Hetze gegen Nazi-Gegner: Gericht verurteilt rechtsextremen Burschenschafter

Von Sebastian Christ, Bonn

Er verunglimpfte einen Nazi-Widerstandskämpfer als "Landesverräter", wurde belangt und ging dagegen vor. Doch jetzt unterlag der rechtsextreme Burschenschafter Norbert Weidner vor Gericht: Er muss eine Geldstrafe zahlen.

Burschenschafter Weidner vor Gericht (Archiv): Revision angekündigt Zur Großansicht
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Burschenschafter Weidner vor Gericht (Archiv): Revision angekündigt

Er ist einsneunzig groß, er hat Schultern wie ein Kraftsportler und ein kantiges Gesicht mit Siebentagebart. Doch in diesem Moment möchte Norbert Weidner klein sein. Er, der angibt, sein Geld mit journalistischer Tätigkeit zu verdienen und bis vor wenigen Wochen noch als "Schriftleiter" der "Burschenschaftlichen Blätter" in der Öffentlichkeit stand, als Chefredakteur der Verbandszeitschrift der Deutschen Burschenschaft - und damit einer der einflussreichsten Burschenschafter.

Er würde gern unerkannt bleiben, duckt sich hinter einer weißen Mappe mit dem Logo der Deutschen Burschenschaft weg. Die Fotografen stehen vor ihm und warten darauf, dass sie doch wenigstens ein Auge oder eine Geheimratsecke fotografieren können. Dann müssen die Fotografen aus dem Saal. Einige Momente später nimmt Weidner dann die Mappe runter und zeigt sein Gesicht: Es wirkt gefasst. Und er ist gut vorbereitet.

Vor dem Bonner Landgericht wird sein Einspruch gegen einen Strafbefehl des Bonner Amtsgerichtes verhandelt. Weidner, Mitglied der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn und ehemals hoher Funktionär des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft, sollte ursprünglich 60 Tagessätze zu 40 Euro bezahlen. Der Vorwurf: Er hatte das Andenken des im Konzentrationslager Flossenbürg ermordeten NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer verunglimpft. So heißt es juristisch korrekt.

Wie der Burschenschafter provozierte

Was passiert war: Weidner hatte in der Mitgliederzeitung seines Bundes einen Leserbrief veröffentlicht, die Vorbildfunktion Dietrich Bonhoeffers infrage gestellt und ihn als "Landesverräter" bezeichnet. Mehr noch: Bonhoeffer habe erst spät zum Widerstand gefunden, schreibt Weidner, und sei trotz Systemkritik lange Zeit nicht verfolgt worden. Das alles passe nicht zum Bild von Bonhoeffer, das heute gezeichnet werde. Als er schließlich begonnen habe, Informationen an die Briten zu übermitteln, habe er durch seinen "Verrat" den "Tod von Tausenden deutschen Soldaten" zu verantworten gehabt. Nach seiner Verhaftung, im Tegeler Gefängnis, habe Bonhoeffer als "Stargefangener" noch die Gelegenheit gehabt, sich mit seinem Onkel zu betrinken. "In BRD-Gefängnissen dürfte es nicht so fidel zugehen", schreibt Weidner, der auch die Hinrichtung des Widerstandskämpfers in dem Text indirekt rechtfertigt. Der Brief ist eine perfide Provokation, zwischen den Zeilen trieft er vor Hetze.

Weidner hat zudem eine durchaus einschlägige Vergangenheit, ein Blick in die Zeitungsarchive offenbart seine rechte Karriere. Es setzt sich das Bild eines Mannes zusammen, der auch in rechtsextremen Organisationen aktiv war, die mittlerweile verboten sind. Und der zwar die militante Neonazi-Szene verlassen hat, aber in mehreren Interviews Wert darauf legte, er sei nicht ausgestiegen, sondern habe sich lediglich zurückgezogen.

Der Staatsanwalt stellt schnell klar, was er von Weidners Leserbrief hält: "Ich kann dem ausdrücklich nur mit Entsetzen zuhören." In der Verhandlung geht es vor allem um eine Frage: Inwiefern war Weidners Leserbrief öffentlich? Es ist eine Definitionsfrage, die darüber entscheidet, ob der Strafbefehl gegen den Bonner Burschenschafter bestätigt werden kann. Weidner versucht in einem kurzen Statement klarzustellen, dass sein Leserbrief in einer sehr kleinen Auflage von 145 Exemplaren veröffentlicht wurde - in einer internen Zeitschrift, die nur an "Bundsbrüder und Alte Herren" gegangen sei und nie zu Werbezwecken bestimmt war. Es sei ein Gesetz, dass diese Zeitungen niemals weitergegeben werden dürften.

Wie Weidner seinen Posten als "Schriftleiter" verlor

Woher er das wisse, fragt der Staatsanwalt. Das habe er selbst so kennengelernt. Verbindungstradition. Zudem habe er Dietrich Bonhoeffer nie verunglimpfen wollen. Als Nachweis dafür reicht er einen zweiten Leserbrief an die Richterin. Sie liest daraus vor: "Ich konnte nicht wissen, dass der Brief an 'SPIEGEL ONLINE' gerät, sonst hätte ich ihn sorgsamer formuliert", sagte Weidner. "Ich wäre entsetzt, wenn ein Bundesbruder der Zuträger wäre." Dann erklärt er seinen Respekt vor der Person Bonhoeffers und seine grundsätzlich positive Einstellung zum NS-Widerstand, nur um kurze Zeit später abermals den Begriff des Landesverrats zu diskutieren und einen weiten Bogen in die Gegenwart zu schlagen - auch Männer wie der Wikileaks-Informant Bradley Manning seien schließlich Landesverräter.

Weidner gibt zudem an, mittlerweile weniger zu verdienen als noch vor einigen Monaten. Er sei aufgrund des Wegfalls "einer Haupteinnahmequelle auf Beschäftigungssuche" und wohne wieder bei seinen Eltern. Beim letzten Burschentag war er als "Schriftleiter" der Verbandszeitung abgesetzt worden - nach heftigen internen Machtkämpfen, aus denen die völkischen Ideologen und rechtsextremen Funktionäre als Gewinner hervorgingen.

Weiter will sich Weidner nicht äußern. Auf Nachfrage des Staatsanwaltes reagiert er gereizt: Der habe sein Statement und seine Weigerung, sich weitergehend äußern zu wollen, wohl nicht verstanden. Weidner ist sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht. Und doch kann er nicht aus seiner Haut: Ein eindeutiges Bekenntnis zu Bonhoeffer und dessen Rolle im Widerstand kommt ihm nicht über die Lippen.

Die Richterin bestätigt den Strafbefehl gegen Weidner, verringert ihn jedoch auf 40 Tagessätze zu je 30 Euro. Dazu beigetragen habe der zweite Leserbrief von Weidner, in dem er klargestellt habe, dass er Bonhoeffer nicht verunglimpfen wollte - wenngleich er es doch getan habe. Damit ist Weidner verurteilt.

Der Begriff "Vaterlandsverräter" sei eine Beleidigung, die besonders schwer wiege, weil Bonhoeffer in Wahrheit für Deutschland gestorben sei. Außerdem könne man von einer öffentlichen Verbreitung des Leserbriefes ausgehen, weil Weidner keine Kontrolle mehr darüber gehabt habe, ob jedes der 145 Zeitschriften-Exemplare nicht doch von Dritten eingesehen werden könne. Dass der Brief an die Öffentlichkeit gelangt ist, sei ein Beweis für diesen Kontrollverlust. Der niedrigere Tagessatz resultiere aus seinem geringeren Einkommen.

Die Richterin erklärt ihm, dass er gegen den Strafbefehl erneut Revision einlegen könne. Weidner sagt: "Das werde ich machen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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1. juristisches 1x1
oliveras999 15.01.2013
Durch den Einspruch ist der Strafbefehl nicht rechtskräftig geworden. Als Ergebnis der Hauptverhandlung liegt nun das Urteil des AG vor. Gegen dieses kann W. nun entweder Revision oder Berufung einlegen.
2. Genau das sind die gefährlichen Leute!
Nabob 15.01.2013
Zitat von sysopEr verunglimpfte einen Nazi-Widerstandskämpfer als "Landesverräter", wurde verurteilt und ging dagegen vor. Doch jetzt unterlag der rechtsextreme Burschenschafter Norbert Weidner vor Gericht: Er muss eine Geldstrafe zahlen. Burschenschafter: Gericht bestätigt Urteil gegen Norbert Weidner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-gericht-bestaetigt-urteil-gegen-norbert-weidner-a-877600.html)
Solche geben die ideellen Linien vor, aus denen so etwas wie NSU etc. entstehen. Im Sinne der Generalprävention kann man sie gar nicht scharf genug sanktionieren. Sie predigen Dummheit, aber sie tragen es intelligent vor und das macht es problematisch. Der Motor dessen dürften persönlich empfundene Defizite sein, doch was nützt es, entscheidend ist, was sie anrichten. Umso erbärmlicher erscheint die intellektuelle Kraftlosigkeit jener, die diesen Staat von einer Krise in die andere jonglieren und dafür noch gewählt werden wollen. Sie sind es, die die sozialen Grundlagen dafür anrichten, dass solche Leute wie Weidner überhaupt Gefolgschaft haben können.
3. Mitglied
charlybird 15.01.2013
der Alten Breslauer Burschenschaftler und hoher Funktionär des Dachverbandes Deutscher Burschenschaftler, wohnt bei Mammi und macht auf deutschnational. Da müssen einem doch die Tränen kommen, fragt sich nur vor Rührung oder vor Lachen. Nee, nee, Spaß beiseite, solche hatten wir mal, und danach war Elend.
4. Allein schon das Wort Burschenschaft
ReneMeinhardt 15.01.2013
erinnert mich an eine Gruppe pubertierender Jungen, die gern gegenseitig an ihren Zipfeln spielen. Zu meinen Studienzeiten wurde ich auch von solchen dubiosen Gruppierungen angeworben, aber ich habe dankend abgelehnt, meine geistige Freiheit ist mir lieber.
5. Darauf kommt es gar nicht an!
Bundestrainer 15.01.2013
Zitat von sysop... ist es Landesverrat, wenn jemand während eines Krieges absichtlich unbefugt taktisch wichtige Informationen an den Feind weitergibt. Ob Dietrich Bonhoeffer das getan hat oder nicht, darüber schweigt der Artikel. Warum eigentlich? Denn das hätte mich schon interessiert, weil es nämlich ein anderes Licht auf seine Tötung werfen würde. Es ist schließlich ein Unterschied, ob jemand wegen Spionagetätigkeit zum Tode verurteilt wurde oder wegen systemkritischer Äußerungen.
Der NS-Staat war - als Terror- und Unrechtsstaat - nicht verratsfähig. Deshalb kann man auch nicht darüber diskutieren. ob die Bezeichnung Landesverräter für ein Opfer dieser Terrorherrschaft irgendwie gerechtfertigt sein könnte. Dies hat der BGH schon in den 50er-Jahren festgestellt und damit die Strafbarkeit solcher Aussagen festgeschrieben.
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Wie Rechtsextreme das Ruder übernahmen
Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.