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Jungwissenschaftler in Deutschland: Wir sind mit der Gesamtsituation unzufrieden

Wissenschaftler: Ein neuer Bundesbericht erfasst Situation von jungen ForschernZur Großansicht
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Wissenschaftler: Ein neuer Bundesbericht erfasst Situation von jungen Forschern

Wie geht es deutschen Nachwuchsforschern? Das versucht ein neuer Bundesbericht zu ergründen. Das Ergebnis: eher mau. Das Bildungsministerium will trotzdem nicht unbedingt handeln. Denn schuld seien die Unis.

Chancengleichheit? Schwierig. Attraktivität? Geht so. Am Donnerstag hat das Bundesbildungsministerium den "Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs" in Berlin entgegengenommen. Die Autoren zeichnen darin ein eher düsteres Bild für junge Nachwuchswissenschaftler in Deutschland. (Bericht als PDF)

Denn: "Die Sorge um die Attraktivität des wissenschaftlichen Berufsweges wächst", heißt es in einer Zusammenfassung des 368 Seiten starken Berichts. Schließlich haben neun von zehn Wissenschaftlichen Mitarbeitern nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Das macht die Karriere schwer planbar. Auch bekommen die Forscher - im Vergleich zu anderen forschungsnahen Berufsfeldern - ein recht niedriges Gehalt.

Auch die Chancengerechtigkeit sehen die Autoren noch nicht verwirklicht: "Trotz zahlreicher Förderprogramme und messbarer Erfolge für Wissenschaftlerinnen sind immer noch deutliche Geschlechterdifferenzen im wissenschaftlichen Qualifizierungs- und Karriereverlauf zu erkennen", schreiben sie in dem Bericht. Verfasst hat den Bericht ein unabhängiges Gremium von Hochschulforschern, es ist nach 2008 der zweite seiner Art. So möchte die Bundesregierung einmal pro Legislaturperiode die Situation junger Nachwuchsforscher erfassen.

Weitere Befunde in Kürze:

  • Dem Bericht zufolge ist die im internationalen Vergleich hohe Zahl der Promotionen in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts stabil geblieben: Rund 26.000 Menschen erwarben im Jahr 2010 einen Doktortitel in Deutschland. Dabei ist der Anteil der promovierenden Frauen zwischen den Jahren 2000 und 2010 um gut ein Viertel auf insgesamt 44 Prozent gestiegen.
  • Verändert hat sich allerdings die Fächerstruktur: Während früher am häufigsten in Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften promoviert wurde, war es 2010 die Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaft.
  • Knapp jeder dritte Doktorand verbleibt nach der Promotion an den Hochschulen. Fast zwei Drittel der Doktoranden sind während der Promotion an Hochschulen beschäftigt und in größere Forschungsvorhaben eingebunden. Knapp ein Fünftel ist an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung oder bei einem anderen Arbeitgeber beschäftigt. Ein Viertel der Doktoranden bekommt ein Stipendium, vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Zwar hat Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im CDU-geführten Bildungsministerium, die hohe Zahl befristeter Arbeitsverträge sowie die schwer planbare Karriere in ihrem Statement als "große Herausforderung" erkannt. Und trotzdem sagt sie bei der Präsentation des Berichts: "Wir sehen keine Notwendigkeit, Gesetze zu ändern." Vielmehr nimmt sie die Hochschulen in die Pflicht: Sie wirft ihnen vor, zu selten den Befristungsrahmen von drei Jahren auszuschöpfen und Nachwuchswissenschaftler stattdessen nur für ein Jahr anzustellen.

Von der Opposition kam scharfe Kritik. "Die Beschäftigungsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs erweisen sich zunehmend als Achillesferse des deutschen Wissenschaftssystems", sagte Krista Sager, Wissenschaftssprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen. Sager forderte die Bundesregierung auf, sich einer rot-grünen Bundesratsinitiative zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetz anzuschließen. Dieses regelt seit 2007 Anstellungsverhältnisse in zeitlich befristeten Forschungsprojekten.

"Die Aussicht auf ein Dasein in beruflicher Unsicherheit vertreibt Hochqualifizierte aus unseren Universitäten", kritisierte Petra Sitte, die forschungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken. Sie forderte mehr unbefristete Stellen für Wissenschaftler neben den Professuren.

fln/AFP

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insgesamt 8 Beiträge
guentherprien 18.04.2013
wie läuft das ? Was an den Universitäten so alles möglich ist, haben wir ja in der vergangenen Woche gesehen an der HU bei dem früh-pubertären Verhalten der betroffenen Studenten und Studentinnen gegenüber dem deutschen [...]
wie läuft das ? Was an den Universitäten so alles möglich ist, haben wir ja in der vergangenen Woche gesehen an der HU bei dem früh-pubertären Verhalten der betroffenen Studenten und Studentinnen gegenüber dem deutschen Verteidigungsminister. Immer nur fordern und nicht geben, klappt wohl nicht so richtig..
TS_Alien 18.04.2013
Jeder dritte Doktorand bleibt an der Uni. Wirklich? So viele Stellen gibt es doch gar nicht. Oder zählt da auch ein mehrmonatiger Postdoc-Aufenthalt mit? Seitdem der akademische Mittelbau (z.B. die akademischen Oberräte) [...]
Jeder dritte Doktorand bleibt an der Uni. Wirklich? So viele Stellen gibt es doch gar nicht. Oder zählt da auch ein mehrmonatiger Postdoc-Aufenthalt mit? Seitdem der akademische Mittelbau (z.B. die akademischen Oberräte) abgewickelt worden ist, sind leider die Stellen neben einer Professur nicht mehr vorhanden. Dabei sind das richtig spannende Stellen gewesen. Schade.
Newspeak 18.04.2013
Deutschland sollte vor allem mehr junge Professuren schaffen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum man Mitte 30 bis Anfang 40 sein soll, um auf die erste Professur berufen zu werden. Wir haben in Deutschland eine relativ große [...]
Deutschland sollte vor allem mehr junge Professuren schaffen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum man Mitte 30 bis Anfang 40 sein soll, um auf die erste Professur berufen zu werden. Wir haben in Deutschland eine relativ große Gruppe etablierter und relativ bräsiger Professoren, die jungen Wissenschaftlern die Karrieren verbauen, weil es für sie viel bequemer ist, Nachwuchswissenschaftler in dauerhaften Abhängigkeitsverhältnissen zu halten, als diesen die Chance zu geben, auf eigenen Beinen zu stehen und wirklich selbständig zu forschen. Zu einem Großteil ist daran auch die Forschungsförderung schuld, die Risiko scheut und langweilige Forschung viel eher fördert, wenn diese in den bestehenden Strukturen organisiert ist.
Plasmabruzzler 19.04.2013
Um Professor zu werden, ist nun einmal ein Studium, Promotion, ggf. Postdoc-Phase und Habilitation nötig. Wie man das alles vor dem 30. Lebensjahr hinbekommen soll, müssen Sie uns einmal erklären. Außerdem bringt es den [...]
Zitat von NewspeakDeutschland sollte vor allem mehr junge Professuren schaffen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum man Mitte 30 bis Anfang 40 sein soll, um auf die erste Professur berufen zu werden.
Um Professor zu werden, ist nun einmal ein Studium, Promotion, ggf. Postdoc-Phase und Habilitation nötig. Wie man das alles vor dem 30. Lebensjahr hinbekommen soll, müssen Sie uns einmal erklären. Außerdem bringt es den Studierenden wenig, wenn jemand eine Vorlesung hält, der gerade selbst seine berufliche Laufbahn angefangen hat - vom wissenschaftlichen Anspruch an die Arbeit des Professors mal ganz abgesehen. Für die, die es dennoch können, wurde die sog. Juniorprofessur geschaffen. Sie sind offenbar schlecht informiert. Selbständig wissenschaftlich arbeiten, also forschen, kann man mit Abschluss der Promotion. Die jedoch so weit gekommen sind, sitzen aber meist auf befristeten Stellen. Die nennt man auch akademischen Mittelbau, der immer mehr abgebaut wird. In Abhängigkeit eines Professors stehen diese jedoch nicht, weil sie selber Drittmittel einwerben können. Ein wirkliches Problem sehe ich bei der (1) Lebensplanung und der (2) [wissenschaftlichen] Karriere. (1) wer unerwartet über längere Zeit krank wird oder schwanger, dessen befristeter Vertrag läuft aus und man kann sehen, wo man an Geld kommt. Die Partnerwahl dürfte auch nicht einfach sein, wenn man heute hier und bald woanders der Wissenschaft dient. (2) wer ständig befristet beschäftigt ist, hat eventuell Lücken im Lebenslauf. Das ist zwar bei kurzen Zeiten kein Problem in der Wissenschaft, aber wer auf dem freien Arbeitsmarkt arbeiten oder forschen möchte, können die Lücken zum Problem werden.
SaskiaM 19.04.2013
Ich verstehe die Motivation von Kommentar # 1 und # 3 nicht. Das sind m.E. Einzelphänomene, die die Grundproblematik nicht treffend widergeben. Fakt ist, dass Doktoranden, die an der Uni angestellt sind (und ich rede von den [...]
Ich verstehe die Motivation von Kommentar # 1 und # 3 nicht. Das sind m.E. Einzelphänomene, die die Grundproblematik nicht treffend widergeben. Fakt ist, dass Doktoranden, die an der Uni angestellt sind (und ich rede von den Geisteswissenschaften): - massivst mit Lehre überfrachtet werden (ich hatte pro Semester ca. 60 Master- und Dilpomstudenten fest zu betreuen, dazu kam die unter uns Kollegen geteilte Verantwortung für 800 Bachelorstudenten im 1. Semester, dazu kam die Betreuung von ´Bachelor-, Diplom- und Masterarbeiten, dazu kam noch allgemeine Verwaltungsaufgaben und Anfragen/Nachhilfe für Studenten - nicht wissen, ob sie im nächsten Jahr noch beschäftigt sind (bei uns gab es Fälle, bei denen gab es Arbeitsverträge im 3 Monatstakt) - eine Arbeitsbelastung von 60 h / Woche und aufwärts haben. Dabei werden sie für 50% bezahlt und der Rest muss aus intrinsischer Motivation kommen. Die Bezahlung ist so unterirdisch, dass alle Doktoranden dem Prekariat zuzurechnen sind. Natürlich aber hat man ja nach 10 Jahren evtl. Aussicht auf eine Professorenanstellung...die berühmte Karotte vor der Nase. Dabei gewinnen nur wenige im Rattenrennen - Dazu noch die Sparorgien der Unis, so dass die Teilnahme an Methodenworkshops oder die Teilnahme an Konferenzen kaum noch finanziert werden kann. Leider ist gerade das Sehen und Gesehen werden auf internationalen Konferenzen eine der Grundvoraussetzung für eine weitere erfolgreiche Karriere. Ich habe Deutschland verlassen. Kann ich jedem anderen (nicht privilegierten) Doktorand in Deutschland auch nur raten.
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  • Donnerstag, 18.04.2013 – 18:48 Uhr
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Der Bericht in Kürze
Der erste Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (BuWiN) ist 2008 vom Bundeskabinett verabschiedet worden. Gedacht als Ergänzung zur Bildungsberichterstattung sollte er der Politik Hinweise geben, wie Laufbahnen in der Wissenschaft attraktiver werden können.




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