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Britischer Studentenaufstand: "Es fühlte sich an wie bei Thatcher"

Von , London

Flammen, zerbrochene Scheiben, eine besetzte Parteizentrale - die Bilder aus London erinnern an die achtziger Jahre. Die Studentenrandale war der erste gewalttätige Protest gegen den Sparkurs der Regierung Cameron. Doch künftig wird Scotland Yard aufpassen.

"Schande über diejenigen, die gekommen sind, um Ärger zu machen." Aaron Porter, der Vorsitzende der nationalen Studentenvereinigung NSU, war nicht angetan von dem Spektakel, über das die britischen Medien an diesem Mittwochnachmittag berichteten. Einige hundert Randalierer hatten sich beim Protest gegen die Sparpläne der Regierung vom großen Demonstrationszug Zehntausender Studenten abgespalten - und ein anderes Ziel ins Visier genommen hatten: die Parteizentrale der verhassten Tories.

Während die Masse friedlich Transparente hochhielt und Redner die "barbarischen Kürzungen" verurteilten - die drastischen Einschnitte in die Lehrbudgets und die Erhöhung der Studiengebühren -, war einer Minderheit nach mehr Action zumute. Zielstrebig strömten sie zum Hochhaus der regierenden Konservativen am Themseufer. Rund 200 enterten das Gebäude, einige besetzten das Dach. Fensterscheiben gingen zu Bruch. Vor dem Eingang wurde ein großes Feuer entzündet, die Mitarbeiter aus den Büros gebracht. Tausende Demonstranten schauten vor dem Gebäude interessiert zu und rangelten mit der Polizei.

"Es fühlt sich an wie in den 1980ern" - so kommentierte "Guardian"-Reporter Paul Lewis die Tumulte vor dem Tory-Turm. Damals hatte der Privatisierungskurs der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher zu gewaltsamen Protesten im ganzen Land geführt.

Die überrumpelte Londoner Polizei zeigte sich "tief enttäuscht" über die Ausschreitungen. Man habe sich auf eine "friedliche Demonstration" eingestellt, sagte eine Sprecherin von Scotland Yard. Stattdessen konnten die Randalierer ungehindert durch die Lobby des Millbank Towers marschieren und Rauchbomben schmeißen. Volle fünf Stunden hatte die Polizei damit zu tun, die Eindringlinge zu vertreiben und die Ansammlung aufzulösen.

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Studentenprotest: Krawall in London
"Wir besetzen das Dach der Tory-Zentrale, um zu zeigen, dass wir gegen die Tory-Politik sind, die die Armen angreift und den Reichen hilft", hieß es in einem Statement der Besetzer. "Dies ist nur der Anfang." Ein Student sagte: "Es ist wie bei Thatcher - erst die Kürzungen, dann die Unruhen."

Es waren die ersten gewalttätigen Proteste gegen den Sparkurs der liberalkonservativen Regierung von Premier David Cameron. Die Koalition regiert seit Mai und hat die Bekämpfung des Haushaltsdefizits zur nationalen Priorität erhoben. Der linke Traum von einem Volksaufstand gegen die Regierung ist jedoch illusorisch. Die Mehrheit der Briten unterstützt bislang den Sparkurs. Von französischen Verhältnissen ist die Insel weit entfernt, öffentliche Proteste und Streiks laufen in der Regel sehr geordnet ab. Gerade die Erhöhung der Studiengebühren ist kein Thema, das die Massen erzürnt. Viele Durchschnittsverdiener sehen darin einen gerechten Beitrag der künftigen Besserverdiener.

Lehrbudget durchschnittlich um vier Fünftel gekürzt

Selbst den offiziellen Studentenvertretern waren die Krawalle peinlich. Sie waren verärgert darüber, dass nun die Randalierer die Schlagzeilen bestimmten - und nicht die sachliche Kritik an den Studiengebühren.

Die Universitäten werden vom Londoner Spardiktat besonders hart getroffen. Das Lehrbudget wird durchschnittlich um vier Fünftel gekürzt. Zum Ausgleich sollen die Studiengebühren von derzeit rund 3000 Pfund auf bis zu 9000 Pfund für Bachelor-Studenten angehoben werden. Unter dem Strich sollen die Hochschulen nicht weniger Geld haben, sondern nur verstärkt privat finanziert sein - wie in den USA.

Die Regierung wird dem Druck daher auch nicht nachgeben. Sie sieht die Reform als notwendig an: Nur so, argumentiert Downing Street, sei die Finanzierung der Universitäten auf Dauer gesichert.

Der Zorn der Studenten richtet sich besonders gegen die Liberaldemokraten. Bevor diese Juniorpartner in der Regierung wurden, hatten sie die Abschaffung der Studiengebühren gefordert. Nun tragen sie den Regierungskurs mit - und werden als Verräter beschimpft. Vizepremierminister Nick Clegg und Wirtschaftsminister Vince Cable, der für die Hochschulen zuständig ist, haben vorsichtshalber bereits Auftritte vor der Studentenvertretung in Oxford abgesagt.

Weitere Massenproteste gegen den Sparkurs sind unvermeidlich - nicht nur von Studenten, sondern auch von Gewerkschaften und anderen sozialen Gruppen.

Die scheinbare Ohnmacht von Scotland Yard an diesem Mittwoch wird noch Debatten auslösen. Noch einmal werden die Polizeioberen solch einen Marsch nicht unterschätzen. Doch haben die jüngsten Streiks von U-Bahn-Mitarbeitern, Flugzeugpersonal und Feuerwehrleuten gezeigt, dass die Briten selbst beim Protestieren einen kühlen Kopf bewahren - von der Wut der achtziger Jahre sind sie derzeit weit entfernt.

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1. England ist nur mit 45 % BSP verschuldet
derweise 10.11.2010
England ist nur mit 45 % BSP verschuldet, statt wir (80 % BSP). Früher lachten wir über die Engländer. Das Lachen wird uns noch vergehen.
2. sowas
PeterPetroleum 10.11.2010
wer gewinne im übermass privatisiert und verluste sozialisiert, braucht sich über einen staat in schieflage nicht wundern. unser problem ist, das 1 eur jobber keine sozialabgaben leisten können und die werden immer mehr. auf der anderen seite werden die bangster sprich kapitalhalter immer skrupelloser. dekadent klopft ihnen die scheise aus dem schädel
3. bologna im argen
machorka-muff 10.11.2010
diese proteste sind nötig, auch bei uns! die privatisierung der universitäten ist im vollem gange. zugang zu bildung, zugang zu wissen allgemein soll kostenpflichtig werden, universitäten sollen wie wirtschaftsunternehmen geführt werden. diese ideologie treibt uns in den wahnsinn.
4. Proteste
goox 10.11.2010
Es waren Proteste, weil ein Versprechen nicht eingehalten wurde, und zwar die Studiengebühren nicht zu erhöhen.
5.
psypunk 10.11.2010
Zitat von derweiseEngland ist nur mit 45 % BSP verschuldet, statt wir (80 % BSP). Früher lachten wir über die Engländer. Das Lachen wird uns noch vergehen.
Ja, weil es bei uns ganz andere Typen sein werden, die "demonstrieren"...
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