Britische Studenten: Nazi-Trinkspiel empört Elite-Uni 

Von , London

Wer einen Joker zog, musste "Mein Führer" brüllen: Bei einem Nazi-Trinkspiel im Skiurlaub haben britische Studenten der London School of Economics einen jüdischen Kommilitonen beschimpft und ihm die Nase gebrochen. Studentenvertreter und Uni-Leitung kündigen Konsequenzen an.

Skandal an britischer Uni: Studenten brüllten "Mein Führer" Fotos
The Beaver

Britische Studenten sind für ihre Alkoholexzesse berühmt. Auch geschmacklose Witze über das "Dritte Reich" kommen in der Gesellschaft immer mal wieder vor. Unvergessen ist der Auftritt von Prinz Harry in Nazi-Uniform. Was einige Studenten der London School of Economics (LSE) sich nun im Skiurlaub geleistet haben, lässt Studentenvertreter und Uni-Leitung jedoch ratlos zurück.

Der Mangel an Bildung sei schockierend, sagt Jay Stoll, Präsident der Vereinigung jüdischer Studenten an der renommierten Londoner Hochschule. Der 20-Jährige studiert internationale Beziehungen und hätte offensichtlich mehr von seinen Kommilitonen erwartet. Die Uni-Leitung spricht von "verstörenden Vorwürfen", die nun untersucht würden.

Zehn Bachelor-Studenten der LSE hatten Mitte Dezember bei einem von Studentenvertretern organisierten Skiurlaub im französischen Val d'Isère eine Variation des beliebten Trinkspiels "Ring of Fire" gespielt. Dabei werden Spielkarten in einem Kreis auf den Tisch gelegt und reihum gezogen. Jeder Karte ist ein Alkoholmenge zugeordnet: Wer etwa eine Drei zieht, muss drei Shots Alkohol trinken.

Wer einen Joker zog, musste "Mein Führer" brüllen

Die LSE-Studenten hatten die Regeln jedoch abgewandelt - und das sorgt nun in der Universität für große Aufregung. Bei ihrem "Nazi Ring of Fire" wurden die Karten nicht im Kreis, sondern in Hakenkreuzform auf den Tisch gelegt. Wer einen Joker zog, musste aufstehen, den Arm zum Hitlergruß hochreißen und "Mein Führer" brüllen. Wer eine Sieben zog, löste den "Blitzkrieg" aus: Jeder in der Runde musste ein Glas hinunterschütten.

Unter den Mitspielern war auch ein jüdischer Student. Er trank mit, winkte allerdings ab, wenn er eine der Nazi-Regeln befolgen sollte, und kritisierte das Spiel als anstößig und beleidigend. Mit fortschreitendem Alkoholgenuss lösten sich die Zungen und der jüdische Mitspieler wurde mit Schimpfworten und antisemitischen Witzen bedacht. Er wehrte sich, schließlich kam es zu einer Schlägerei, bei der dem jüdischen Studenten die Nase gebrochen wurde.

Wegen der Weihnachtsferien dauerte es, bis der Skandal öffentlich wurde. Am Montag vor einer Woche kamen mehrere Reiseteilnehmer zu Jay Stoll von der Vereinigung jüdischer Studenten und erzählten, wie sich die Sache zugetragen hatte. Mehrere Teilnehmer hatten demnach Fotos und Videos von der Nacht auf Facebook gepostet. Sie wurden von anderen Nutzern mit der auf Facebook gebotenen Schlagfertigkeit kommentiert und mit dem "Gefällt mir"-Daumen versehen. "Niemand sah irgendein Problem darin", sagt Stoll. "Es wurde ohne jede Scham darüber geredet. Das ist es, was mich am meisten aufregt." Er will keine Beispiele liefern, um die Debatte nicht noch anzuheizen. Er sei aber überrascht gewesen, wie gedankenlos so mancher Kommilitone sei.

Aufklärung und "null Toleranz"

Stoll sprach mit dem Opfer und weihte die Vorsitzende der LSE-Studentenvertretung, Alex Peters-Day, ein. Diese alarmierte die Uni-Leitung. Am Wochenende erschien in der Studentenzeitung "The Beaver" ein Bericht mitsamt Fotos und offiziellen Statements, in denen Hochschule und Studentenvertreter Aufklärung und "null Toleranz" ankündigen. "Wir wollten offensiv damit umgehen", sagt Peters-Day. Am Montag sprangen die britischen Tageszeitungen auf die Geschichte an.

Inzwischen haben die Teilnehmer sämtliche Fotos und Videos auf Facebook gelöscht, doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. "Wir sind uns einig, dass die beteiligten Studenten diszipliniert werden müssen", sagt Peters-Day. Man arbeite nun daran, den Vorgang aufzuklären. Das könne noch einige Tage dauern.

Die Identität der Beteiligten geben Stoll und Peters-Day nicht preis. Auch das Opfer will anonym bleiben. Der 20-Jährige sagte der Zeitung "The Guardian": "Ich habe solche Spiele schon vorher gesehen. Es war nicht das Spiel, das mich so gestört hat, sondern die antisemitischen Sprüche, die es begleitet haben."

In der kleinen jüdischen Gemeinschaft an der LSE habe das Nazi-Spiel für heftige Diskussionen gesorgt, sagt Stoll. Man könne es nicht einfach als harmlosen Spaß abtun. "Wenn gegen einen jüdischen Studenten Gewalt angewendet und die Nazi-Ideologie verherrlicht wird, dann ist das kein Witz."

Die Studenten-Sportvereinigung, die die Reise für 150 Teilnehmer organisiert hatte, sprach von einer kleinen Gruppe, die sich inakzeptabel verhalten habe. Auch Stoll sieht den Vorgang als einen Einzelfall. Er könne keinen Trend zum Antisemitismus an der LSE erkennen, sagt er. Die hundert Mitglieder seiner Vereinigung hätten keine Probleme im Campus-Alltag.

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