Streit um Rechtsruck: Burschenschafter hetzt gegen Nazi-Widerstandskämpfer

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Neuer Eklat in der Deutschen Burschenschaft: Ein hoher Funktionär hetzt in einem Leserbrief gegen den Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er bezeichnet ihn als "Landesverräter" und verteidigt dessen Hinrichtung durch das NS-Regime. Dem Dachverband droht nun die nächste Zerreißprobe.

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Burschenschaften: Neuer Eklat um Rechtsradikalismus

Schlechter könnte es für die Deutsche Burschenschaft (DB) kaum laufen, einen der ältesten Dachverbände der deutschen Verbindungsszene. Bald steht wieder der Burschentag an, das wichtigste Treffen der Burschenschafter, zu dem Vertreter aller Mitglieder nach Eisenach kommen. Und wieder sieht es so aus, als würden Rechtsextreme das öffentliche Bild prägen.

Schon im vergangenen Jahr endete der Burschentag im Eklat: Der Streit um einen "Ariernachweis" führte die DB mit ihren 120 Bünden und knapp 10.000 Verbandsbrüdern nah an die Spaltung. Entzündet hatte sich die Auseinandersetzung an einem chinesischstämmigen Burschenschafter: Einigen Bundesbrüdern war er nicht deutsch genug. Es war ein Desaster für die Burschenschaften. Der Großteil der studentischen Verbindungsszene distanzierte sich, der Imageschaden war beträchtlich, selbst internationale Medien berichteten über den Rassismus in der DB.

Dieses Jahr sollte alles besser werden, doch wieder sieht es so aus, als würden Rechtsextreme in dem Verband den Ton angeben.

Wie bei dem Streit um den "Ariernachweis" liegt der Ursprung bei der "Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn". Ein prominenter Bursche dieses Bundes titulierte den Nazi-Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im KZ hingerichtet wurde, als "Landesverräter" - und zwar öffentlich.

In einem ausführlichen Leserbrief an die Mitgliedszeitung der Raczeks verteidigte der Bursche zudem die Hinrichtung Bonhoeffers: "Rein juristisch halte ich die Verurteilung für gerechtfertigt." Eine Verurteilung, die so zustande kam: Ein nicht zuständiges SS-Standgericht hatte Bonhoeffer in den Tod geschickt, ohne Verteidigung, ohne schriftliche Aufzeichnung, mit dem KZ-Kommandanten als Beisitzer. Bonhoeffer starb am Tag nach dem Urteil am Strang, wenige Tage vor Kriegsende.

Warum der Brief strafrechtliche Konsequenzen haben könnte

Der Leserbrief erschien im Herbst 2011 als Antwort auf einen Artikel, in dem Bonhoeffer als Vorbild für heutige Burschenschafter skizziert wurde - eine Einschätzung, der der Leserbriefschreiber vehement widerspricht: Bonhoeffer habe "politische und militärische Pläne vor allem den Briten" übermittelt und so den Tod Tausender deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg mitverschuldet. Schlussfolgerung: "Bonhoeffer war zweifelsfrei ein Landesverräter." Er habe nicht sehen wollen, dass es den Alliierten darum gegangen sei, "Deutschland nachhaltig zu schwächen, zu zerschlagen und zu dominieren, um es deutlich zu formulieren".

Experten sehen darin eine "abwegige Argumentationskette", wie es Joachim Perels formuliert, Professor für Politikwissenschaft in Hannover und renommierter Widerstandsforscher.

Der Brief könnte zudem strafrechtlich relevant sein. In ähnlichen Fällen verhängten bundesdeutsche Gerichte häufig Urteile wegen übler Nachrede und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Hubert Rottleuthner, Jura-Professor an der FU Berlin und Experte für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, erinnert der Leserbrief an den Präzedenzfall, der bereits 60 Jahre zurückliegt: Damals verurteilte das Landgericht Braunschweig den rechtsextremen Ex-Wehrmachtsgeneral Otto Ernst Remer zu einer Haftstrafe, nachdem er die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 als "Landesverräter" tituliert hatte. Ähnlich urteilen Richter bis heute, erst vor knapp drei Jahren musste ein CDU-Mann eine Geldstrafe zahlen, weil er Bonhoeffer ebenfalls als "ganz gewöhnlichen Landesverräter" bezeichnet hatte.

Der Autor des Briefes hat eine braune Karriere hinter sich

Verfasser des Leserbriefs ist nicht irgendein Burschenschafter, sondern einer der einflussreichsten Funktionäre aus der Führungsriege des Dachverbands: Norbert Weidner, Vorstandsmitglied sowohl der Raczeks als auch der DB. Als Chefredakteur der "Burschenschaftlichen Blätter" bestimmt er die Ausrichtung der auflagenstarken Zeitschrift des Dachverbands, nebenbei mit zurzeit 23.000 Euro im Jahr mit Abstand das bestbezahlte Amt, das die DB zu vergeben hat.

Weidner hat eine durchaus einschlägige Vergangenheit, ein Blick in die Zeitungsarchive offenbart seine rechte Karriere. Es setzt sich das Bild eines Mannes zusammen, der in zahlreichen rechtsextremen Organisationen aktiv war, die mittlerweile verboten sind.

Mit 15 Jahren stößt Weidner demnach zur rechtsextremen "Wiking-Jugend". In den folgenden sieben Jahren steigt er auf zu einem der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Szene und zum Funktionär der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Als im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Asylbewerberheime brennen, reist Weidner aus Bonn an und gibt Interviews. Kurz darauf entwickelt er maßgeblich die "Anti-Antifa" mit: ein Konzept, mit dem echte und vermeintliche Gegner ausgespäht und ihre Personendaten in einschlägigen Postillen veröffentlicht werden - ein kaum verhohlener Aufruf zur Gewalt.

Zu dieser Zeit berichtet die "taz" von einer Kooperation verschiedenster rechter Bewegungen im Köln-Bonner Raum. Demnach arbeiteten in der "Initaitive Gesamtdeutschland" unter anderem die NPD, die DVU oder die "Wiking-Jugend" zusammen - sowie die FAP und Burschenschaften. Als die FAP im Februar 1995 verboten wird, fungiert Weidner als Landesgeschäftsführer in Nordrhein-Westfalen und vernichtet in der Nacht vor dem Verbot eilig wichtige Belege. Kurz darauf verlässt er die militante Neonazi-Szene - legt aber in mehreren Interviews Wert darauf, er sei nicht ausgestiegen, sondern habe sich lediglich zurückgezogen.

Laut Antifa-Publikationen bekleidete Weidner noch bis März 1996 das Amt des Kassenwarts in der Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene (HNG) - eine Organisation, die inhaftierte Rechtsextreme betreute. Auch sie wurde im September 2011 verboten. Nach seinem Rückzug vom militanten Neonazismus studierte er - und wurde 1999 Burschenschafter bei den Raczeks. Im gleichen Jahr trat er laut eigener Aussage der FDP bei.

Schriftlich gestellte Fragen nach seinen Mitgliedschaften bei HNG und FDP beantwortet Weidner ebenso wenig wie die nach der Urheberschaft des Leserbriefs, einen telefonischen Kontaktversuch bricht er umgehend ab. Dabei wird es zurzeit auch intern ungemütlicher für ihn: Für den gemäßigten Flügel der Deutschen Burschenschaft ist Weidner ohnehin seit längerem ein Ärgernis, wie interne Dokumente belegen.

Nach dem Eklat um den "Ariernachweis" haben sich zudem die liberaleren Bünde inzwischen in der "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" (IBZ) zusammengeschlossen, um den Rechtsextremen entgegenzutreten. Und der chinesischstämmige Bursche, an dem sich der Streit um die Aufnahmekriterien im vergangenen Jahr entzündete, will auf dem Burschentag Ende Mai gar für ein Vorstandsamt im Dachverband kandidieren - für die rechtsextremen Bünde wäre sein Erfolg der Worst Case. Es deutet zurzeit wenig darauf hin, dass der Burschentag in diesem Jahr harmonischer verlaufen wird als der im Jahr 2011.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Deutsche Burschenschaft sei der älteste deutsche Dachverband der Verbindungsszene. Diese Information ist falsch - so wurden etwa der KSCV als auch der WSC zuvor gegründet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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1.
box-horn 11.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINENeuer Eklat in der Deutschen Burschenschaft: Ein hoher Funktionär hetzt in einem Leserbrief gegen den Theologen Dietrich Bonhoeffer - und bezeichnet dessen Kampf gegen das NS-Regime als "Landesverrat". Dem Dachverband droht nun die nächste Zerreißprobe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,826757,00.html
Endlich einmal ein ernstzunehmender Artikel zu diesem verflixten Thema in SPON, vielen Dank.
2. Die Burschen sollen...
axiom 11.04.2012
... ihre freiheitlichen Wurzeln im europäischen Frühling verinnerlichen und sich vom rechten Flügel trennen.
3. Titel!
joey55 11.04.2012
Da fällt einem auch als Bonner Korporationsstudent nichts mehr zu ein.
4.
Frank Zappa 11.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINENeuer Eklat in der Deutschen Burschenschaft: Ein hoher Funktionär hetzt in einem Leserbrief gegen den Theologen Dietrich Bonhoeffer - und bezeichnet dessen Kampf gegen das NS-Regime als "Landesverrat". Dem Dachverband droht nun die nächste Zerreißprobe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,826757,00.html
Ich glaube, es war der bayerische Kabarettist Sigi Zimmerschied, der die Burschenschaften wie folgt definierte: "Große Leber, kleines Hirn."
5. Wenn der Dachverband...
sappelkopp 11.04.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINENeuer Eklat in der Deutschen Burschenschaft: Ein hoher Funktionär hetzt in einem Leserbrief gegen den Theologen Dietrich Bonhoeffer - und bezeichnet dessen Kampf gegen das NS-Regime als "Landesverrat". Dem Dachverband droht nun die nächste Zerreißprobe. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,826757,00.html
...auch nur ansatzweise Mumm in den Knochen hätte, würde er dafür sorgen, dass der Mann umgehend die Deutsche Burschenschaft verlässt. Da er es nicht tut, muss man davon ausgehen, dass diese Art Meinungen in der gesamten Organisation vorhanden sind und toleriert werden. Ich verstehe überhaupt nicht, warum junge Menschen da mitmachen müssen. Netzwerkentwicklung? Das geht auch ohne das braune Gedankengut. Ich hatte in den 80er Jahren Gelegenheit in Hamburg in eine nicht schlagende Verbindung hineinzuschauen und habe mich angewidert abgewendet. Besonders wenn die "Herren" etwas zuviel Bier getankt haben, zeigten Sie Ihre wahres Gesicht.
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Deutsche Burschenschaft: Dachverband droht die Spaltung

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Burschen-Leaks: Deutsche Burschenschaft am Abgrund
Begriffe
Alter Herr/Hohe Dame
Verbindungsmitglied im Berufsleben, finanziert durch seine Beiträge die Aktivitäten der Korporation. Wird auch "Philister" genannt.
Bierkrank
Ausdruck für Studenten, die nicht mehr trinken wollen oder können.
Bierverschiss
Verweis für Teilnehmer einer –> Kneipe.
Bummel
Offizieller Spaziergang durch die Stadt, dabei wird die –> Couleur angelegt.
Conkneipant/Kneipschwanz
Mitglied, das laut Verbindungssatzung eigentlich nicht aufgenommen werden darf, wegen besonderem Interesse oder besonderer Verdienste aber dabei sein soll. Wurde früher auch "Kneipschwanz" genannt.
Couleur
Farben der Verbindung, werden als Band, –> Zipfel oder Mütze getragen.
Fux/Fuchs
Neumitglied im ersten Jahr, Status endet mit der Burschenprüfung.
Kneipe
Traditionelle Studentenfeier mit strengem Ablaufplan, in der festlicheren Variante "Kommers" genannt.
Pauken/Mensur
Studentische Fechtkunst bei schlagenden Verbindungen. Verletzungen im Gesicht sind möglich, die Narben heißen "Schmiss" und waren früher Statussymbole.
Stiftungsfest
Gründungsjubiläum, wird mit festlichem Ball und Kommers gefeiert.
Zipfel
Schmuckanhänger in –> Couleur, tauschen befreundete Bundesbrüder und -schwestern miteinander.
Zirkel
Symbol einer Verbindung, enthält mehrere Buchstaben in ausgeschmückter Handschrift, Abschluss bei aktiven Mitgliedern mit einem Ausrufezeichen.

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Die Deutsche Burschenschaft ist der älteste und größte Dachverband von rund 120 Mitgliedsbünden. Wie kam es dazu, dass er heute von Rechtsextremen bestimmt wird?
Fünfziger und sechziger Jahre
Die damals relativ wenigen großdeutsch denkenden Bünde kämpften vergeblich dafür, österreichische Burschenschaften aufzunehmen, die mehrheitlich völkische Aufnahmekriterien hatten. Die Liberal-Konservativen hingegen wollten die Pflicht zur Aufnahmemensur abschaffen - ein Affront für die Rechtsextremen. Der Verband war handlungsunfähig.
Siebziger Jahre
1971 schlossen die Liberal-Konservativen einen fatalen Kompromiss: Sie akzeptierten den völkischen Vaterlandsbegriff, der auch österreichischen Bünden die Aufnahme ermöglicht. Dafür stimmten die anderen für die Abschaffung der Pflichtmensur.
Kompromiss mit Folgen
Mit diesem "historischen Kompromiss" sorgten die Liberal-Konservativen selbst für ihre schleichende Marginalisierung: Die Verfechter des Blut- und Bodenrechts wurden mächtiger, denn die neuen österreichischen Bünde gehörten ja zu ihnen. Weil jeder Bund auf den Burschentagen das gleiche Stimmengewicht hat, ist es unerheblich, dass viele österreichische und - nach der Wiedervereinigung - ostdeutsche Mitgliedsbünde sehr klein sind.
Ruck nach rechts
Viele der oft mitgliederstarken liberal-konservativen Bünde verließen den Verband, der dadurch noch weiter nach rechts rückte. Die Jenaer Urburschenschaften sind allesamt ausgetreten. In Gießen gab es einmal vier Mitgliedsbünde, heute noch einen, die Dresdensia-Rugia - deren Bundesbruder Arne Schimmer sitzt für die NPD im sächsischen Landtag. Die Folge: Der Rechtsaußen-Flügel besetzt inzwischen alle Schlüsselpositionen des Verbands und bekommt für Anträge quasi ausnahmslos eine Mehrheit.
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