Hetze gegen Widerstandskämpfer: Staatsanwalt ermittelt gegen Burschenschafter

Der Eklat in der Deutschen Burschenschaft beschäftigt die Strafverfolger: Weil ein hoher Funktionär den Nazi-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer öffentlich als "Landesverräter" bezeichnet hat, ermittelt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Staatsanwaltschaft Bonn.

Deutsche Burschenschaft: Bonhoeffer-Hetze interessiert auch die Staatsanwaltschaft Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Deutsche Burschenschaft: Bonhoeffer-Hetze interessiert auch die Staatsanwaltschaft

Zwei Jahre Haft oder eine Geldstrafe, das sieht das Strafgesetzbuch für die "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" vor. Wegen dieses Verdachts ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn nach Informationen von SPIEGEL ONLINE jetzt gegen einen ranghohen Burschenschafter, der den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, Dietrich Bonhoeffer, als "Landesverräter" bezeichnet hatte.

In ähnlichen Fällen hatten Richter bereits Geld- und auch Haftstrafen verhängt, wenn Widerstandskämpfer als "Landesverräter" bezeichnet wurden. Erst vor knapp drei Jahren musste ein CDU-Mitglied zahlen, weil er Bonhoeffer einen "ganz gewöhnlichen Landesverräter" genannt hatte.

Juristen verweisen in solchen Fällen oft auf ein wegweisendes Urteil, das bereits 60 Jahre zurückliegt. Damals verurteilte das Landgericht Braunschweig den rechtsextremen Ex-Wehrmachtsgeneral Otto Ernst Remer zu einer Haftstrafe, nachdem er die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 als "Landesverräter" tituliert hatte.

Damit beschäftigt der Eklat bei den Burschenschaften auch die Justiz. Politisch gab es bereits Konsequenzen: Der FDP-Kreisverband in Bonn, in der der Burschenschafter seit Jahren einfaches Parteimitglied ist, entschied, ein Ausschlussverfahren gegen ihn zu beantragen.

Was der Burschenschafter über den Nazi-Widerstandskämpfer schrieb

Die Vorgeschichte: Recherchen von SPIEGEL ONLINE hatten zutage gefördert, dass Norbert Weidner - so heißt der Burschenschafter - den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im KZ hingerichtet wurde, öffentlich als "Landesverräter" bezeichnet hatte - und zwar in einem Leserbrief an die Mitgliedszeitung der "Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn".

Weidner verteidigte darin zudem die Hinrichtung Bonhoeffers: "Rein juristisch halte ich die Verurteilung für gerechtfertigt." Er schreibt über eine Verurteilung, die so zustande kam: Ein nicht zuständiges SS-Standgericht hatte Bonhoeffer in den Tod geschickt, ohne Verteidigung, ohne schriftliche Aufzeichnung, mit dem KZ-Kommandanten als Beisitzer. Bonhoeffer starb kurz vor Kriegsende, einen Tag nach dem Urteil, durch den Strang.

Die Burschenschaft, in der Weidner Mitglied ist, hatte bereits im vergangen Jahr beim "Ariernachweis"-Streit im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) eine führende Rolle gespielt. Entzündet hatte sich die Auseinandersetzung damals an einem chinesischstämmigen Burschenschafter: Einigen Verbandsbrüdern war er nicht deutsch genug.

Die Ermittlungen dürften den Streit im Dachverband erneut anheizen. Bald steht wieder der Burschentag an, das wichtigste Treffen der Deutschen Burschenschaft, zu dem Vertreter aller Mitgliedsbünde nach Eisenach kommen. Wieder sieht es so aus, als würden Rechtsextreme das öffentliche Bild prägen - und die Justiz beschäftigen.

fdi/otr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
TheZioWolf 19.04.2012
Zitat von sysopDer Eklat in der Deutschen Burschenschaft beschäftigt die Strafverfolger: Weil ein hoher Funktionär den Nazi-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer öffentlich als "Landesverräter" bezeichnet hat, ermittelt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Staatsanwaltschaft Bonn. Hetze gegen Nazi-Widerstandskämpfer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828600,00.html)
Das überrascht mich, dass diese Urteile existieren, denn Landesverrat ist eben eine Seite dieser Medallie. Das wir der anderen weit mehr Wert und Bedeutung zumessen ist wohl begründet, löscht aber eben nicht automatisch andere Beurteilungen...
2.
Urban Spaceman 20.04.2012
Zitat von TheZioWolfDas überrascht mich, dass diese Urteile existieren, denn Landesverrat ist eben eine Seite dieser Medallie. Das wir der anderen weit mehr Wert und Bedeutung zumessen ist wohl begründet, löscht aber eben nicht automatisch andere Beurteilungen...
Für Leute, die das Naziregime während seiner Herrschaft mit Deutschland gleich sezten, mag der Vorwurf "Landesverrat" zutreffen. Diese Leute und deren Argumentation kann man sehr wohl automatisch beurteilen. Gegenüber einem verbrecherischen und diktatorischen Regime gibt es keine Loyalitätspflicht des Bürgers. Wenn Sie mal im Grundgesetz Art. 20 Abs. 4 nachschauen, können Sie sehen, dass diese Sicht dort klar verankert ist ("Widerstandsrecht"). Nur Heuchler, Rechtsextreme und ewig Gestrige können Widerstandskämpfern im 3. Reich entgegen halten, dass formaljuristisch die Lage zwischen 1933 und 1945 eine andere war. Das Land verraten haben diejenigen, die das demokratische System abgeschafft haben und für den Holcaust und die vielen anderen Verbrechen verantwortlich waren. Die Widerstandskämpfer haben leider vergeblich versucht einen Rest der Reputation Deutschlands zu retten und die spätere im Grundgesetz geltende Regelung vorweg genommen. Sie sind dabei einem Rechtsempfinden gefolgt, das auch gar nicht geltende Paragraphen beachten musste. Wer deren Andenken verunglimpft, verdient nur Abscheu.
3.
waelder 20.04.2012
Aus meiner sicht haben alle, die sich auf die Seite der Nazis stellten und deren Handeln entweder aktiv unterstützten oder passiv duldeten, Landesverrat begangen. Der Schaden, den Deutschland an Menschen, materiellen und kulturellen Werten erlitten hat, war eindeutig ein Verrat an Deutschland
4. Immer noch kein normales Land
Maynemeinung 20.04.2012
Zitat von sysopDer Eklat in der Deutschen Burschenschaft beschäftigt die Strafverfolger: Weil ein hoher Funktionär den Nazi-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer öffentlich als "Landesverräter" bezeichnet hat, ermittelt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE die Staatsanwaltschaft Bonn. Hetze gegen Nazi-Widerstandskämpfer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828600,00.html)
Was mich an dieser ganzen Burschenschafter-Brut ja immer noch am meisten verblüfft, ist, dass diese Leute ja trotz ihrer offensichtlichen intellektuellen Zurückgebliebenheit an Universitäten eingeschrieben sind und es dort auch zu irgend einer Art von Abschluss bringen. Im Grunde, so mag man schlussfolgern, dienen diese Burschenschaften eh nur dazu, geistig Minderbemittelten aus gutem Hause durch entsprechende Drähte auch ohne akademische Befähigung den Weg in eine Karriere zu vermitteln. Aber so unerträglich das Gesagte, dieses Schnösels auch ist, so sehr nervt, dass wir hierzulande derartige Fragen meinen in erster Linie über das Strafrecht klären zu können. Wir sind immer noch kein normales Land, wenn wir meinen abseitige Meinungen kriminalisieren zu müssen. Kann man nicht einfach mal darauf vertrauen, dass diese Gesellschaft gefestigt genug ist, um selbst das Gebrabbel von Burschenschaftern zu ertragen? Seine Bemerkung verdient profunde Verachtung; eine strafrechtliche Verurteilung braucht es nicht.
5. Plagiat
jolip 20.04.2012
Zitat von MaynemeinungWas mich an dieser ganzen Burschenschafter-Brut ja immer noch am meisten verblüfft, ist, dass diese Leute ja trotz ihrer offensichtlichen intellektuellen Zurückgebliebenheit an Universitäten eingeschrieben sind und es dort auch zu irgend einer .....
Zitat Manfred Kanther (aus dem Gedächtnis) "Ziel der Burschenschaften ist es auch, national gesinnte Menschen in entsprechende Führungspositionen zu bringen."
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Studentenverbindungen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 26 Kommentare
Fotostrecke
Deutsche Burschenschaft: Dachverband droht die Spaltung

Fotostrecke
Burschen-Leaks: Deutsche Burschenschaft am Abgrund
Begriffe
Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.

Fotostrecke
Berühmte Burschen: Exklusive Verbindungen
Fotostrecke
Burschentag in Eisenach: Ehre, Freiheit, Vaterland, Rassismus

Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft
Wie Rechtsextreme das Ruder übernahmen
Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.
Fotostrecke
Langhans trifft auf Burschenschaft: "Mir kommen die schräg vor"