf die Straße gehen?

Grottian: Das ist die große Frage. Die Ausgangslage ist gut: Die Unzufriedenheit an den Universitäten ist sehr groß. Viele Studenten haben gemerkt, dass die Universität nur noch ein Hamsterrad ist, in dem sie von Klausur zu Klausur, von Test zu Test hetzen. Aber man soll schon auch ehrlich sein und sagen: Es gibt sowohl bei den Schülern als auch bei den Studierenden interne Mobilisierungsprobleme. Die Formen der Basismobilisierung - das klappt unzureichend. Dass man zum Beispiel Professoren bittet, in ihren Lehrveranstaltungen eine halbe Stunde lang über den Streik zu reden, das wird zu selten gemacht, obwohl sicherlich die Hälfte der Hochschullehrer sehr kritisch zu den Bachelor/Master-Programmen steht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Grottian: Es gibt sicherlich auch eine Angst vor der Niederlage. Dass die Kommilitonen sagen: Geht doch raus, wir machen mit dem Stoff weiter. Die Forderungen in diesem Streik sind ja sehr weitgehend, das ist sehr positiv, aber die Durchschnittsstudierenden haben doch häufig eine sehr pragmatische Lebensperspektive. Deshalb ist es schwer, sie zu gewinnen. Das hängt damit zusammen, dass die Studierenden und die Schüler so eingezwängt sind in ihre Leistungssysteme. In ihrem täglichen Überlebenskampf haben sie den Kopf nicht mehr frei und sagen vielleicht: So ein Streik ist ja nett, aber ich muss jetzt dringend für die nächste Klausur lernen. Viele können sich gar nicht vorstellen, dass Lernen und Bildung anders sein könnten, da fehlt jede Imagination und Utopie.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen die Streikenden denn diese Imagination wecken?

Grottian: Bei den Vorbereitungen gab es viele Diskussionen über die richtigen Protestformen. Eher normale Formen wie eine Demonstration oder auch Akte des zivilen Ungehorsams? Nun wird es beides geben, neben den Demonstrationen etwa einen fiktiven Banküberfall. Die Überzeugung wurde immer wieder vorgetragen, auch von den Schülern: Ein lieber Streik darf es nicht sein. Gerade beim Streik am Freitag kommt es darauf an, dass die Studierenden einen Konflikt mit der Kultusministerkonferenz auch austragen. Wenn die Kultusminister das von den Studierenden geforderte zweistündige Gespräch ablehnen, könnte es zu einer Umzingelungsaktion kommen. Ein bisschen Zunder muss eben schon sein.

Das Interview führte Markus Verbeet

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Der falsche Interviewpartner
euphorieautomat 11.06.2009
Bei allem Respekt für Herrn Grotian und aller Freude darüber, dass auch ältere Semester wie er den Streik unterstützen - wäre es nicht viel interessanter und aufschlussreicher einen der Streikorganisatoren zu interviewen? Hoffe das wird noch nachgeholt... http://www.bildungsstreik2009.de/
2. Keine Zeit zum streiken
neon.apocalypse, 11.06.2009
Habe die Entstehung, bzw. die Planung dieses Streiks aus der Entfernung verfolgt, studiere selbst an der FU. Nun ist es aber zum Einen die Symbolik und Rhetorik der bekannten Anfifa-Organisationen auf Plakaten und Spukis, die mich ein wenig misstrauisch werden lässt (Rote Fahnen, inflationäre Verwendung des Imperativs, bzw. Gebrauch des Ausrufezeichens, Schriftart), ob es sich hier um einen Streik oder eine Werbeplattform für diverse Linksaußenorganisationen handelt - zum Anderen kann ich mir als Bachelor Student einen Streik rein zeitlich nun wirklich nicht erlauben. Die Logik dieses Streiks mag sich mir nicht wirklich erschließen. Natürlich ist es hart. Ich kenne es aber nicht anders, merke es immer nur an den bemitleidenden Kommentaren ehemaliger Studenten, die noch Magister studiert haben, daß wir es so schwer hätten. Jedoch würde niemand auf die Idee kommen, mit einem Hungerstreik auf seine Unterernährung aufmerksam zu machen. Es tut mir wirklich leid, ich habe keine Zeit zum Demonstrieren, gerade jetzt wo die Klausuren zum Semesterende immer näher rücken!
3. Bildungsstreik
obeli 11.06.2009
Die Studenten von heute hetzen von Klausur zu Klausur und dneken nur an ihre spätere (Wunsch-)karriere. Die Studentenschaft, die sog. Elite ist ruhig geworden, zu ruhig und sehr gehorsam, sehr unkritisch. Das ist gefährlich. Demokratie lebt von Streit und nicht Jasagen. Erst dann wenn die künftige Elite merkt, dass sie keine Chance auf Karriere hat, wird sich das vielleicht ändern.
4. das Thema einmal anders behandeln
Iggy Rock, 11.06.2009
Ich frage mich immer, wer in der Wirtschaft jene Roboter haben will, die brav und schnell durchs Studium geflogen sind ohne ihre Grundlagen auszubauen oder schlimmer: überhaupt zu entdecken. Leute die keine Hoch- und Tiefs im Leben hatten, nicht mit Schwierigkeiten umgehen können, bei einem kurzen Scheitern im Job wahrscheinlich sofort aus allen Wolken fallen. Jene braven Klausurpauker kenne ich noch vom Gymnasium, keiner von denen hielt länger wie ein Semester an einer normalen Uni durch, für die war die FH die Rettung, für manche war die damals der Horror schlechthin, wurde man doch gezielt in Schulzeiten zurückkatapultiert, statt auf schon Vorhandenem aufzubauen. Diejenigen mögen die Bolognareform begrüßen, die schon in der Schule brav den Lehrplan in den Kopf brachten ohne jemals der Lehrkraft zu widersprechen. Erschreckend an dem Artikel ist allerdings genau die Negation, die sich durch alle Köpfe dieser jungen Generation zieht: Keinen neuen Rudi Dutschke, Mobilisierungsprobleme, Egoismus der Angepassten, bloß nicht auffallen, könnte später schließlich der Karriere schaden. Es ist ein Hauptproblem, dass sich die Leistungs- und "Rendite über alles"-Gesellschaft bis in die Jugend durchgesetzt hat. Eine Jugend die nicht aufbegehrt, bringt eine Gesellschaft nicht weiter, gerade jener Konflikt zwischen Alt und Jung, der heute schon bevor er losgehen könnte derart ins Negative geredet wird, ist jedoch notwendig, gehört zu unserer Natur. Mit was fällt die heutige Jugend, nicht nur die Studentenschaft, auf? Komasaufen und Killerspiele statt Vordenkertum, das ist ein Armutszeugnis, eine Kapitulation vor der Realität, wenn auch eine ziemlich bequeme.
5. Bildungsstreik?
AberHallo 11.06.2009
Zitat von sysopFür nächste Woche planen Studenten und Schüler einen großen Bildungsstreik. Auch ein streit- und streikerfahrener Professor aus Berlin mischt mit: Politologe Peter Grottian, 67. Im Interview erklärt der altlinke Aktivist, warum ein bisschen Zunder schon sein muss. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,629811,00.html
Wozu brauchen wir einen Bildungsstreik? Der wird als Bologna-Prozess doch schon institutionell betrieben. Die Universität - früher ein Ort, an dem neues Wissen entstand und Menschen ausgebildet wurden, wie man neues Wissen generieren kann - ist heute zur verlängerten Werkbank der Industrie degradiert worden. Die ökonomisierung der Universitäten durch Neues Steuerungsmodel (NSM), Benchmarking (Drittmitteleinwerbung) und anwendungsorientierte Forschung führt in die geistige und technologische Stagnation. Da wird kein neues Wissen mehr generiert, sondern nur noch zusätzliche Anwendungen für schon bekanntes Wissen (ursprünglich Aufgabe der Industrie). Statt Akademiker auszubilden, die in der Lage sind das Grundlagenwissen der Menschheit zu erweitern, werden anakadmisierte Fachtechniker ausgebildet, die möglichst nahtlos in die bestehenden industriellen Strukturen passen sollen (Employability). Was aber, wenn die bestehenden industriellen Strukturen nicht mehr passen? Was aber, wenn neue Probleme sich mit neuen Anwendungen des alten Wissens nicht lösen lassen? Was aber, wenn andere Länder diesen Fehler nicht machen? *Deutschland ist gerade dabei die Grundlagen seines Wohlstandes und seiner sozialen Sicherheit abzuschaffen.*
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