Die Mörder müssen stundenlang geschrubbt haben, um die Spuren zu beseitigen. Und doch waren sie nicht gründlich genug. Filmaufnahmen der Polizei vom Tag nach der Tat zeigen das Badezimmer, es ist Blut auf dem Wasserhahn, und auf dem hellblauen Duschvorleger zeichnet sich ein braunroter Fußabdruck ab (von Guede). Das Video kursiert auf YouTube.
In einer ersten, intensiven und zermürbenden Vernehmung gab Amanda Knox zu, am Tatort gewesen zu sein. Sie habe sich in der Küche die Ohren zugehalten, um die Schreie nicht hören zu müssen. Ihr Chef, Patrick L., sei währenddessen in Merediths Schlafzimmer gewesen.
Aber kurz nach der Vernehmung notierte sie: "Vor meinen Augen sah ich Patrick in verschwommenen Bildern. Ich sah ihn in der Nähe des Basketballplatzes. Ich sah ihn an meiner Haustür. Ich sah mich in der Küche, die Ohren zuhaltend, weil ich in meinem Kopf Meredith schreien hörte. Aber ich habe immer wieder gesagt und möchte dies deutlich machen: Dies alles erscheint mir unwirklich, wie ein Traum, und ich bin nicht sicher, ob das wirklich Dinge sind, die passiert sind, oder nur Träume, die in meinem Kopf entstanden sind " Alles nur ein Traum also.
Das Internetnetzwerk Friends of Amanda erzählt von der Musterschülerin Amanda, einem "gutherzigen, freundlichen und fröhlichen Menschen", einer Westküsten-Candide, von Jesuiten erzogen, mit Baby auf dem Arm, vor ihrem Hund Ralphy kniend, ihn kosend. Es wird betont: "Amanda und Raffaele haben weder die geringste Tendenz zu Gewalt oder sexueller Aggression gezeigt, noch sind sie jemals an Gruppensex beteiligt gewesen."
Natürlich nicht. Und auch Raffaele sieht unschuldig aus. Wie Daniel Radcliffe im letzten "Harry Potter".
Wie wirkt das Engelsgesicht auf die Jury?
Die Anklagevertreter fürchteten die Strahlkraft dieser Engelsgesichter. So griff Staatsanwalt Giuliano Mignini zu einem - in deutschen Gerichtssälen undenkbaren - Trick, um die Gesichter verschwinden zu lassen. Mignini gab einen aufwendig gepixelten Film in Auftrag, in dem Avatare von Amanda, Rudy und Raffaele den Mord verüben. Ihre Gesichter waren nur so weit wie nötig zu erkennen, aber sie wirkten, logischerweise, kalt und unmenschlich. Der Film sollte die Handlung in die Köpfe der Jury bringen, ohne Umweg über die Gesichter. Der Staatsanwalt zögerte nicht einmal, Sätze zu formulieren, die Amanda gegenüber ihrem Opfer Meredith gesagt haben soll, in erster und zweiter Person Singular.
Es ist nicht zu sagen, ob und in welchem Maß der Trickfilm das Gericht beeinflusst hat. Die Überlegung der Ankläger jedenfalls war konsequent: Die Geschworenen sollten sich vom Zauber des Gesichts lösen und allein die vor- oder auch nachgespielte Handlung beurteilen. Das taten sie. Und gaben Mignini in allen Punkten recht.
Amandas Heimatstadt Seattle hat das Perugia-Projekt gestoppt: Ein Park sollte nach dem Uni-Städtchen benannt werden. Das italienische Justizsystem sei antiamerikanisch, hieß es. Aber die US-Botschaft hatte einen ständigen Beobachter im Gerichtssaal und an der Prozessführung nichts zu beanstanden.
Warum hat keiner der beiden eine schlüssige Erklärung, wie und wo er die Nacht verbracht hat? Warum gab es keine Antworten auf die Frage, weshalb Raffaeles PC, sein Alibi, zur Tatzeit inaktiv war?
Wie kann Amanda die zerbrochenen Scheiben nicht gesehen haben, noch dazu, wo die Haustür offen stand? Wieso ging sie erst einmal duschen und frühstücken, wo ihr doch alles merkwürdig vorgekommen sein wollte?
Warum hat Amanda keine andere Erklärung für ihre ersten Aussagen als jene, es habe sich um "Träume" gehandelt? Das Schweigen der beiden ist umso unverständlicher, als ihnen klar sein musste, dass sie ohne Erklärungen lebenslänglich im Gefängnis verschwinden würden.
Wie redet jemand, den lebenslänglich erwartet? Wie spricht eine Unschuldige, wenn sie, nachdem die Anwälte und Ankläger alle Plädoyers gehalten haben, eine letzte, eine allerletzte Gelegenheit bekommt zu reden?
Das letzte Wort von Amanda Knox lässt sich auch auf YouTube abrufen. Sie spricht konzentriert und auf Italienisch, es klingt zu Beginn wie die erste Anfrage einer Jungparlamentarierin. Erst später ist Amandas Stimme anzumerken, dass sie an der kurzen Leine gehalten werden muss.
Aber ist das der Auftritt eines Mädchens, das unschuldig vor Gericht steht? Und gewärtigen muss, erst als alte Frau wieder in Freiheit durch die Straßen zu laufen?
Eine düstere, abgründige Geschichte. Wer Trost braucht, dem kann mitgeteilt werden, dass der Informatikstudent Raffaele im Gefängnis sein Ingenieursexamen bestanden hat und die Sprachstudentin Amanda Knox inzwischen fließend Italienisch spricht.
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