Bücherklau in Unibibliothek: Bewährungsstrafe für dreistes Diebes-Duo

Über 20 Jahre Bücherschwund, und keiner hat's gemerkt: Ein Hausmeister der Universität Erlangen-Nürnberg hat Bücher im Wert von über 400.000 Euro gestohlen und an einen Sammler verkauft. Für den beispiellosen Raubzug erhielten beide jetzt Haftstrafen auf Bewährung.

Fast ein Vierteljahrhundert lang erfingerte er sich ein feines Nebeneinkommen - und schon die Anklageverlesung inklusive Aufzählung aller Buchtitel, die der Hausmeister gestohlen und an einen Kunsthändler verkauft hatte, geriet schier endlos: Im Prozess um den Diebstahl wertvoller Bücher aus der Unibibliothek hat das Amtsgericht Erlangen die beiden Angeklagten am Dienstag zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Uni Erlangen-Nürnberg: Geklaute Bücher bis nach Amerika und Japan verstreut
M. Erich / Uni Erlangen-Nürnberg

Uni Erlangen-Nürnberg: Geklaute Bücher bis nach Amerika und Japan verstreut

Der frühere Hausmeister hatte aus der Bibliothek der Universität Erlangen-Nürnberg seit 1985 teure Bücher im Wert von über 417.000 Euro entwendet; die exakte Schadenshöhe konnte laut Gericht nicht mehr ermittelt werden, da ein Teil der Straftaten bereits verjährt ist. Der Uni-Mitarbeiter erhielt eine Haftstrafe von 15 Monaten auf Bewährung. Außerdem muss er 50 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Ein Kunstsammler, der die rund 280 Bände teilweise über ein Auktionshaus weiterverkauft hatte, wurde wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und Betrugs zu eine zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt und muss zudem 100.000 Euro zahlen. Als Wiedergutmachung hatte er der Unibibliothek zuvor bereits über 500.000 Euro gezahlt. Richter Eberhard Oellrich betonte, den Angeklagten habe sein Geständnis und die Bereitschaft zur Wiedergutmachung des Schadens vor einer höheren Freiheitsstrafe bewahrt.

Mit den Strafmaßen entsprach das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft und der zwischen den Parteien getroffenen Absprache. Deshalb wollen alle Beteiligten auf Rechtsmittel verzichten.

Der heute 71-jährige Sammler wusste nach Auffassung des Gerichts, dass es sich um gestohlene Bücher handelte. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er den Hausmeister benutzt hatte, um an die teils antiquarischen Bücher zu gelangen. Der Verteidiger des Uni-Angestellten argumentierte, seinem Mandanten sei nicht klar gewesen, dass es sich bei der Beute um Raritäten aus den Bereichen Botanik, Zoologie, Geografie und Naturgeschichte gehandelt habe.

Dienstwohnung in der Bibliothek

Der Hausmeister, heute 68 Jahre alt, hatte in einer Dienstwohnung in der Bibliothek gewohnt und freien Zugang zu fast allen Bereichen. Er hatte ein Faible für teure und reich bebilderte Werke entwickelt. Unter anderem verschwanden wertvolle Papierschätze wie das "Kräuterbuch" aus dem Jahr 1543 oder eine "Geschichte der einheimischen Gewürze der Schweiz" von 1768.

Die Staatsanwältin griff die Angeklagten in ihrem Plädoyer scharf an: "Was der Universität dadurch an Wissensschatz verloren gegangen ist, lässt sich gar nicht ermessen", sagte Elke Orthmann in ihrem Plädoyer. Sie warf beiden Angeklagten eine große Gier nach Geld vor, die keine Grenze gekannt habe. Der frühere Hausmeister habe seine Treuepflicht in "dreister Weise missbraucht".

Einzelne Bände hatten laut Gericht mehr als 60.000 Euro eingebracht. Wie die Beweisaufnahme ergab, wurde der Hausmeister von 1985 an pro Lieferung mit Summen zwischen 10 und 5000 Euro entlohnt - und der Antiquitätenexperte erzielte beim Weiterverkauf ein Vielfaches davon. Wegen der fünfjährigen Verjährungsfrist konnten allerdings nur die seit 1999 begangenen Diebstähle verfolgt werden. Durch den Verkauf sind die Bücher bis nach Amerika und Japan verstreut.

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte der Hausmeister das Diebesgut ein- bis zweimal pro Monat dem Sammler verkauft. Sein Mandant sei nur der Diener des Hehlers gewesen, erklärte der Verteidiger. Wegen seines Vergehens verliert der ehemalige Beamte seine Pensionsansprüche und bekommt künftig nur noch die gesetzliche Mindestrente.

"Die Uni muss sich etwas einfallen lassen"

Erst als Mitarbeiter im Mai 2004 über den Verbleib eines 60.000 Euro teuren Kräuterbuchs rätselten, schöpfte die Bibliotheksleitung Verdacht und ordnete eine Revision an. Während des Prozesses wurde auch die Univeristät von Häme nicht verschont: Der Verteidiger des Hausmeisters bezeichnete es als "Hammer", dass die Taten zunächst unbemerkt geblieben waren, und fragte: "Wie kann es möglich sein, dass der Hausmeister über 20 Jahre wertvolle Bücher herausholt, und keiner merkt etwas?"

Der Verteidiger des wegen Hehlerei angeklagten Büchersammlers warf der Bibliothek vor, dass sie selbst nicht hätte sagen können, welche Bücher gefehlt hätten. Nur mit Hilfe einer Liste, auf welcher der Angeklagte sämtliche Werke verzeichnet hatte, konnten die Ermittler den Wert der Bücher bestimmen. Auch die Staatsanwältin rügte die "geringe Kontrollintensität", ohne die solche Diebstähle nicht über Jahre nicht möglich gewesen wären. Und der Richter mahnte: "Die Uni muss sich etwas einfallen lassen, wie sie da die Kontrolle verbessert."

In einem ähnlichen Verfahren wurde im Januar 2006 ein Bonner Professor ebenfalls zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Germanist hatte jahrelang wertvolle Bücher aus der Bonner Uni-Bibliothek gestohlen, sie bei Auktionen versilbern lassen und billige Platzhalter vom Flohmarkt besorgt. Im Prozess ging es lediglich um wenige alte Bücher im Wert von rund 18.000 Euro; die Bibliothek bezifferte den Gesamtschaden allerdings auf 250.000 Euro und nannte auf ihrer Vermisstenliste 105 antiquarische Werke, die aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammen.

wie/dpa/ddp

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