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Erst Musikerin, dann Medizinstudentin: "Zwischen Traum und Albtraum fast zersprungen"

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Erst Musikerin, dann Ärztin: Mit Mitte 40 noch mal Medizin studieren Fotos
SPIEGEL ONLINE

Vor 20 Jahren brach Birgit Fischer ihr Medizinstudium für eine Karriere als Popsängerin ab. Nach einem Plattenvertrag und zig Konzerten ist die 46-Jährige nun zurück an der Uni. Sie will doch noch Ärztin werden.

Es ist auch Tante Ingeborg zu verdanken, dass Birgit Fischer nun wieder über Medizinbüchern büffelt. Tante Ingeborg war schizophren. Beim Abendessen saß sie abwesend vor ihren Tabletten oder lachte leise vor sich hin.

Manchmal bewarf Tante Ingeborg vorbeifahrende Autos mit Orangen. Einmal riss sie den Wasserschlauch aus der laufenden Waschmaschine. Dann herrschte wieder eine Weile Frieden. "Ihre Krankheit war gespenstisch, aber auch vertraut", sagt Birgit Fischer. "Ich hatte nie Angst vor ihr. Ich wusste, mir passiert nichts."

Tante Ingeborg lebt nicht mehr. Sie hat sich das Leben genommen. Da war Birgit Fischer schon erwachsen. Aus ihren Kindheitsjahren mit Tante Ingeborg ist ihr eine große Neugier darauf geblieben, wie Seele und Körper funktionieren. Birgit Fischer hat der Tante posthum sogar ein Lied geschrieben, das Sie hier anhören können:

Heute ist Birgit Fischer 46 Jahre alt. Sie studiert Medizin an der Universität Hamburg. Wieder. Sie hatte es mal bis zum Physikum geschafft, das war Anfang der Neunzigerjahre. Direkt nach ihrem Abitur war sie an die Uni gegangen.

Doch da war noch eine andere Liebe in ihrem Leben: die Musik. "Ich habe mir als Kind immer beides gewünscht: einen Arztkoffer und ein Mikrofon", sagt sie. Nach dem Physikum entschied sie: Jetzt ist die Musik dran. Ein Jahr Auszeit als Sängerin, bis zum Plattenvertrag und zur eigenen CD. So war der Plan. Ihre Familie war dagegen.

"Ausgebrannt vom jahrelangen Knapsen"

"Ich war naiv", sagt Birgit Fischer mit ihrer mädchenhaften Stimme und fährt sich durch die langen blonden Haare. Sie sitzt in ihrer kleinen Hamburger Maisonette-Wohnung. Die Möbel sind weiß, die Gardinen, Teppiche, Kissen lilafarben. Auf dem Tisch steht ein weißer Engel, der einen Luftkuss haucht. "Bis zum Plattenvertrag dauerte es sieben Jahre."

Ihre Band hieß Motorsheep, sie machten Pop und Rock. Der Durchbruch kam erst, nachdem sie 1997 den John Lennon Talent Award gewonnen hatten. Endlich folgte der ersehnte Vertrag. Birgit Fischer sang, schrieb Songs, tourte, netzwerkte, promotete die Band, kellnerte nebenbei. Doch das Geld reichte trotzdem nicht. "Die Situation war so sehr zwischen Traum und Albtraum, dass ich dachte, ich zerspringe."

Die Single "Little Dancer" von Motorsheep erschien 1998:

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Die Band löste sich 2001 auf. "Ich war ausgebrannt vom jahrelangen Knapsen", sagt Birgit Fischer. Sie sang nun oft für die Werbung. In mehr als 300 Werbespots für Marken wie Dr. Oetker, Telekom, Nivea und Smart erklingt ihre Stimme. Manchmal trat sie auch auf Privatfeiern auf oder gab Gesangsstunden.

Es ging ihr gut. Es hätte so weitergehen können. Aber da nagte noch etwas an ihr. "Ich habe zehn Jahre lang gedacht: Du bist doch schon zu alt dafür, um Medizin zu studieren", sagt Fischer. Galten ihre Scheine überhaupt noch?

Sie galten noch. Medizinerfreunde von früher ermutigten sie, mit dem Studium weiterzumachen. Auf dem Land herrsche doch Ärztemangel, sie fände bestimmt einen Job. 2014 bekam sie einen Studienplatz - auch dank all der Wartesemester, die sie seit dem Physikum angesammelt hatte.

Doch es fiel ihr nicht leicht, wieder in den Uni-Alltag hineinzufinden:

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Im vergangenen Trimester hatte sie einen klinischen Block Innere Medizin/Onkologie. Sie studierte 70 Stunden in der Woche. "Das Studium verlangt mir viel ab", sagt Fischer. Sie lernt nicht mehr so schnell wie damals, muss mehr nachschauen als ihre jüngeren Kommilitonen. Von der ersten Woche an paukte sie nebenbei für die Prüfungen.

Doch Birgit Fischer hat aus ihrer Zeit als Musikerin ein paar wichtige Dinge mitgenommen: Sie kann sich selbst organisieren. Und sie weiß, wie man das Lampenfieber und die Prüfungsangst beherrscht. "Ich besinne mich auf meinen Körper", sagt sie. "Und ich stelle mir eine positive Zukunft vor." Auch das Singen tue ihr gut. "Es macht mich froh und leicht, und das Denken funktioniert danach besser."

Ihre Kommilitonen stutzen manchmal ob ihres Alters, sagt Fischer. Doch nur im ersten Moment, dann sei alles ganz schnell normal, sagt sie. "Auch weil ich nicht die einzige bin, die mit 40 plus noch mal zurück an die Uni gegangen ist."

Manche Dozenten trauen Birgit Fischer in der Klinik zu viel zu. Dann muss sie Sätze wie diesen sagen: "Vielen Dank für das Vertrauen, aber ich habe noch nie einen Zugang gelegt."

Wenn alles gut läuft, hat Birgit Fischer mit 54 Jahren ihren Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie möchte eine eigene Praxis eröffnen und Menschen helfen, auch mit den heilenden Kräften der Musik. Dann hätte sich ein Lebenstraum erfüllt. Es wäre schon der zweite.

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1. Korrektur Facharzt für Seelenheilkunde ist der Psychiater
Lampenluft 16.11.2015
Der Facharzt der Seelenheilkunde ist der Psychiater. Der Facharzt heißt Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Ein Psychologe ist kein Arzt und behandelt auch keine Patienten. Ein Psychologe kann sich jedoch zum Psychotherapeuten weiterbilden lassen und dann auch Patienten behandeln. Es kann aber nur ein Arzt krank schreiben, in ein Krankenhaus einweisen und Medikamente verschreiben. Das können Psychologen und psychologische Psychotherapeuten nicht, diese haben keinen einzigen Tag Medikamentenwirkungen studiert. Psychologen beschäftigen sich viel mit Statistik. Der Psychiater ist der Facharzt für die Seele.
2. Glückwunsch
heisenberg18, 16.11.2015
Das ist ein schöner Bericht über einen schönen Lebenslauf. Der geradlinige Weg zu sich selbst, sieht von außen betrachtet selten gerade aus. Meine Tochter, im beginnenden Abiturstress, möchte mit Theater und mit Medizin zu schaffen haben. Gut, wenn sie sich entscheiden könnte, wenn nicht, ist dieser Bericht eine große Ermunterung zu sich selbst. Dankeschön.
3. Der Facharzt muss heißen:
Didoxion 16.11.2015
Psychiatrie und Psychotherapie. Ein Psychologe ist kein Arzt. Ich empfehle, den Unterschied einmal gründlich zu recherchieren.
4.
neurologe 16.11.2015
Es gibt keinen "Facharzt für Psychologie und Psychotherapie". Psychologie ist ein eigenes Studium, darauf aufbauend kann man u.a. Psychologischer Psychotherapeut werden. Sie meinen vermutlich den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Vielleicht auch den für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Das Ganze ist für Laien etwas komplex ;-)
5. eigentlich sehr merkwürdig!
Spiegelleserin57 16.11.2015
mit 46 ist der Zug für eine Karriere als Mediziner abgefahren. In diesem Alter ist man längst Professor und oder Chefarzt. Zur eigenen Fortbildung mag dies noch interessant sein aber für den Markt leider viel viel zu spät. in der heutigen Zeit werden junge Leute im Alter von Mitte dreißig bereits zum Professor ernannt und mindestens in der Position eines Oberarztes bzw. Chefarztes.
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